Panorama

Folgen der strikten Maßnahmen Wie Chinas Null-Covid-Strategie das Land ausbluten lässt

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In vielen chinesischen Regionen herrscht derzeit das gleiche Bild: ausgestorbene Straßenzüge, verbarrikadierte Wohnblöcke.

(Foto: picture alliance / CFOTO)

5600 Corona-Neuinfektionen: In Deutschland würde angesichts solcher Zahlen niemand mehr mit der Wimper zucken. In China versetzen sie die Menschen jedoch in Angst und Schrecken. Denn die Regierung hält immer noch an ihrer Null-Covid-Strategie fest. Für viele bedeutet das wochenlange Isolation.

Im globalen Vergleich erscheinen die neusten Corona-Zahlen Chinas nahezu lächerlich: Gerade einmal 5600 Neuinfektionen melden die dortigen Gesundheitsbehörden aktuell. In Ländern wie Deutschland würde das höchstens ein müdes Lächeln hervorrufen, hier registrierte das Robert-Koch-Institut am Wochenende fast 40.000 neue Fälle. Für die Chinesen ist es jedoch eine Schreckensmeldung. Denn der Staat reagiert noch immer mit drakonischen Zwangsmaßnahmen auf jeden einzelnen Covid-Fall.

Trotz ständiger Lockdowns in den vergangenen Wochen ist die Zahl der täglichen Covid-Fälle in China auf dem höchsten Stand seit mehr als sechs Monaten. Überall im Land flammen Virusausbrüche auf. Für die Menschen vor Ort bedeutet das geschlossene Betriebe, dicht gemachte Schulen und eine strenge Quarantäne. Mancherorts dürfen Bewohner nicht mal ihren Müll rausbringen, wenn sie es nicht vorher angemeldet haben.

Es ist das dritte Jahr von Chinas strikter Null-Covid-Strategie. Zu Anfang konnte das Land damit große Erfolge im Kampf gegen das Virus verbuchen. Entschlossen schritten die Behörden bei den kleinsten Verdachtsfällen ein, Tausende Menschen wurden wegen einer einzigen Infektion festgesetzt, doch der Rest der Bevölkerung konnte sich relativ frei bewegen - zumindest innerhalb des Landes. Doch mit dem Aufkommen der deutlich ansteckenderen, dafür aber weniger tödlichen Omikron-Variante, ändert sich die Situation schlagartig. Es ist kaum mehr möglich, Infektionsherde effektiv auszumerzen.

Maßnahmen werden immer absurder

Seit Jahresbeginn sitzen daher Hunderte Millionen Menschen in wechselnden Städten zum Teil monatelang in ihren Wohnungen fest. So haben Behörden kürzlich nach einem Corona-Ausbruch im größten iPhone-Werk der Welt im zentralchinesischen Zhengzhou im Gebiet rund um die Fabrik einen Lockdown verhängt. Menschen dürfen "ihre Wohnungen nicht verlassen - außer um Corona-Tests zu machen und medizinische Notfallbehandlungen in Anspruch zu nehmen", erklärten Vertreter des Industriegebiets. Die mehr als 600.000 Einwohner müssen sich täglich auf das Coronavirus testen, sagte die örtliche Regierung und warnte, dass sie "entschlossen" gegen Verstöße vorgehen werde. Auch in anderen Regionen Chinas sind derzeit ganze Stadtteile mit Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern abgeriegelt.

Die Bevölkerung hat dabei längst das Vertrauen in die Behörden verloren. Immer wieder berichten Betroffene über schlechte Quarantäne-Bedingungen, Nahrungsmittelengpässe und eine verzögerte Notfallversorgung. Zuletzt hatte vor allem der Tod einer 55-jährigen Frau in der abgeriegelten Stadt Hohhot für Empörung gesorgt. Sie hatte sich aus dem Fenster ihrer von außen verschlossenen Wohnung gestürzt, obwohl ihre Familie zuvor den Behörden gemeldet hatte, dass sie an einer Angststörung leide und suizidgefährdet sei. Tonaufnahmen der verzweifelten Bitte ihrer Tochter, die Tür aufzuschließen, wurden vielfach in den Online-Netzwerken geteilt.

Viele der immer strengeren Corona-Maßnahmen entfernen sich auf geradezu absurde Weise von jeder wissenschaftlichen Grundlage. In Shanghai und in Peking lassen sich Medienberichten zufolge seit kurzem sogenannte "temporäre Quarantäne-Ecken" beobachten. Dabei handelt es sich um kleine Ein-Personen-Zelte, in welche Passanten in U-Bahn-Stationen oder an Straßenkreuzungen festgesetzt werden, wenn sie keinen "grünen Gesundheitscode" auf ihrem Smartphone vorweisen können. Dort müssen die Leute dann entweder auf ihren negativen PCR-Test warten - oder den Quarantäne-Bus, der sie in zentralisierte Isolationslager bringt.

Wirksame Impfungen fehlen

Hoffnungen, dass China seine Null-Toleranz-Politik gegenüber dem Virus lockern würde, dämpften die Gesundheitsbehörden am Wochenende. China werde angesichts der immer schwerwiegenderen Ausbrüche "unbeirrt" an seinen derzeitigen Viruskontrollen festhalten, teilte die Nationale Gesundheitskommission am Wochenende mit.

Die staatliche Zeitung "People's Daily" und die Nachrichtenagentur Xinghua bläuen den Menschen seit Tagen ein, dass es keine Alternative zur "dynamischen Null" gebe, wie die Corona-Politik inzwischen genannt wird. In diversen Artikeln wird vor den Gefahren einer Lockerung gewarnt. China sei ein großes Land mit 1,4 Milliarden Menschen, einer regional unausgewogenen Entwicklung und einem Mangel an medizinischen Ressourcen. Eine großflächige Rückkehr des Virus hätte "schwere Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung", so die Begründung für die Fortsetzung des bisherigen Kurses.

Problematisch ist vor allem, dass China keinen wirksamen Impfstoff gegen Corona hat. Zugelassen sind lediglich die einheimischen Totimpfstoffe. Diese sind, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, laut eines internationalen Gesundheitsexperten zwar "nicht so schlecht" - sie müssten allerdings viel häufiger aufgefrischt werden als die westlichen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Der Mann hatte demnach mit den chinesischen Behörden gearbeitet und möchte dieses Vertrauensverhältnis nicht durch öffentliche Kritik gefährden.

Die Kommunistische Führung lehnte jedoch lange ab, wirksame Impfstoffe aus dem Ausland einzukaufen. Bei einem Besuch in Peking konnte Bundeskanzler Olaf Scholz jetzt Staatschef Xi Jinping zum Umdenken bewegen - zumindest teilweise. Immerhin können sich Ausländer ab sofort offiziell mit Biontech impfen lassen. "Dies kann natürlich nur ein erster Schritt sein", sagte Scholz. "Ich hoffe, dass der Kreis der Berechtigten bald erweitert werden kann, bis hin zu einer allgemeinen freien Verfügbarkeit des Stoffes."

Chinesen am Ende ihrer Geduld

Ob eine allgemeine Zulassung des mRNA-Impfstoffes tatsächlich ein Abrücken von der strikten Null-Covid-Politik bedeuten würde, ist allerdings fraglich. Schließlich geht es längst darum, zu beweisen, dass die Kommunistische Partei Chinas in der Lage ist, das Virus zu besiegen. Somit bleibt nur wenig Raum für einen Mittelweg - eine schrittweise Öffnung, während weiterhin selektiv getestet, verfolgt und isoliert wird. Stattdessen rufen die Behörden zu "Zuversicht und Geduld" auf.

Die Geduld scheint bei vielen Chinesen jedoch langsam aufgebraucht. In einem seltenen Zeichen von öffentlichem Widerstand entrollten Unbekannte vor drei Wochen auf einer Brücke in Peking ein Transparent, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete. Darauf stand unter anderem: "Wir wollen Nahrung, keine PCR-Tests. Wir wollen Freiheit, keine Abriegelungen und Kontrollen." Fotos von dem Vorfall wurden danach schnell aus dem chinesischen Netz entfernt.

Dabei wächst nicht nur die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, auch die Wirtschaft leidet unter den ständigen Lockdowns. Zwar haben sich die Lieferketten seit dem Chaos im Frühjahr einigermaßen stabilisiert. Dennoch sind erstmals seit über zwei Jahren Chinas Exporte im Oktober unerwartet gesunken. So klagen deutsche Unternehmen schon länger, dass die oft sehr kurzfristig verkündeten Lockdowns ihre Produktion und Planungen erheblich erschweren. Chinas Handel mit Deutschland ging im Oktober wie schon im Vormonat abermals spürbar um 5,7 Prozent zurück. Und auch im Inland sieht die Lage nicht besser aus: Die Unsicherheit hat die Konsumlaune der Chinesen in den Keller getrieben. Viele kleine Unternehmen kämpfen ums Überleben, die Menschen sorgen sich um ihre Jobs, stets in Angst vor einer roten Warnmeldung in ihrer Corona-App.

Quelle: ntv.de

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