Panorama

Phänomen SapiosexualitätWenn das Gehirn "das beste Stück" ist

22.04.2016, 10:43 Uhr

Dumm f...t gut? Von wegen. Mit dem Intellekt funktioniert's genauso. Sapiosexuelle stellen ein kluges Gehirn über einen wohlgeformten Körper oder ein hübsches Gesicht. Die erotische Lust steigt mit steigender Intelligenz des Partners.

Dummen Menschen wird gerne nachgesagt, dass sie besonders gut im Bett seien. Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Immerhin konnten Studien nachweisen, dass Menschen mit einem niedrigeren Intelligenzquotienten im Durchschnitt früher mit sexuellen Aktivitäten beginnen und vielleicht aus diesem Grund auch beizeiten "besser" sind.

Seit einigen Monaten geistert die anscheinend zeitgeistige Selbstbeschreibung "sapiosexuell" im weltweiten Web herum. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass sich bei den Betreffenden die erotische Lust mit steigender Intelligenz des Partners maximiert. Sapiosexuelle suchen also vornehmlich ein kluges Gehirn und keinen schönen Körper.

Das Phänomen Sapiosexualität ist aber nicht neu und keine exklusive Erscheinung der Generation Y. Schon immer zogen ungleiche Pärchen gesellschaftliches Aufsehen auf sich. Auf die Frage: "Was will denn die hübsche Frau mit dem alten Knacker da?" folgten oft Sätze wie: "Wo die Liebe hinfällt:" oder auch: "Liebe macht blind." Jetzt also gibt es eine Bezeichnung dafür, wenn Männer und Frauen bei der Partnerwahl die Möglichkeit zum intellektuellen Austausch höher bewerten als ein hübsches Gesicht.

Schon der Dichter und Abenteurer Arthur Rimbaud stellte die Frage, ob wir mehr den Geist oder den Körper lieben, wenn wir uns zu anderen hingezogen fühlen. Bereits im 19. Jahrhundert gab der Franzose zu bedenken, dass der Körper schnellerem Verfall ausgesetzt ist als der Geist.

Heteroflexibel, genderqueer, sapiosexuell

Sapiosexualität

Sapiosexualität ist vornehmlich auf den Intellekt und weniger auf den Körper ausgerichtet – sexuelle Stimulation wird von hoher Intelligenz ausgelöst, anstelle eines körperlichen Vorspiels führt man philosophische Diskussionen. Das Wort setzt sich zusammen aus sapere (lateinisch: wissen) und Sexualität (lat. sexus: Geschlecht). Das Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik spricht von einem "fragwürdigen Neologismus".

Populär wurde die Sapiosexualität jedoch erst, als der Begriff immer häufiger in Datingportalen auftauchte. So erweiterte die Plattform OKCupid ihre Auswahl an geschlechtlichen Präferenzen vor einiger Zeit drastisch. Neben den einschlägig bekannten Begrifflichkeiten wie "heterosexuell" oder "homosexuell" können die User jetzt auch zwischen "pansexuell", "heteroflexible", "genderqueer" und einigen anderen Optionen wählen. Besonders beliebt ist die Option "sapiosexuell".

Ob es tatsächlich Menschen gibt, die körperlich erregt werden durch die Diskussion über Gravitationswellen, sei dahingestellt. Sexualforscher Ulrich Clement stellte in einem "Zeit"-Interview dazu folgende Überlegung an: "Intelligenz ist attraktiv, weil sie vermittelt, dass jemand Ressourcen hat und auch auf lange Sicht eine interessante Perspektive bietet. Hinzu kommt, dass das Empfinden von Attraktivität, wie überhaupt jede Emotion, über das Gehirn läuft."

Die sapiosexuelle Bewegung wird vor allem als Gegenbewegung zur Überbetonung des Körpers im letzten Jahrzehnt gelesen. In Zeiten des Internets spielt der Intellekt eine immer größere Rolle, denn wer sich über Chat-Gespräche kennenlernt, legt naturgemäß mehr Wert auf gelungene Unterhaltungen mit Witz und Charme.

Der US-amerikanische Evolutionspsychologe Geoffrey Miller wies jüngst in einer Studie nach, dass der IQ eines Mannes mit der Qualität seines Spermas korreliert. Ergebnis: Je höher der IQ, umso gesünder das Sperma. Das wäre zumindest ein handfester Grund für Frauen in Nachwuchsstimmung auf Sapiosexualität zu setzen.

Quelle: ntv.de, dsi

MännerTrendsFrauenGehirnSexualitätPsychologieDating