Panorama

Erst in Berlin, dann bundesweit Wie Neukölln zum Omikron-Vorboten wurde

270418519.jpg

Die Inzidenz liegt in Neukölln bei 1373,6.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach Bremen ist Neukölln der zweite deutsche Omikron-Hotspot. Die Fallzahlen explodieren in dem Berliner Bezirk, die Behörden stoßen an ihre Grenzen. Die Dynamik wird sich wohl bald auch bundesweit zeigen - auch weil Neukölln in der Pandemie bisher immer ein Vorbote war.

Es passiert nicht zum ersten Mal, dass sich eine Corona-Welle in Deutschland zuerst in Neukölln zeigt. Im Oktober 2020 stiegen in dem Berliner Bezirk die Fallzahlen, bevor sie es im Rest des Landes taten, und kündigten so die zweite Welle an. Auch wenn es kurz nach Jahresbeginn zunächst Bremen war, das zum ersten Omikron-Hotspot wurde, ließ der rapide Anstieg der Fallzahlen in Neukölln nicht lange auf sich warten.

In dem Berliner Bezirk liegt die Inzidenz inzwischen bei 1374, am Donnerstag vor einer Woche war sie noch bei 545. Damit ist Neukölln aber nicht alleine. In Friedrichshain-Kreuzberg ist die Entwicklung ebenso sichtbar: Von 399 am vergangenen Donnerstag steigt die Inzidenz dort am heutigen Freitag auf 1521. Beide verbindet eine Gemeinsamkeit: Sie zählen zu den am dichtesten besiedelten Berliner Bezirken.

Auch wenn sich der Fallanstieg in Neukölln nicht an einem "pauschalen Grund" festmachen ließe, erkennt Bezirksbürgermeister Martin Hikel ein Muster. "Wir können in unseren Auswertungen sehen, dass in den Quartieren, wo die Bevölkerungsdichte sehr hoch ist, die Inzidenzzahlen wesentlich höher sind als in den Bereichen, wo die Bevölkerungsdichte geringer ist", sagte der SPD-Politiker am Dienstag im RBB.

In diesen Quartieren lebten nicht nur viele Jüngere, sondern "auch viele Menschen, die mit einem kleinen Einkommen leben und eher viele Menschen in kleinen Wohnungen, also die sozialen Verhältnisse nicht zwingend die besten sind", erklärte Hikel. Und vor allem Menschen, die es sich nicht leisten könnten, "mit einer größeren Familie in einer Sechs-Zimmer-Wohnung oder einem Einfamilienhaus zu leben", so der Bezirksbürgermeister.

"Da infiziert man sich einfach schneller"

Ähnliches berichtete auch der Sprecher des Neuköllner Bezirksamts, Christian Berg, gegenüber t-online.de. Er sprach von "großen Familien in kleinen Räumen". "Bei sechs, sieben oder acht Haushaltsmitgliedern in drei Räumen - da infiziert man sich einfach schneller. Isolieren ist nicht möglich." Zudem könnte bei manchen auch die Sprachbarriere ein Problem sein, sagte Berg. 44 Prozent der knapp 330.000 Neuköllnerinnen und Neuköllner haben laut der offiziellen Statistik einen Migrationshintergrund, der Bezirk beheimatet Menschen aus über 160 Nationen.

In öffentlichen Debatten spielt der Migrationshintergrund häufig eine Rolle. Für die Wissenschaft ist das keine Erklärung. Das sieht auch der Neuköllner Amtsarzt, Nicolai Savaskan, so. "Was wir durchweg in allen vier Wellen sehen - wenn Sie Daten erheben zu migrantischer Bevölkerung und die sauber normalisieren zu Faktoren wie Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status, Bildungsstatus - dass die eigentlichen Kernzahlen für Erkrankungen sich in zwei Punkten kristallisieren: Der eine ist ganz klar Einkommensverhältnisse und der zweite Punkt ist ganz klar Bildungsstatus", sagte der Mediziner im Dezember im Deutschlandfunk Kultur.

Verantwortlich für ein erhöhtes Infektionsrisiko ist somit nicht der migrantische Hintergrund, sondern die Lebensumstände. Wenn große Familien beengt auf kleinem Wohnraum leben müssen, weil sie sich mehr nicht leisten können, ist dort nicht viel Platz für Quarantäne und Isolation. Analysen des Robert-Koch-Instituts mit den Daten der zweiten Welle zeigten, dass die Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent höher ist als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung.

Das ist auch in Neukölln der Fall. "Die sozioökonomischen Verhältnisse sind nicht durchgängig genauso gut wie in anderen Bezirken. Das heißt kleinere Wohnungen mit größeren Familien, wenig Ausweichmöglichkeiten, keine Homeoffice-Möglichkeiten, weil die Tätigkeit es nicht zulässt", sagte Bezirksbürgermeister Hikel. "Das sind Parameter, die dazu führen, dass die Infektionszahlen in Bezirken wie Neukölln sehr steil nach oben gehen."

Erst Neukölln, dann bundesweit

Dass sich die hohen Infektionszahlen auf andere Kreise ausbreiten, ist nur eine Frage der Zeit. Das ist zumindest die Erwartung des Bezirksamtssprechers Berg. "Wir sind einfach nur früher dran. Neukölln ist nur der Vorbote. Was wir hier sehen, gibt es bald in ganz Berlin." Er rechnet schon bald mit 2000er-Inzidenzen. Auch Bürgermeister Hikel erwartet, dass sich das Infektionsgeschehen weiter ausbreitet - und dass "Neukölln traurigerweise dort zuerst dran gewesen ist".

In der zweiten Welle war es so, dass ab Oktober 2020 die Fallzahlen in Neukölln für Vor-Omikron-Verhältnisse explodierten. Zwölf Tage lang war es der Kreis mit der bundesweit höchsten Inzidenz. Am 15. Oktober lag der Wert bei 170, am 3. November bei 325. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich die Dynamik auch in anderen Bezirken zeigte. Ende November wiesen acht der zwölf Berliner Bezirke eine Inzidenz von über 200 auf. Später war es die bayerische Grenzregion um Passau sowie das thüringische Hildburghausen und das sächsische Bautzen, die die bundesweite Hotspot-Liste anführten.

Nun ist die deutlich ansteckendere Omikron-Variante da. Spätestens sie hat die Pandemiebekämpfung verändert - damit auch die Arbeit der Gesundheitsämter. Seit Monaten arbeiten sie an der Belastungsgrenze. Das Aufspüren von Infektionsketten, das in den ersten Wellen wichtig war, ist mit den heutigen Zahlen nicht mehr möglich.

Neukölln hat deshalb bereits vor Wochen die Kontaktverfolgung angepasst. Es wird priorisiert. Im Fokus stehen vor allem Menschen, die älter als 69 Jahre alt sind, Menschen in Pflegeeinrichtungen und Minderjährige in Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen - und Omikron-Fälle. Der Rest wird per Mail oder Brief kontaktiert. Doch auch das ist keine ausreichende Entlastung. Am Donnerstag warnte die Behörde auf Twitter, dass es bis zu fünf Tage dauern könnte, bis sie sich bei positiv Getesteten meldet.

Die Omikron-Welle zeigt sich inzwischen auch im Rest der Stadt wie etwa in Mitte (Inzidenz 1192) oder Reinickendorf (1156). Auch Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote rechnet damit, dass sich die Variante weiter ausbreitet. "Wir werden kurzfristig die 1000er-Inzidenz überschreiten", sagte die Grünen-Politikerin am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Das könnte dann für neue Probleme sorgen, vor allem in der Testinfrastruktur. "Wir haben hohe Testkapazitäten und Labore bauen ihre Kapazitäten weiter aus. Das hätte für Delta gereicht, für Omikron reicht das nicht."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.