Panorama

Nach dem Inferno von Notre-Dame Wiederaufbau könnte Jahrzehnte dauern

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(Foto: REUTERS)

Das Feuer in Notre-Dame ist gelöscht, jetzt richten die Franzosen langsam den Blick nach vorn. Das Mammut-Projekt Wiederaufbau steht an. Bereits mehr als eine halbe Milliarde Euro sind zugesagt, doch noch immer droht eine Katastrophe.

Scherben von unersetzlichen Fenstern aus dem Mittelalter und ein klaffendes Loch über dem Chor: Am Morgen danach wird das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar, den der Großbrand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame angerichtet hat. Während übernächtigte Feuerwehrleute die letzten Flammen löschen, zeigen sich Pariser und Touristen am Seine-Ufer vereint. Sie setzen auf das Versprechen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: "Wir werden Notre-Dame wieder aufbauen."

Generalvikar Philippe Marsset ist einer der ersten, der die Schäden an dem gotischen Meisterwerk aus dem 12. Jahrhundert in Augenschein nehmen kann. Rauch steigt über dem Altar auf, wo große Teile des Dachstuhls und der berühmte Spitzturm am Vorabend eingestürzt sind. Doch das Kreuz auf dem Altar steht noch und trotzt der Verwüstung. "Es war die Hölle", sagt der 61-Jährige über das Feuer, das kurz nach der Abendmesse ausbrach. "Aber wir lassen uns nicht in die Knie zwingen", betont der Generalvikar. "Diese Kirche wurde vor gut 850 Jahren gebaut. Sie hat Kriege überstanden und Bomben - Notre-Dame übersteht alles."

Der größte Teil der religiösen und künstlerischen Schätze konnte aus der brennenden Pariser Kathedrale Notre-Dame gerettet werden. Die für Katholiken sehr wertvolle Dornenkrone und andere Gegenstände seien im Pariser Rathaus untergebracht worden, sagte Frankreichs Kulturminister Franck Riester dem Sender LCI. Es habe die reale Gefahr bestanden, dass der Nordglockenturm bei dem Brand zerstört wird, sagte der Minister. "Und das hätte dann zur völligen Zerstörung von Notre-Dame de Paris geführt." Der außergewöhnliche Mut der Feuerwehr habe das verhindert. Riester sagte, man habe immer noch die Fachkenntnis, ein solches Gebäude zu bauen.

Innenminister Christophe Castaner sagte, das Wesentliche sei gerettet, die Kirche liege nicht darnieder. "Die Zeit des Wiederaufbaus" und die "Zeit der Solidarität" seien gekommen. Man werde noch 48 Stunden abwarten müssen, ob die Statik in Gefahr ist und es noch Bewegung gibt. Erst dann könnten Spezialkräfte die Kathedrale sichern.

Halten die Decken stand?

Der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich fürchtet, dass der Wiederaufbau Jahrzehnte dauern könnte. "Jetzt zu spekulieren, wie lange der Wiederaufbau dauern und was er kosten wird, ist ein Blick in die Glaskugel", sagte Füssenich. "Aber allein wenn man die Fernsehbilder gesehen hat, weiß man, dass es nicht nur Jahre sein werden, bis der letzte Schaden beseitigt ist, sondern dass es da um Jahrzehnte geht."

Die nächsten Tage seien nun entscheidend, betonte der Experte. Die steinernen Deckengewölbe unterhalb des verbrannten Dachstuhls hätten sich mit Löschwasser vollgesogen. "Das hat dazu geführt, dass es zu einer Gewichtszunahme der überwölbten Decken um ein Vielfaches gekommen ist. Man wird die nächsten Tage abwarten müssen, ob die Gewölbe standhalten trotz dieses Gewichts." Die Zerstörung des Dachstuhls von Notre-Dame sei ein besonders großer Verlust, weil er überwiegend noch aus dem 13. Jahrhundert gestammt habe.

Am Kölner Dom ist der Dachstuhl beispielsweise aus Stahl - nicht aus Holz. Die Dombaumeisterin von Merseburg und Naumburg, Regine Hartkopf, mahnte bei n-tv dennoch zu Vorsicht. "Stahl verformt sich unter Hitze und kann nachgeben", sagte sie. "Man ist also nicht auf der sicheren Seite, nur weil der Dachstuhl aus Stahl besteht."

Bundeskanzlerin Angela Merkel bot Frankreich Hilfe beim Wiederaufbau der durch einen Brand schwer beschädigten Pariser Kathedrale Notre-Dame an. Es habe sie tief berührt, die Kirche in Flammen zu sehen, sagte die CDU-Politikerin in Berlin. Bei der Kathedrale handele es sich um ein gemeinsames europäisches Erbe. Deutschland sei daher "auch gerne bereit, (...) dass wir gemeinsam an dem Wiederaufbau mitwirken, auch mit deutscher Expertise, mit deutscher Erfahrung".

Hilfe für den Wiederaufbau hat auch Russlands Präsident Wladimir Putin angeboten. "Er schlug vor, die besten Experten nach Frankreich zu schicken. Sie haben große Erfahrung in der Restaurierung von Weltkulturerbe", teilte der Kreml mit. Die Kathedrale sei ein unschätzbarer kultureller Wert für Europa und die ganze Welt, sagte der russische Präsident in einem Schreiben an seinen französischen Kollegen Emmanuel Macron. "Das Unglück, das in dieser Nacht geschehen ist, schmerzt auch in den Herzen der Russen."

Schon mehr als eine halbe Milliarde Euro zugesagt

Das Geld für den Wiederaufbau kommt aus Spenden - mehr als eine halbe Milliarde Euro wurde bereits zugesagt. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagte, die Stadt werde sich mit 50 Millionen Euro am Wiederaufbau beteiligen. Die Region Ile-de-France, die größtenteils dem Großraum Paris entspricht, kündigte eine Soforthilfe von zehn Millionen Euro an. Der weitaus größere Anteil kommt aber von privaten Spendern.

Die Familien hinter zwei Luxusgüterkonzernen sagten zusammen 300 Millionen Euro zu. Die Milliardärsfamilie Bettencourt-Meyers und der Kosmetikriese L'Oreal wollen insgesamt 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau der stark beschädigten Kathedrale spenden. Dabei kommen 100 Millionen Euro von der gemeinnützigen Stiftung Bettencourt Schueller, wie L'Oreal mitteilte. Die anderen 100 Millionen Euro kommen von dem Kosmetikriesen und der Erbenfamilie Bettencourt-Meyers. Die gemeinnützige Stiftung wurde in den 1980er von der Familie gegründet.

Weltweit signalisierten Menschen ihre Bereitschaft zu spenden - auch in Deutschland. CDU-Politiker Friedrich Merz rief zu einer Sammlung auf. Manche zogen Vergleiche zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Deren Bau hatte nach der Grundsteinlegung 1994 elf Jahre gedauert. Die Kosten beliefen sich auf 183 Millionen Euro. "Sie müssen eine große Zahl von Menschen begeistern können, die etwas schier unmöglich Erscheinendes für möglich erachten", sagte der Frauenkirchen-Pfarrer Sebastian Feydt. Wie viel die Instandsetzung von Notre-Dame kostet, ist noch unklar.

Innenminister Castaner ist sich sicher: "Notre-Dame wird wieder aufgebaut werden." Sie sei nicht eine einfache Kathedrale, sondern ein gemeinsamer Bezugspunkt, "die Stärke, die uns allen gehört" und "unser Erbe", sagt er vor Reportern in Paris. "Die Glocken von Notre-Dame werden wieder läuten", sagte Castaner. So wie in den 850 Jahren zuvor.

Quelle: n-tv.de, vpe/AFP/dpa

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