Hakenkreuze überallWie Lehrkräfte gegen Rechtsextremismus in der Schule kämpfen
Von Solveig Bach
Vor drei Jahren sorgt ein Brandbrief aus einer Brandenburger Schule für Aufregung. Zwei Lehrkräfte stellen sich der zunehmenden Normalisierung rechtsextremer Ansichten entgegen und werden bedroht. Trotzdem geben sie nicht auf.
Im April 2023 schreiben Laura Nickel und Max Teske einen anonymen Brandbrief über die Zustände an ihrer damaligen Schule in Brandenburg. Sie berichten, sie seien dort "täglich mit Rechtsextremismus, Sexismus und Homophobie konfrontiert". Es gebe "rechtsextreme Vorfälle und konstante Diskriminierung", darunter Mobbing, Ausgrenzung und Gewaltandrohungen gegenüber Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund. Es ist ein öffentlicher Hilferuf.
Drei Jahre später haben beide die Schule in Burg, einer AfD-Hochburg in Südbrandenburg verlassen, Teske ist sogar umgezogen. "Das ganze Schulgebäude war voller Hakenkreuzschmierereien", erinnert sich Nickel im Gespräch mit ntv.de. "Man hat sie in den Duden gefunden, auf den Schülerspinden, den Tischen." Es habe Runenkritzeleien gegeben, Schüler trugen ganz selbstverständlich Kleidung des rechtsextremen Labels 23. Bei einer Kollegin sei im Musikunterricht das Erika-Lied angestimmt worden, ein deutsches Marschlied aus der NS-Zeit. Eltern beendeten E-Mails "mit deutschem Gruß".
Nickel und Teske wollen sich mit der ganz offen nach außen getragenen Neonazi-Kultur nicht arrangieren, fühlen sich von der Schulleitung und auch von einigen Kolleginnen und Kollegen alleingelassen. "Unsere kühne Hoffnung war natürlich, dass sich politisch etwas ändert, dass man wirklich Ressourcen in Schulen steckt, mehr in Schulsozialarbeit investiert, mehr in Fortbildungen", sagt Nickel über ihre Motive von damals.
Gegen die Normalisierung von Intoleranz
Inzwischen haben Teske und sie zusammen ein Buch geschrieben. "Rechtsruck im Klassenzimmer - Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen" ist Anfang März erschienen. "Es ist normal, dass an dem Ort, an dem junge Menschen lernen sollen, ein Strichmännchen mit erhobenem Arm neben einem eingeritzten Hakenkreuz steht. Jeder weiß es. Schülerinnen und Schüler wissen es. Lehrkräfte wissen es. Schulleitungen wissen es", beschreiben Teske und Nickel ihre Beobachtungen. "Wahrscheinlich haben es auch Eltern gesehen, wenn sie nach langen Elternabenden die Klassenzimmer verließen. Und doch: Es interessiert kaum jemanden."
Noch haben sie sich damit nicht abgefunden und wollen nicht zuletzt Lehrkräfte darin bestärken, die Demokratiebildung nicht aufzugeben. Es klinge immer ein bisschen pathetisch, aber "wir haben ja alle einen Eid auf die Verfassung geschworen", betont Nickel. Darin ist sie mit Teske bis heute einig. "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist es, was wir verteidigen müssen", sagt der 34-Jährige, der nun in einer anderen Stadt unterrichtet. "Wenn wir Ausgrenzung oder Mobbing erleben, in welcher Art und Weise auch immer, dann ist das unsere Pflicht als Lehrkräfte, einzuschreiten und das zu unterbinden."
In Burg wurden Schülerinnen und Schüler schon dafür angefeindet, wenn sie auch nur ein bisschen anders aussahen. Einer ihrer Schüler, der auch im Buch zu Wort kommt, trug Plateauschuhe und bunte Hosen, seine Haare waren ein bisschen länger. Das reichte schon, um Ziel von Anfeindungen zu werden. Trotzdem habe er immer das Gespräch gesucht, "auch mit den Schwierigen, die ihn angefeindet haben", sagt Nickel. "Er hat versucht, offen zu reagieren, Argumente und Fakten zu finden und sich nicht unterkriegen zu lassen." Im Buch beschreibt er rückblickend seinen Schulalltag als "tägliches Ringen um Sicherheit, Niveau und Würde".
Nickel und Teske gründeten auch deshalb zusammen mit anderen das Bündnis "Schule für mehr Demokratie". Es bietet unter anderem ein Hilfetelefon, an das sich Menschen wenden können, die mit rechter, rassistischer, diskriminierender Gewalt konfrontiert sind.
Alternativen zu rechter Jugendkultur
Nach dem Brandbrief konzentrierte sich die Aufmerksamkeit von Medien und Politik stark auf die Schule in Burg. Dabei gibt es jedes Jahr Hunderte rechtsextreme und antisemitische Vorfälle an Schulen in Brandenburg. Allein 537 waren es nach Angaben des Brandenburger Bildungsministeriums im Schuljahr 2024/2025.
In vielen Gegenden des Bundeslandes gebe es zur rechtsradikalen Jugendkultur kaum noch Alternativen, beklagen Nickel und Teske, die auch bedroht wurden. Der FC Energie Cottbus habe eine in weiten Teilen rechtsextreme Fanbase, wer also zum Fußball gehe, komme damit in Berührung. Wer Kampfsport mache, ebenso. Alternativangebote gebe es immer weniger und auch in immer weniger Familien nähmen sich Väter und Mütter die Zeit, sich mit den Themen der Jugendlichen zu beschäftigen.
Dabei seien Fünft- oder Sechstklässler noch offen für Gespräche oder Bildungsangebote. Bei Siebt- oder Achtklässlern gebe es hingegen oft schon ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild. "Dafür muss es aber genügend Fachkräfte geben, vor allem Sozialarbeiter, die sich mit den Jugendlichen in Vereinen oder Jugendklubs auseinandersetzen", sagt Teske. "Das sind wichtige Orte, die Jugendliche eigentlich brauchen, damit sie mal weg von der Straße kommen und einen geschützten Ort haben, wo sie sich frei entfalten können. Wo sie Themen diskutieren können, aber auch ein Stück weit geleitet werden, damit sie nicht in die Extreme fallen."
Wenn jetzt bei der zivilgesellschaftlichen Demokratieförderung gekürzt werde, sei das ein verheerendes Signal. Medienberichten zufolge soll die Förderung von mehr als 200 Projekten zum Jahresende auslaufen, darunter lokale Initiativen und bundesweit bekannte Akteure wie die Amadeu Antonio Stiftung, BUND, HateAid, Correctiv und der Zentralrat der Juden. "Für alle, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, ist das verdammt gefährlich", sagt Teske. "Weil Hilfsangebote wie die Opferperspektive in Potsdam unfassbar wichtig sind. Sie geben Halt und bieten Menschen Unterstützung an, die sich in der Gesellschaft stark machen." Das sei für eine funktionierende Demokratie elementar. "Wenn der Staat möchte, dass die Demokratie weiterhin erhalten bleibt und sich die Zivilgesellschaft für die Demokratie einsetzt, dann ist es ein absolut fatales Zeichen an alle Engagierten, aber auch an die Jugendlichen und Kinder dieser Gesellschaft, solchen Projekten den Geldhahn abzudrehen."
