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Eine weiße Flagge auf rotem Grund schmückt die Webseite "Civil March For Aleppo".
Eine weiße Flagge auf rotem Grund schmückt die Webseite "Civil March For Aleppo".(Foto: #CivilMarchForAleppo/CivilMarchForAleppo)
Mittwoch, 21. Dezember 2016

"Ich ertrage das nicht mehr.": Zu Fuß von Berlin nach Aleppo

Von Diana Sierpinski

Über 3000 Kilometer zu Fuß. Bei Minusgraden. Für den Frieden. Tausende Menschen wollen sich am zweiten Weihnachtsfeiertag auf den Weg machen - von Berlin in das syrische Kriegsgebiet.

Für Anna Alboth ist die Situation in Syrien "die größte Tragödie unserer Zeit". "Wir können das nicht einfach mit ansehen", sagte die polnische Journalistin jüngst im Deutschlandfunk. Deshalb hat sie einen Protestmarsch nach Aleppo initiiert.

Am zweiten Weihnachtstag soll es von Berlin aus losgehen. Über 3000 Kilometer zu Fuß. Mindestens drei Monate lang. Bei Minusgraden. Durch neun Länder. Über Tschechien, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei bis nach Syrien - die umgekehrte Flüchtlingsroute also.

Alboth engagiert sich schon länger in der Flüchtlingshilfe. So oft sie kann hilft sie im Berliner Tempelhofer Flughafen, in dem rund tausend Flüchtlinge untergebracht sind. Im vergangenen Jahr organisierte sie Picknicks für geflüchtete Frauen und sammelte in einer Großaktion 3000 Schlafsäcke. Auf dem Flugfeld vor den Hangars soll der "Civil March for Aleppo" am 26. Dezember beginnen.

Die Idee sei im vergangenen Jahr gereift, als bei Alboth ein syrischer Flüchtling einzog, erzählt sie im Interview mit dem Deutschlandfunk. "Das Thema Syrien war dann einfach täglich Thema, weil unser Mitbewohner natürlich Anrufe aus seiner Heimat bekam." Dann kam jener Tag, den Alboth als Wendepunkt beschreibt. Sie war in einer Flüchtlingsunterkunft und hörte noch mehr traurige Geschichten. Zur selben Zeit wurden in Syrien die Krankenhäuser bombardiert. Im Fernsehen sah sie die Bilder aus Aleppo. Als sie das viele Blut und die schreienden Kinder sah, brach etwas in ihr zusammen, sagt die 32-jährige Mutter, die mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Berlin lebt.

Sie weinte. Und schrieb: "Ich ertrage das nicht mehr. Was, wenn ich dort hingehe? Was, wenn wir alle gehen?" Als sie ihre "verrückte Idee", nach Aleppo zu gehen, auf Facebook postete, bekam sie innerhalb weniger Stunden Hunderte Anwtorten. Die Idee für den Marsch ließ sie nicht mehr los. Eine weiße Flagge auf rotem Grund schmückt die Webseite der Friedensaktion. Darunter eine Videobotschaft: "So viele Menschen posten, dass sie nichts tun können", spricht Alboth in die Kamera. "Ich glaube, wir können etwas tun."

"Die Welt wird hingucken"

Auf Facebook hätten bereits mehr als 2000 Menschen ihre Teilnahme zugesagt. Kalt und anstrengend wird der Marsch werden. Etwa sechs Stunden will die Gruppe pro Tag gehen.

Etwa 130 Menschen sind laut Alboth mittlerweile an der Organisation beteiligt. Sie haben sich in verschiedenen Teams organisiert. Eines sucht nach Ärzten, die den Tross begleiten. Eine Gruppe von Anwälten prüft die Rechtslage für Demonstrationen in den Ländern, durch die der Marsch führen soll. Trucks transportieren Gepäck und Verpflegung. Geschlafen wird in Schulen, Kirchen, bei Unterstützern oder im Zelt.

"Mit ungefähr 3000 Leuten rechne ich beim Start", sagte Alboth der "Berliner Zeitung". Das Ziel des Marsches ist simpel: Es gehe darum, die Menschen wachzurütteln. Es geht um Menschlichkeit. "Wenn ich eine winzige Chance sehe, Aufmerksamkeit nach Syrien zu lenken - dann mache ich es, anstatt untätig zuzuschauen."

Auch wenn man den Protestmarsch als rein symbolischen Akt sehen könne, habe er bereits etwas bewirkt, sagte Alboth im Deutschlandfunk. "Bei mir melden sich Leute aus aller Welt, die sagen: Ich kann zwar nicht mit euch gehen, aber ich lade eine syrische Familie zu Weihnachten ein. Und allein dafür hat es sich doch schon gelohnt, auf die Pauke zu hauen und zu sagen: Wir machen uns auf nach Aleppo und wir gehen so weit, bis wir unser Ziel erreicht haben."

Menschen sollen sich zusammentun

Petra Becker, die bei der Stiftung Wissenschaft und Politik den Syrien-Konflikt erforscht, hält die Aktion für eine gute Initiative. Sie sagte der "Stuttgarter Zeitung": "Angesichts der Tatenlosigkeit der politischen Entscheidungsträger und der Quasi-Lähmung der Uno sollten sich Menschen zusammentun, um Medienaufmerksamkeit zu erzeugen".

Ob die Gruppe tatsächlich etwas erreichen kann, ob es irgendwann zu gefährlich wird oder zu frostig, ob eine Regierung ihnen Steine in den Weg legen wird, das weiß Alboth nicht. Sie habe lange darüber nachgedacht, was für sie Erfolg heißt.

"Aber was passiert, wenn da 5000, 10.000 oder 20.000 Europäer an der Grenze zu Syrien stehen? Oder was, wenn die Türkei zehntausende Menschen mit weißen Fahnen nicht ins Land lässt? Die Welt wird hingucken und es sehen."

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Quelle: n-tv.de