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Erwachsenen- oder Jugendrecht Welche Strafe ist für Marcel H. gerecht?

Er hat gestanden, einen Nachbarsjungen und einen früheren Schulfreund getötet zu haben. Doch sonst bleibt Marcel H. in dem Mordprozess gegen ihn stumm. Nun soll ein Urteil gegen ihn fallen. Der Richter hat dabei mehrere Möglichkeiten.

Am 6. März 2017 verschwindet der neunjährige Jaden, nachdem ihn ein Nachbar gebeten hatte, eine Leiter zu halten. Er wird am Abend im Keller des Nebenhauses tot gefunden. Sein Körper ist übersät mit Messerstichen. Der mutmaßliche Täter ist schnell gefunden. Die Polizei fahndet nach dem 19-jährigen Marcel H., der Jaden um Hilfe gebeten hatte und der einem Bekannten über Whatsapp Bilder schickte, die offenbar das gerade ermordete Kind zeigen.

Drei Tage später stellt sich H., da hat die Polizei in einer brennenden Wohnung in Herne noch ein weiteres Opfer entdeckt. Christopher W. ist ein Bekannter des mutmaßlichen Täters, bei ihm hatte er Unterschlupf gefunden. Auch W. wurde mit vielen Messerstichen getötet.  Offenbar, weil er die Polizei informieren wollte.

Ein Kind und ein Freund als Opfer, dazu ein Täter, dessen Motiv unfassbar erscheint. Im Prozess gegen Marcel H. muss für diese Taten eine angemessene Strafe gefunden werden. Zum Tatzeitpunkt ist H. noch ein Teenager, ein Heranwachsender. Dass er die Taten begangen hat, hat er über seinen Verteidiger vor dem Landgericht Bochum gestanden. Doch ansonsten schwieg er an den über 20 Verhandlungstagen. Ein junger Mann, dessen Haare zwischenzeitlich nachgewachsen waren, bis er sie erneut abrasierte, schmächtig, dabei vollkommen gleichgültig gegenüber dem Leid seiner Opfer und ihrer Angehörigen.  

In seiner Aussage bei der Polizei, die er vor fast einem Jahr den Beamten geradezu in den Block diktierte, berichtete er, wie er sich nach der Ablehnung seiner Bewerbung bei der Bundeswehr einen Mord vorgenommen hatte. Sein Opfer sollte der erste Mensch sein, der ihm die Tür öffnet. Das war Jaden.  

Grausam und eitel

52 Mal stach er Rechtsmedizinern zufolge auf den Neunjährigen ein, 68 Mal auf den ihm körperlich eigentlich überlegenen Christopher. Seine Opfer waren wohl längst tot, als er sie noch immer malträtierte. Christopher presste er noch im Sterben seinen Handy-Code und die Bankkarten-Pin ab, gegen das Versprechen, einen Krankenwagen zu rufen. Er rief keinen Retter, er erdrosselte seinen früheren Schulfreund schließlich.

Einer Psychologin erzählt H. im Gefängnis, dass er Frustration schon immer mit Gewalt begegnet ist. In seinem Zimmer habe er ein Kissen gehabt, auf das er mit Messern einstach. Nichts deutet darauf hin, dass eine seelische oder körperliche Erkrankung die Taten auslöste. H. ist einfach ein bindungsgestörter Besserwisser, Wichtigtuer und Fantast ohne Mitgefühl. Auch von Reue war in Bochum nichts zu spüren.

Die Rechtspsychologin und die Psychiaterin, die H. begutachteten, kamen zu dem Schluss, seine Persönlichkeit sei bereits ausgereift. Problematisch seien vor allem die "psychopathischen, narzisstischen und sadistischen" Elemente darin, die im Jugendstrafvollzug kaum mehr korrigiert werden könnten. Sie sahen eine vollständige Schuldfähigkeit und empfahlen eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht.

Auch Staatsanwalt Danyal Maibaum forderte lebenslange Haft für H. und beantragte zudem, die besondere Schwere der Schuld festzustellen und die Anordnung einer Sicherungsverwahrung vorzubehalten. Die Anwälte der Nebenklage, die die Familien der Opfer vor Gericht vertreten, schlossen sich diesen Forderungen nach einer Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht an. H.s Anwalt plädierte hingegen dafür, bei seinem Mandanten Jugendstrafrecht anzuwenden. Zwischen diesen Möglichkeiten muss sich der Richter entscheiden.

Am Ende könnte H. 10 bis 15 Jahre in Haft verbringen. Bei einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht müsste eine anschließende Sicherungsverwahrung noch einmal geprüft werden. Doch selbst dann wäre er erst Ende 20, vielleicht Mitte 30. Ob er dann ein anderer ist, hängt vor allem davon ab, wie er sich im Strafvollzug mit den Morden auseinandersetzt.

Quelle: n-tv.de

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