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Kritik an Preiskalkulation Zahlte Bundesregierung zu viel für PCR-Tests?

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Lauterbach räumte ein, die Preise für PCR-Tests seien "zu hoch" gewesen.

(Foto: picture alliance/dpa)

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Im Mai 2020 beziffern Ärztevertreter die Materialkosten für einen PCR-Test auf rund 22 Euro. Doch ein neuer Bericht zeigt nun, dass damals deutlich günstigere Alternativen auf dem Markt verfügbar waren. Hätten Staat und Krankenkassen also hohe Summen sparen können?

Mit mehr als sechs Milliarden Euro haben Staat und Krankenkassen für PCR-Tests laut WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" offenbar deutlich mehr Geld ausgegeben als erforderlich. Der Rechercheverbund verwies auf fragwürdige Preiskalkulationen, mit denen Ärztefunktionäre hohe Erstattungspreise für die Labore aushandelten. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach räumte demnach auf Anfrage ein, dass die Preise für PCR-Tests "zu hoch" gewesen seien.

Die Recherchen ergaben, dass die Testmaterialien auf dem Markt damals deutlich günstiger zu kaufen waren, als Ärztevertreter in den Preisverhandlungen angaben. In den Verhandlungen mit den Krankenkassen im Mai 2020 bezifferten sie die Materialkosten für einen PCR-Test auf 22,02 Euro. Das gehe aus bisher vertraulichen Unterlagen und Abrechnungen hervor, die WDR, NDR und SZ einsehen konnten.

Auf dem freien Markt hingegen hätten mehrere Anbieter zertifizierte Testkits zu dieser Zeit für vier bis sieben Euro verkauft. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wollte laut WDR, NDR und "SZ" auf Anfrage keine Belege für ihre Berechnungen vorlegen. Sie habe lediglich mitgeteilt, dass gerade zu Beginn der Pandemie "erhebliche Marktengpässe bei Reagenzien und Materialien auftraten, die zu einem langfristig hohen Preisniveau beigetragen haben".

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts hätten zu dieser Zeit 30 von 170 Laboren über Knappheit geklagt. Gleichzeitig bauten die Labore ihre Kapazitäten in diesen Wochen massiv aus. Der damalige Minister Jens Spahn erklärte demnach auf Anfrage, die Verfügbarkeit von PCR-Tests schnell und verlässlich herzustellen, sei "gerade im schweren ersten Jahr ein zentrales Mittel der Pandemie-Bekämpfung" gewesen. Konkrete Fragen könne er nicht beantworten, da er keinen Aktenzugang mehr habe. Heute erhalten die Labore noch rund 30 Euro für einen PCR-Test, und zwar einschließlich Personal-, Transport- und sonstiger Kosten.

Gesundheitsministerium antwortet nur knapp

Mit den Recherchen von WDR, NDR und "SZ" konfrontiert, räumte Lauterbach ein: "Mir erschienen die Testkosten zu hoch. Ich habe sie dann um mehr als die Hälfte abgesenkt. Trotzdem kommen die Anbieter mit dem Geld aus. Daher können die Kosten also nicht höher sein als das, was jetzt bezahlt wird." Das Gesundheitsministerium antwortete nach Angaben des Rechercheverbunds auf detaillierte Fragen knapp: Die Vergütung orientiere sich an den "relevanten Kostenfaktoren".

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Die Gesetzlichen Krankenkassen beklagten gegenüber WDR, NDR und "SZ" ein "Informationsungleichgewicht": Die Ärzteschaft, die auch die Labore vertrete, wisse "deutlich mehr über die echte Kostenstruktur in den Laboren", sagte deren Sprecher. Die Kassen hätten unter Druck gestanden, die Versorgung von 73 Millionen Versicherten sicherzustellen.

Die Recherchen zeigen auch den Einfluss, den der Lobby-Verein "Akkreditierte Labore in der Medizin" (ALM) im Ministerium von Lauterbachs Vorgänger Spahn gehabt habe. Mehrfach wurden den Recherchen zufolge Referentenentwürfe so geändert, wie der ALM es in seinen Eingaben vorgeschlagen hatte. So setzte sich die Laborlobby erfolgreich für die Beibehaltung höherer Preise ein und lobbyierte dagegen, dass sich Zahnärzte und Veterinärmediziner an den Tests beteiligen dürfen. Der ALM ließ laut WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" eine Anfrage unbeantwortet.

Quelle: ntv.de, jki/jpe/AFP

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