Panorama

Rat von Pater Anselm Grün Weihnachten braucht die Stille

bc69509097a6f1f94ba4f1a79a208bf6.jpg

Pater Anselm: "Was geschieht in mir, in meiner Seele?"

(Foto: dpa)

Wenn zu den gesamten Corona-Einschränkungen noch die Ausgangsperre kommt, werden zu Weihnachten noch mehr Menschen allein feiern müssen als in früheren Jahren. Dass das gar nicht so verkehrt ist, sondern sogar gut sein kann, erläutert Benediktinerpater Anselm Grün.

Der abrupte Wechsel vom stressigen Arbeitsalltag in die besinnlichen Feiertage kann nach Ansicht von Benediktinerpater Anselm Grün auch frustrierend sein. "Es kann wichtig sein, nicht zu viel zu erwarten. Wer früh umfangreiche Erwartungen aufbaut, kann schnell enttäuscht werden", sagte der 75-Jährige den Zeitungen "Main-Post" und "Augsburger Allgemeine".

Gerade jetzt in der Corona-Krise sollte Weihnachten neu betrachtet werden. "In den vergangenen 100 Jahren ist Weihnachten immer mehr zum Familientag verklärt worden und hat sich dadurch immer mehr vom Kern entfernt." Viele Menschen sehnten sich nach einer heilen großen Familie zurück, "obwohl die Verhältnisse real ganz anders aussehen". In diesem Jahr gebe es die Chance, jenseits der großen Familienfeiern sich auf sich selbst zu konzentrieren. "Weihnachten braucht die Stille. Was geschieht in mir, in meiner Seele? Dies wird nur in der Stille hörbar", so der 75-Jährige. "Auch wenn man allein ist und keinen Besuch erhält, findet Weihnachten statt."

"Gleichwohl weiß er, der als 13-Jähriger in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach im Landkreis Kitzingen kam, dass die Corona-Pandemie für die Menschen extrem herausfordernd ist. "Für die Gesellschaft ist es sicherlich eine außergewöhnlich schwierige Zeit, weil die Fundamente erschüttert werden." Dazu gehörten die "Planbarkeit des Lebens, der Austausch miteinander und die Sicherheit in der Arbeit". Stattdessen gebe es jetzt Angst vor der Zukunft und vor der Krankheit. Umso wichtiger sei da, auch "eine spirituelle Antwort" zu geben, so der Bestsellerautor.

Hungrig nach Worten

"Ich versuche, jetzt mehr zu schreiben, auch in Facebook und bei Instagram, dass die Menschen Anregungen bekommen", sagt Grün. "Ich merke schon, dass die Menschen sehr hungrig sind nach guten Worten. Nicht nach salbungsvollen Worten, sondern nach realistischen Worten, die aber trotzdem aufbauen." Pater Anselm Grün gilt mit mehr als 300 Büchern und einer geschätzten Auflage von 20 Millionen Exemplaren als meistgelesener christlicher Autor im deutschsprachigen Raum.

Mehr zum Thema

Er selbst bekomme mehr Anfragen als sonst, per Mail oder per Brief. Von Menschen, die vom Alleinsein oder von Überlastung in der Corona-Krise berichteten. "Die Leute merken schon, dass da Spiritualität eine wichtige Hilfe wäre. Wie zum Beispiel bestimmte christliche Rituale, mit denen man den Tag beginnt und beendet." Für ihn persönlich sei die Corona-Pandemie keine schwierige Zeit. "Weil ich es genießen kann, mehr Zeit zu haben", sagte der Mönch. Statt bisher sechs Stunden schreibe er jetzt in der Woche acht bis neun Stunden. Beim Schreiben sei aber auch Lesen dabei.

Wenn er etwas nachschauen wolle, gehe er in die Bibliothek. "Ich schaue nicht im Internet nach. In meiner Klosterzelle habe ich überhaupt kein Internet. Ich benutze Lexika und andere Bücher", sagte er. Gerade treibe ihn um, wie man als Kirche und als Mönch vor allem die 30- bis 40-Jährigen erreichen könne. "Das sind Menschen, die sich oft von der Kirche abgewandt haben, aber trotzdem mitten im Leben stehen und durchaus offen sind für Werte." Noch sei er da auf der Suche nach der "richtigen Sprache".

Quelle: ntv.de, soe, dpa