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Menschenopfer im Namen GottesWenn der Glaube kippt - und tödlich endet

04.01.2026, 14:37 Uhr Mittel-Fabian-Maysenhoelder-Fotoatelier-EbingerVon Fabian Maysenhölder
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Im März 1997 nahmen sich fast 40 Mitglieder der Sekte "Heaven's Gate" in den USA das Leben. Sie glaubten, so an Bord eines UFOs zu gelangen, das sich angeblich hinter dem Kometen Hale-Bopp befand. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Eine Amish-Mutter ertränkt ihren vierjährigen Sohn - und nennt es ein Geschenk an Gott. In Kenia fordert ein Sektenführer seine Anhäger zum Hungertod auf. Warum töten Menschen im Namen des Glaubens?

Die Bodycam-Aufnahmen sind schwer zu ertragen. Ruth Miller, eine 40-jährige Mutter, die zu der Religionsgemeinschaft der Amish gehört, steht vor den Polizisten und erklärt: "Ich habe ihn in den See geworfen und ich habe ihn Gott gegeben." Ihn - das ist ihr vierjähriger Sohn, der zu diesem Zeitpunkt bereits tot auf dem Grund des Atwood Lake liegt. Auch ihr Ehemann ist ertrunken. Er starb, so behauptet sie, nach einem von Gott befohlenen "Glaubenstest", bei dem er so weit wie möglich ins Wasser schwimmen sollte, um seine Gottesfurcht zu beweisen.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein tragischer Einzelfall, bei dem religiöser Wahn eine zentrale Rolle spielt. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Amish eine pazifistische Gemeinschaft sind, die jegliche Gewalt rundheraus ablehnen. Wenn man aber den Blick weitet, stellt man fest, dass es immer wieder Tötungen von Menschen gibt, bei denen religiöse Überzeugungen als Rechtfertigung dienen. Von den Massengräbern im kenianischen Shakahola-Wald, wo Hunderte Menschen verhungerten, weil ihr Pastor ihnen befohlen hatte, zu fasten, um "Jesus zu treffen" - bis zu den Morden von Adolfo Constanzo, der seinen vermeintlichen Göttern Menschenopfer darbrachte. Die Frage ist also nicht, ob solche Taten passieren. Sondern: Warum?

Wenn die Realität zur Bedrohung wird

Es gibt mehrere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, und es gibt wiederkehrende Muster. Ein Kerngedanke ist oft sehr prominent - nämlich der, dass die materielle Welt verdorben sei, gefährlich, vom "Satan" regiert oder dem Untergang geweiht. Aus der Perspektive von Menschen, die so etwas glauben, wird - so absurd das auch klingen mag - der Tod zu einer Befreiung. Zu einem ultimativen Akt der Liebe. Was für Außenstehende wie Mord aussieht, erscheint den Tätern als Rettung.

Psychologen bezeichnen diese Form der Tötung als "altruistischen Filizid". Die Mutter tötet nicht aus Hass, sondern aus einer wahnhaften Überzeugung heraus, dass sie ihr Kind vor etwas Schlimmerem bewahrt. Im Fall von Ruth Miller war es die Angst vor dem Weltende, vor einer "satanischen Welt", in der ihr Sohn leiden würde. Der Tod im See wurde zur vermeintlich liebevollsten Tat, die sie für ihn tun konnte.

Die Theologie des Opfers: Eine gefährliche Tradition

Die Vorstellung, dass Gott Opfer verlangt, ist tief in vielen religiösen Traditionen verwurzelt. Die biblische Geschichte von Abraham, der bereit ist, seinen Sohn Isaak zu opfern, zeigt das eindrücklich: Der absolute Gehorsam gegenüber Gott steht über allem, selbst über dem Leben des eigenen Kindes. In den allermeisten religiösen Kontexten wird diese Geschichte als Glaubensprüfung verstanden, die letztlich nicht vollzogen werden muss.

Doch solche Erzählungen können in extremistischen oder isolierten Gruppierungen eine gefährliche Dynamik entfalten. Vor allem dann, wenn sie wörtlich, verzerrt oder missbräuchlich ausgelegt werden. Ein Beispiel für eine solche verdrehte Opfertheologie ist der Fall von Paul Mackenzie und seiner "Good News International Ministries".

Mackenzie predigte, dass das Verhungern der schnellste Weg sei, Jesus zu begegnen. Hunderte Menschen starben in der Abgeschiedenheit des Shakahola-Waldes - darunter fast 200 Kinder. Mackenzie selbst aß weiter, während seine Anhänger dem Tod entgegenfasteten. Die tödliche Theologie diente hier als Werkzeug zur absoluten Kontrolle. Denn das war es, worum es dem Verbrecher Mackenzie ging: Macht, Geld und Einfluss.

Isolation und Identitätsverschmelzung

Ein weiteres Muster, das den tödlichen Fanatismus befördert, ist die bewusste Isolation einer Gruppe. Ob im abgelegenen Dschungel Panamas, wo die fanatische Gruppe "La Nueva Luz de Dios" sieben Menschen bei einem Exorzismus-Ritual tötete, im kenianischen Wald, in der Vergangenheit bei "Peoples Temple" oder "Heaven's Gate" - überall dort, wo sich Gruppen aus der Öffentlichkeit zurückziehen, den Kontakt meiden oder gar abbrechen, sollte man genauer hinschauen. Es fehlen schnell jegliche Korrektive und wahnhafte (Glaubens-)Systeme können sich ungehindert radikalisieren.

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von "Identity Fusion" - einer Identitätsverschmelzung zwischen dem Individuum und der Gruppe. Durch gemeinsame, emotional intensive Erlebnisse verschwimmen die Grenzen zwischen dem persönlichen und dem sozialen Selbst. Die Anhänger einer Gruppe beginnen, die Weltanschauung des Anführers als ihre eigene (und einzige) Wahrheit zu begreifen. Kritik von außen wird als Angriff auf die eigene Existenz empfunden.

Gurus und Propheten

Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle charismatischer Anführer. In vielen dieser extremen Fälle von Gewalt im religiösen Kontext findet sich eine zentrale Führungsfigur, die behauptet, direkten Zugang zum Göttlichen zu haben. Ob Mackenzie in Kenia, der behauptete, in ständigem Kontakt mit Jesus zu stehen, oder Adolfo Constanzo in Mexiko, der in den 1980er-Jahren Drogenhändler mit dem Versprechen magischen Schutzes rekrutierte - sie alle nutzten Religion als Instrument der Kontrolle.

Auch wenn Ferndiagnosen oft schwierig sind, so finden sich bei solchen Personen oft Hinweise darauf, dass sie Merkmale der sogenannten "Dunklen Triade" in sich vereinen: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Vermutlich glauben sie oft selbst nicht einmal an die Lehren, die sie predigen. Religion ist für sie vielmehr ein Mittel zum Zweck - zur Befriedigung ihrer Machtgelüste, zur finanziellen Bereicherung oder zur (sexuellen) Ausbeutung. Während ihre Anhängerinnen und Anhänger aus Überzeugung handeln und sogar bereit sind zu sterben, sichern sie selbst ihr eigenes Überleben.

Constanzo etwa, der in Mexiko im Namen der afrokaribischen Religion Palo Mayombe mehrere Menschen opferte, war überzeugt, dass die Geister ihm Schutz vor der Polizei gewähren würden - aber nur, wenn er ihnen Blut gab. Als die Polizei 1989 seine Ranch stürmte, fanden die Ermittler mehrere Leichen und einen eisernen Kessel, gefüllt mit menschlichen Überresten. Constanzo selbst wollte leben, ließ sich aber schließlich von einem Komplizen erschießen, um einer Verhaftung zu entgehen.

All die genannten Beispiele zeigen, wie eine alltäglich gelebte Religiosität kippen kann - von Trost und Orientierung hin zu tödlicher Gewalt. Doch solche Fälle entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind, wenn sie nicht wie (vermutlich) im Falle von Ruth Miller auf schwere psychische Erkrankungen zurückgehen, das Ergebnis von Prozessen, die oft über Jahre hinweg ablaufen. Isolation, charismatische Führungspersönlichkeiten, apokalyptische Weltbilder und die Überzeugung, die einzige Wahrheit zu besitzen - all das sind Faktoren, die zusammenkommen müssen, damit aus Glauben tödlicher Fanatismus wird.

Quelle: ntv.de

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