Fragen & Antworten zur IT-PanneWie kann ein "planmäßiger Komponententausch" die Bahn bundesweit lahmlegen?
Von Max Patzig
Nichts geht mehr am Dienstagabend im deutschen Bahnnetz: Der Fernverkehr steht still, ebenso der Nah- und Güterverkehr. Betroffen sind Züge der Deutschen Bahn, aber auch von Privatbahnen. Dass es kein Anschlag oder eine Sabotageaktion ist, steht für die Deutsche Bahn schnell fest. Sie spricht schon in der Nacht von einer IT-Störung. Mehr als zwei Stunden hält diese den Betrieb auf. Die genaue Ursache ist inzwischen gefunden. Während die meisten Züge wieder fahren, bleiben viele wichtige Fragen weiter offen.
Was ist die Ursache für den bundesweiten Bahn-Ausfall?
Die Deutsche Bahn nennt schon in der Nacht eine "Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R" als Auslöser. Die genaue Ursache liegt aus derzeitiger Sicht im planmäßigen Tausch einer technischen Komponente, teilt Bahn-Infrastrukturtochter DB InfraGO am Morgen mit. "Wie es dadurch genau zu der Störung kam, analysieren wir nun mit höchster Priorität", sagt InfraGO-Chef Philipp Nagl in einer Mitteilung.
Was ist GSM-R?
GSM-R steht für "Global System for Mobile Communications - Railway". Das Bahnfunk-System ist vergleichbar mit Handynetzen, wurde jedoch speziell an den Zugverkehr angepasst. GSM-R ist das zentrale Kommunikationsmittel zwischen dem Lokpersonal und der Fahrdienstleitung auf den Stellwerken. Es ist europäischer Standard und ersetzt in Deutschland inzwischen zu etwa 98 Prozent die analogen Systeme.
Wie funktioniert GSM-R?
Der Lokführer gibt auf einem Display im Triebwagen oder in der Lok die individuelle Zugnummer an. Damit wird der Zug für alle im Netz sicht- und identifizierbar, erklärt Lokführer und Bahn-Influencer Peterle Sky in einem Video auf Youtube. Anschließend meldet sich der Lokführer beim Fahrdienstleiter im Stellwerk. Dies funktioniert mittels Codes, die über GSM-R übertragen werden. Ein Anruf, wie im analogen System, ist nicht mehr nötig. Auf der Strecke hangelt sich der Zug anschließend von Funkzelle zu Funkzelle, wie ein Handy, das permanent mit den nächstgelegenen Mobilfunkmasten in Verbindung ist. Darüber hat der Lokführer stets zum jeweils zuständigen Fahrdienstleiter Kontakt, so Lokführer Sky. In Notfällen oder bei unerwarteten Signalschaltungen kann der Lokführer den Fahrdienstleiter per Telefonat über GSM-R erreichen. Auch Lokführer untereinander beziehungsweise Lokführer und Zugbegleiter stehen über GSM-R permanent in Kontakt.
Warum kommt bei einem GSM-R-Ausfall der ganze Zugverkehr zum Erliegen?
Aus Sicherheitsgründen, erklärt Peterle Sky, der ebenfalls von dem IT-Ausfall betroffen war, auf Instagram. Müsste der Fahrdienstleiter oder der Lokführer einen Notruf absetzen, würde dieser nicht übermittelt werden, führt der Lokführer aus. Dann sei es sicherer, die Züge würden in Bahnhöfen zurückgehalten werden oder stoppen an der nächsten möglichen Stelle. "Krass", sagt Sky, "das habe ich noch nie erlebt".
Gibt es kein Backup-System?
Offenbar gibt es das. Doch im Störungstool vom Infrastrukturbetreiber DB InfraGO hieß es am späten Abend, die "Rückfallebene ist ebenfalls gestört". Zudem hat die Deutsche Bahn die analogen Strukturen zu weiten Teilen abgeschafft, sodass diese nicht infrage kamen. Auch stellte die Kommunikation über Handys bei den überlasteten Bahnnetzen keine Option dar.
Warum tauscht man so wichtige technische Komponenten an einem Dienstagabend?
Die Bahn liefert dafür bis jetzt keine Erklärung. Naheliegend ist, dass der Konzern eine Tagesrandzeit an einem wenig nachgefragten Reisetag gewählt hat, weil es da im Problemfall weniger Betroffene gibt als mitten am Tag oder am Wochenende. Die Nachtzeit kam womöglich wegen höherer Personalkosten nicht für den Komponentenwechsel infrage.
Ist die Störung jetzt ein für alle Mal behoben?
Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Die Bahn sagt nicht, ob der Komponententausch abgebrochen und auf den vorigen Stand zurück abgewickelt wurde, oder ob es sich um eine Störung während des Tauschs handelte, die mit dem Abschluss der Arbeiten beendet war. Im ersteren Fall könnte Bahnreisenden dieselbe Misere noch einmal drohen, wenn der Komponententausch erneut angegangen wird.
Wie teuer wird das für die Bahn?
Alle Bahnreisenden haben Anspruch auf eine Entschädigung, wenn sie ihr Ziel zu spät erreichen: 25 Prozent des Fahrkartenwerts muss der Staatskonzern bei einer Verspätung zwischen einer und zwei Stunden zahlen, 50 Prozent bei mehr als zwei Stunden. Ist das Ziel nicht mehr am selben Tag erreichbar, stellt die Bahn Hotels oder Taxifahrten zur Verfügung. Zusätzlich muss sie für Verpflegung aufkommen. Bordrestaurants haben beispielsweise Wasser und warme Speisen ausgegeben. Bei einer so großflächigen Störung wie in der vergangenen Nacht summiert sich die Summe schnell auf einen hohen sechsstelligen Betrag, vielleicht sogar auf einen siebenstelligen. Die Bahn kann jetzt noch keine genaue Auskunft dazu geben, da die Entschädigungen von den Reisenden beantragt werden muss. Das geht erst, wenn sie ihr Ziel erreicht haben.
Wie reagiert die Politik auf diese IT-Panne?
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder fordert von der Deutschen Bahn eine "umfassende Aufklärung" des Vorfalls, teilt sein Ministerium RTL und ntv mit. Sollte es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder um ein Update-Problem eines Servers handeln, müsse die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederhole, heißt es.
Unionsfraktionsvize Stephan Stracke erwartet von Bahn-Chefin Evelyn Palla, "dass Lösungen gefunden werden". Die Bahn müsse dringend auf Vordermann gebracht werden, sagt er in der "Rheinischen Post". "Das gilt nicht nur für marode Schienen und Anlagen, sondern auch für die Technik, die für den Betriebsablauf wichtig ist. Es kann nicht sein, dass der Ausfall eines Funksystems den Schienenverkehr in ganz Deutschland lahmlegt."
Armand Zorn, SPD-Fraktionsvize im Bundestag, fordert von der Bahn, Sicherheitsbehörden und dem Bundesverkehrsministerium Aufklärung und Verbesserungen an den Systemen. "Der Bahnverkehr ist eine Frage der nationalen Sicherheit", sagt Zorn in einem Statement. "Wenn eine technische Störung den Bahnverkehr in großen Teilen Deutschlands beeinträchtigen kann, dann muss schnell und umfassend gehandelt werden."
"Menschen verlassen sich auf die Bahn und wenn es ein Unwetter gibt, da haben wir alle Verständnis, dass es hier Einschränkungen gibt. Aber dass aufgrund einer technischen Störung zwei Stunden lang alle Züge in Deutschland stehen, das darf eigentlich nicht passieren", sagt Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer im WDR.
Bayerns Verkehrsminister fordert von der Bahn schnellere Lösungen bei solchen Störungen: "Technische Defekte wird man zwar nie ganz vermeiden können. Aber bei einem Ausfall dieser Größenordnung erwarte ich im Sinne aller Fahrgäste und auch der Wirtschaft, dass die Deutsche Bahn ein tragfähiges Notfallkonzept in der Hinterhand hat. So kann es nicht weitergehen", sagt CSU-Politiker Christian Bernreiter, der Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz von Bund und Ländern ist.