Politik

Studie über Terror-Deserteure Abtrünnige zweifeln an IS-Versprechungen

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Das Leben im Kalifat entpuppt sich nicht als das, was freiwillige Rekruten aus dem Ausland erwartet haben.

(Foto: REUTERS)

Der Islamische Staat hat Tausende ausländische Kämpfer angezogen. Doch aus dem Traum von einem glorreichen Kämpfer-Dasein wird oft nichts. Erstmals wertet eine Studie die Aussagen von IS-Deserteure aus, um herauszufinden, warum sie heimgekehrt sind.

Abtrünnige IS-Kämpfer gibt es viele, doch nicht alle überleben diese Entscheidung. Aus den wenigen verfügbaren Aussagen jener Dschihad-Touristen, die zurückgekehrt sind und auch noch über ihre Motive gesprochen haben, hat das "International Centre for the Study of Radicalization and Political Violence" (ICSR) am Londoner King's College nun eine Studie veröffentlicht.

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Fazit: Der Hauptgrund fürs Desertieren war die Enttäuschung darüber, dass der Islamische Staat statt religiöser Reinheit schmutziges Gemetzel bereithält, statt eines glorreichen Kriegerlebens Putzdienste und statt Schwelgens im Überfluss ein Dasein voller Entbehrungen. Dass die radikalsunnitische Terrormiliz gegen andere sunnitische Muslime brutale Gewalt ausübt, scheint ebenfalls viele überrascht zu haben.

Ausgewertet wurden die Aussagen von 58 ehemaligen IS-Kämpfern, die aus insgesamt 17 Staaten stammen. Neun von ihnen stammen aus Westeuropa und Australien.

Studienautor Peter R. Neumann hat insgesamt vier Motive abgeleitet, warum Rekruten des Islamischen Staates die Terrorgruppe wieder verließen:

  1. Sie sind enttäuscht, dass sie mehr gegen andere Islamisten kämpfen sollen, als gegen das Assad-Regime.
  2. Andere zeigen sich auch abgestoßen von der Gewalt gegen Zivilisten, vor allem, wenn es sich um Sunniten handelt.
  3. Die Erkenntnis, dass die IS-Anführer die selbst auferlegten streng-religiösen Regeln selbst nicht einhalten. Manche beschreiben ihre Anführer als ungerecht und korrupt, beschweren sich darüber, dass andere Kämpfer gegenüber ihnen selbst bevorzugt worden seien.
  4. Zuletzt sind manche offenbar auch enttäuscht davon, dass materielle Versprechungen (Autos, Luxusgüter) nicht eingehalten werden und sie die ihnen zugewiesenen Aufgaben als langweilig empfinden. Das erhoffte "Traumleben" im Kalifat stellt sich für sie als entbehrungsreich und unkomfortabel heraus.

Schwieriger Umgang mit Ex-Terrorrekruten

Die ICSR-Studie zeigt, wie desillusioniert viele IS-Kämpfer sind, wenn ihnen die Flucht aus dem streng überwachten Kalifat gelungen ist. Die untersuchten Fälle stammen aus dem Zeitraum Januar 2014 bis August 2015. Diese "Deserteure", als die sie aus Sicht des IS gesehen werden, zum Reden zu bringen und möglicherweise sogar als Zeugen und Warner zu gewinnen, die andere junge Menschen von einer Reise ins Kriegsgebiet abhalten, ist eine der Hauptschwierigkeiten. Genau das schlägt aber Peter R. Neumann vor, um der Dschihad-Propaganda etwas entgegenzusetzen.

Das würde auch bedeuten, dass Regierungen diesen Menschen - überwiegend jüngere Männer - einen gewissen Schutz bieten müssten, damit sie nicht abtauchen. Das wiederum ist heikel, weil viele der Desillusionierten nicht automatisch begeisterte Anhänger liberaler Demokratie geworden sind, wie die Studie betont. Einige haben Verbrechen begangen. Dennoch sei es wichtig, die Ex-IS-Kämpfer als Quellen zu gewinnen, nicht zuletzt auch, um mehr über das Innenleben des IS zu erfahren.

Quelle: ntv.de, nsc