Panorama
Der Unfallort in Berlin am Morgen danach.
Der Unfallort in Berlin am Morgen danach.(Foto: picture alliance / Britta Peders)
Donnerstag, 01. März 2018

Poser, Raser, Mörder?: Wenn das Auto zur Waffe wird

Von Solveig Bach

Im Februar 2017 werden erstmals in Deutschland zwei Männer nach einem illegalen Autorennen wegen Mordes verurteilt. Ein Jahr zuvor hatten sie einen Mann totgefahren. Es ist der Höhepunkt einer Entwicklung, die der Polizei seit Jahren Sorge bereitet.

Die Kreuzung Tauentzien Ecke Nürnberger Straße in Berlin gleicht in der Nacht auf den 1. Februar 2016 einem Trümmerfeld. Überall liegen Glassplitter und Fahrzeugteile. Öl ist ausgelaufen. Es sind die Überreste eines illegalen Autorennens. Ein 69-Jähriger stirbt noch in seinem Auto. Mit dem Rennen hatte er nichts zu tun. Zum Verhängnis wurde ihm, dass zwei Männer in dieser Nacht mit mindestens 160 Kilometern je Stunde über rote Ampeln durch Berlin jagen. Das Landgericht Berlin verurteilte Hamdi H. und Marvin N. dafür wegen Mordes zu lebenslangen Haftstrafen. Der Bundesgerichtshof muss nun prüfen, ob das rechtens ist.

Im Berliner Prozess wurde die Raserfahrt rekonstruiert. H. und N. hatten sich demnach mit ihren geleasten Sportwagen zufällig an einer Ampel getroffen. Der 28-Jährige und der 25-Jährige passen ziemlich genau in das Bild, das Rainer Fuchs von einem typischen Raser zeichnet. Der Polizeihauptkommissar leitet seit 2015 in Köln die Projektgruppe "Rennen", mit der die Stadt gegen "illegale Kraftfahrzeugrennen" vorgeht.

"Wir haben festgestellt, es sind sehr oft junge Männer, fast ausnahmslos Männer, Fahranfänger, oft mit Migrationshintergrund", sagt Fuchs n-tv.de. "Das sind Menschen, die sich gern darstellen wollen, die einen ausgeprägten Sinn für ihre Fahrzeuge haben. Sie  identifizieren sich darüber, wollen damit posen. Sie wollen auch dafür soziale Anerkennung, dass sie Gesetze übertreten", beschreibt der Polizist seine Erfahrung. H. sitzt in der Berliner Unfallnacht in einem Audi mit 225 PS, N. in einem Mercedes mit 385 PS. Auch dass die Autos der Bank gehören, passt ins Bild. Aus unzähligen Kontrollen weiß Fuchs: Nur selten ist "der Fahrer auch der, auf den das Auto zugelassen ist".

"Renntypisches Verhalten"

An einer Ampel entwickelt sich zwischen H. und N. das, was die Polizeiexperten "renntypisches Verhalten" nennen. "Man erkennt sich an der Ampel oder im fließenden Verkehr und dann testen die sich aus der Situation heraus an", beschreibt Fuchs. "Dann guckt man, die Scheibe wird runtergedreht, jeder versucht, sich in die bessere Ausgangssituation zu bringen." Es ist eine Sache von wenigen Minuten. Es folgt der typische Kavalierstart an der Ampel und schon läuft das Rennen. Manchmal nur auf kurzer Strecke, manchmal auch quer durch die Stadt.

In Berlin waren es knapp zwei Kilometer, bis Hamdi H. in das Auto des Rentners krachte. Der Mann hatte Grün. Vor jener Februarnacht hatte H. bereits vier Unfälle verschuldet. Außerdem hatte er insgesamt 19 Ordnungswidrigkeiten begangen, ohne größere Konsequenzen. Die Züricher Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry und Gutachterin sagte im Prozess: "Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass zu geringe Urteile verheerende Effekte haben. Der Täter macht dann immer weiter."

Dem schließt sich Fuchs uneingeschränkt an. Im Juni 2017 trat ein neues Gesetz in Kraft. Wer sich an einem illegalen Autorennen beteiligt, begeht seitdem laut Paragraf 315 d StGB eine Straftat. Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes konnte der Polizist mit Rasern lediglich ein "verkehrsdidaktisches Gespräch" führen. "Ich habe die Anzeige geschrieben, das war eine Ordnungswidrigkeit, ich habe versucht, auf sie einzuwirken." Fuchs redete wie gegen Wände. "In aller Regel prallt man da auf fehlende Einsicht und ich musste sie wieder fahren lassen. In der Gewissheit, der gesicherten Annahme und der Erfahrung, das hilft nicht."

Im Einzelfall auch Mord

Inzwischen wird derjenige, der ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen ausrichtet, durchführt oder daran teilnimmt, mit einer Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Haft bestraft. Bei schweren Personenschäden können bis zu zehn Jahre Haft verhängt werden. Außerdem ist es möglich, die Führerscheine zu entziehen und die Fahrzeuge der Beteiligten zu beschlagnahmen. Genau das macht Fuchs sofort und noch vor Ort. "Das zeigt unmittelbare Wirkung. Das gefährliche Fehlverhalten bekommt sofort eine Sanktion. Das tut weh."

Es habe Jahre gedauert, den politischen Entscheidungsträgern klarzumachen, dass der gesetzliche Rahmen nicht mehr im Verhältnis zu dem stand, was immer öfter bei illegalen Rennen geschah, erinnert sich Fuchs. Trotzdem mahnt er, auch jetzt den Einzelfall zu betrachten. "Das ist ein ganz anderes Bild, wenn ich einen 20-jährigen Fahranfänger habe, der ausprobieren will, wie toll das ist, mit dem Audi von seinem Vater mal allen zu zeigen, wie toll er fahren kann", gibt der 55-Jährige zu bedenken.

Im Berliner Fall wurde festgestellt, dass beide Autofahrer mit höchster Geschwindigkeit über mehrere rote Ampeln gefahren sind. Die Täter waren schon im Vorfeld aufgefallen. Für ein Mordurteil müssten aber auch die Tatbestandsmerkmale erfüllt sein.  All das muss der BGH berücksichtigen. Und dann entscheiden.

Quelle: n-tv.de