Panorama

"Müssen dann Leute wegschicken"Wenn HateAid seine Arbeit nicht mehr machen kann ...

03.04.2026, 12:59 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecEin Interview von Sabine Oelmann
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"Es wäre für uns tatsächlich fatal, nicht zu wissen, ob es weitergeht", sagt Anna-Lena von Hodenberg, Geschäftsführerin der HateAid Gmbh, im Gespräch mit ntv.de. (Foto: IMAGO/ecomedia/robert fishman)

Bundesfamilienministerin Karin Prien plant einen Neustart bei Programmen wie "Demokratie leben!", von dem auch HateAid gefördert wird. Bei einigen der bisher geförderten Vereine und Verbände herrscht Skepsis bis Entsetzen. Auch im Bundestag musste sich die CDU-Politikerin heftige Kritik anhören. Grüne und Linke vermuten eine politische Agenda gegen linke Initiativen und mutmaßen, Prien lasse sich dabei von der AfD treiben. Auch die SPD sieht Gesprächsbedarf. Hate-Aid-Mitbegründerin Anna-Lena von Hodenberg befürchtet im Gespräch mit ntv.de, dass sich digitale Gewalt im Netz unkontrolliert weiter verbreitet.

ntv.de: Geld einsparen bei Organisationen, die sich um Hass im Netz kümmern und betroffene Personen beraten - das wirkt momentan erstmal ungeschickt, oder?

Anna-Lena von Hodenberg: Wir waren alle etwas konsterniert, denn wir haben es nicht vom Ministerium, sondern aus der Presse erfahren. Es sei noch nicht klar, wem welche Gelder gestrichen werden, hieß es ja, aber man wolle die Kooperationsverbünde auflösen, zu dem auch wir gehören. Denn für diese würde es im nächsten Jahr - in dieser Konstellation - kein Geld mehr geben. Aber alle könnten sich, nach Umbau und Evaluierung, 2027 ja neu bewerben. Und dann hätte jeder wieder eine Chance auf eine Förderung.

Es geht also nicht unbedingt um das Streichen oder Kürzen, sondern um eine Neuausschreibung. Ist das sinnvoll bei laufenden, erfolgreichen Projekten?

Karin Prien will das neu aufstellen, um eine höhere Effizienz beim Einsatz dieser Fördersummen zu erreichen. Das ist grundsätzlich schon verständlich ...

... aber macht das die Sache nicht nur noch schwieriger? Sie haben schließlich genug zu tun …

(lacht) Jährliche Ausschreibungen sind etwas unglaublich Nerviges und Komplexes, vor allem, weil man nicht weiß, ob man weiterhin gefördert wird. Grundsätzlich finde ich aber, wenn Steuergeld im Spiel ist, dass es richtig ist, dass man genau guckt, wofür das Geld ausgegeben wird.

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Anna-Lena von Hodenberg findet es "von Frau Prien nicht verwerflich, sich das anzuschauen und an den Stellen, an denen das nicht funktioniert, nachzusteuern." (Foto: imago images/photothek)

Bei HateAid funktioniert es aber. Und während Sie in Deutschland staatlich ausgezeichnet wurden, durften Sie im Dezember 2025 nicht in die USA reisen, weil sie dort unerwünscht sind, wegen Ihrer Arbeit.

Es wäre für uns tatsächlich fatal, nicht zu wissen, ob es weitergeht. Da hängt bei uns die Hälfte unserer Betroffenenberatung, mit der wir in den letzten sieben Jahren über 8000 Personen beraten und geholfen haben, dran. Wir verzeichnen einen Riesenanstieg an Personen, die bildbasierte sexualisierte Gewalt erleben, und wir haben eine wertvolle Expertise aufgebaut. Genau diese Beratung müssten wir dann, wenn wir nicht mehr gefördert werden, um die Hälfte kürzen. Und sei es "nur" bis zur nächsten Ausschreibung. Ich muss meinen Mitarbeitenden also sagen: "Ich weiß nicht, ob eure Jobs im nächsten Jahr sicher sind". Das heißt, die suchen sich neue Jobs, und dann können wir unseren Klienten und Klientinnen, die in die Betroffenenberatung kommen, nicht zusichern, ob wir sie im nächsten Jahr noch beraten können. Wir werden Menschen wegschicken müssen.

Was ginge mit den Kürzungen konkret kaputt?

In unserem Fall würde ein Teil einer Beratungsstelle wegfallen, die über Jahre gewachsen ist, für ein Phänomen, das lange von vielen nicht ernst genommen wurde. Wir haben gerade im Bereich der bildbasierten sexualisierten Gewalt hochtraumatisierte Personen, die sich aus den öffentlichen Räumen zurückziehen, die Depressionen bekommen oder andere psychische Erkrankungen. Wir wissen aus Studien, dass Personen, die digitale Gewalt erfahren haben, die massiv angegriffen im Internet wurden, sich aus diesen Räumen zurückziehen, und anfangen zu schweigen.

Sie haben Studien erhoben ...

Ja, über 50 Prozent der Internetnutzer sagen, im Augenblick trauen sie sich oft nicht, ihre politische Meinung im Internet zu äußern, weil sie Angst vor Hass und digitaler Gewalt haben. Und das sind genau die Leute, die wir unterstützen. Wir versuchen, sie zu bestärken, sich nicht aus diesen Räumen zurückzuziehen, den wehrhaften Rechtsstaat in Anspruch zu nehmen und mit ihrem Engagement weiterzumachen. Wir wollen, dass alle die Möglichkeit haben, auch im Internet ihre Meinung frei sagen zu dürfen.

Viele Menschen trauen sich also nicht mehr, ihre Meinung zu sagen, weil sie Angst haben, selbst Opfer zu werden.

Ja. Die gewaltsamen Stimmen werden immer lauter. Aber in den letzten Jahren hat es in meinen Augen eine neue Dimension angenommen. Es ist kaum auszuhalten. Wir sprechen hier von einer Riesenmasse an sexualisierten Deepfakes, aber auch von Bildern, die von Expartnern hochgeladen werden, Stichwort Revenge-Porn, gegen den Konsens der Frauen. Das ist Wirklichkeit, kein Einzelschicksal, es sind Millionen von Inhalten. Man muss sich das mal praktisch vorstellen - diese Videos wurden ja von Menschen erstellt. Hinter jedem dieser Inhalte steckt ein Täter. Und diese Täter haben selbstverständlich überhaupt kein Interesse daran, dass es jetzt eine Strafverschärfung gibt. Dass das kein "Bagatelldelikt" mehr ist, dass sie nicht mehr sagen können, 'ist doch nur Spaß'. 'Ist doch nur im Internet', 'ist doch nur virtuell', 'das ist ja keine echte Vergewaltigung'. Diese Täter, die wollen ja keine Täter sein. Und doch sehen sie plötzlich, dass die ganze Nation angewidert auf sie schaut. Das wollen die nicht, und deswegen machen die jetzt alles, um davon abzulenken. Sie erzählen Verschwörungstheorien, sie versuchen, die Personen, die sich mit den Frauen solidarisieren, zum Schweigen zu bringen. Auch wir bei HateAid werden angegriffen. Collien Fernandes wird angegriffen. Die Justizministerin wird angegriffen, weil sie auf dieses Problem reagiert. Dahinter stehen reale Personen, das muss man sich immer wieder klarmachen.

Das heißt, die Täter - oder ihre Anwälte - schlagen so lange um sich, bis alle anderen erschöpft aufgeben ...

Ja - und das ist kein neues Phänomen. Es passiert eigentlich immer, wenn Frauen öffentlich über ihre Gewalterfahrungen mit Männern berichten. Meine große Hoffnung ist, dass die Erstellung und die Verbreitung sexualisierter Deepfakes als das betrachtet und geahndet wird, was es ist: eine Straftat. Ich hoffe, dass sich etwas verändert. Für alle Frauen - für uns als Gesellschaft. Ich hoffe auch, dass wir uns nicht einfach ablenken lassen. Dass wir wirklich bei den Betroffenen bleiben und bei diesem Problem, das wir in unserer Gesellschaft haben. Einem Problem, das wir endlich lösen müssen!

Ist diese Phase der Lackmustest für uns in Deutschland?

Wenn ich nach Frankreich schaue, nach dem Fall Pelicot, dann hat sich dort etwas verändert. Wenn ich Italien betrachte, nachdem dort Deepfakes von Politikerinnen, Journalistinnen und Influencerinnen öffentlich geworden sind - unter anderem übrigens auch von Frau Meloni - ist diese Webseite gelöscht worden und Frau Meloni hat Deepfakes unter Strafe gestellt. Sie hat also einen Straftatbestand geschaffen. Ich hoffe, dass wir das in Deutschland ebenfalls hinkriegen

Ändert sich zumindest etwas in unserer Gesellschaft?

Die sozialen Medien sind so gestaltet, dass extreme Inhalte favorisiert werden. In den öffentlichen Räumen, in denen wir debattieren, unsere großen Meinungsbildungsprozesse aushandeln, da zählt nur noch, wer am empörendsten, am emotionalsten, am zugespitzten, am übertriebensten Inhalte postet, weil nur die viral gehen. Das führt zu einer Polarisierung der Gesellschaft. Es stärkt die Ränder, die linken und die rechten. Und das ist ein riesengroßes Problem. Dort, auf den Plattformen und deren Algorithmen, wird der toxische Boden bereitet

Man muss etwas also nur oft genug behaupten und durch die sozialen Medien jagen, dann stimmt es irgendwann auch. Zumindest im Internet, egal, wie die Faktenlage ist.

Das sehen wir jetzt auch im Fall Collien Fernandes, dass diese Täter-Opfer-Umkehr stattfindet. Dass die Personen, die ein ganz großes Interesse daran haben, Frauen nicht zu schützen, irgendwelche Verschwörungstheorien immer und immer wieder erzählen. Es wird so oft wiederholt, bis Frau Fernandes diskreditiert ist. Bis Frauen im Allgemeinen diskreditiert sind. Bis plötzlich in der öffentlichen Debatte Täter zu Opfern geworden sind, was letztendlich verhindern könnte, dass es eine Strafverschärfung gibt.

Wir landen also wieder in der Steinzeit, fangen zumindest von vorne an.

So läuft es. Es reicht nicht, nur einen Straftatbestand einzuführen - wir müssen reden. Über die sozialen Medien und wie wir sie regulieren. Wir müssen dafür sorgen, dass wir bestimmen, wie dieser Raum nach unseren demokratischen Werten auszusehen hat. Dass dort die Würde von Frauen, die Sicherheit von Kindern, der Schutz von uns allen vor Gewalt sichergestellt wird. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Räume sind, wo immer nur die Extreme gepusht werden, denn das macht etwas mit unserer Gesellschaft. Und deswegen ist es wichtig, dass wir den Digital Services Act, das digitale Dienste-Gesetz, umsetzen. Wir müssen ran an die Strafverfolgung und an die Täter. Aber wir müssen auch an die sozialen Netzwerke ran, die mit dem Leid von Frauen und der Polarisierung unserer Gesellschaften Milliarden verdienen. Die müssen wir zur Verantwortung ziehen.

Mit Anna-Lena von Hodenberg sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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