Politik

Frieden via Facebook "Alle suchen Trost bei uns"

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"Es gibt einen anderen Weg" ist das Motto der Friedensinitiative.

Eine halbe Million junger Leute aus Nahost und Nordafrika, die täglich auf Englisch, Arabisch und Hebräisch kommunzieren? Für die Facebook-basierte Friedensinitiative "Yala Young Leaders" gibt es im Internet heute keine Grenzen mehr. Und morgen vielleicht auch nicht mehr in der Politik. Ein Besuch in der YaLa-Zentrale in Tel Aviv.

n-tv.de: Vor gut drei Jahren machte der arabische Frühling Hoffnung auf eine Zeitenwende. Jetzt beherrschen Syrien und der IS sowie der in diesem Sommer wieder eskalierte Konflikt zwischen Israel und Gaza die Schlagzeilen. Was ist aus den damals demonstrierenden Jugendlichen geworden?

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Sarah Perle Benazera ist Projektmanagerin bei "Yala Young Leaders".

Sarah Perle Benazera: Diese unglaubliche Energie der jungen Menschen während des Arabischen Frühlings und während der sozialen Demonstrationen in Israel haben zum Beispiel unsere Friedensinitiative "Yala Young Leaders" ins Leben gerufen. Wir wollten mit allen in Kontakt bleiben, weil es eine Nahost-Jugend gibt. Sie hat so viel gemeinsam, aber es ist für sie so viel schwerer, in Kontakt zu treten, als beispielsweise für europäische Jugendliche. Sie können nicht reisen. Zum einen, weil die Arbeitslosenquote unglaublich hoch ist und man Geld fürs Reisen braucht. Zum anderen, weil es für Menschen aus arabischen Ländern undenkbar wäre, etwa nach Israel zu reisen. Und für Israelis ist es andersherum einfach unmöglich. Aber wir haben das Internet. Und hier gibt es keine Grenzen.

Wie viele Menschen nutzen Yala?

Bei uns sind mehr als 460.000 Mitglieder aktiv. Wir posten meistens auf Englisch, aber auch in Hebräisch und Arabisch. Es klingt unglaublich, aber tatsächlich können sich fast eine halbe Million Menschen auf eine Webseite einigen, in der Hebräisch und Arabisch gleichberechtigt nebeneinander stehen. Und sie hören nie auf, zu kommunizieren, zu kommentieren, zu reden. Das ist sehr inspirierend.

Yala Young Leaders

Die Facebook-basierte Friedensbewegung "Yala Young Leaders" wurde 2011 mit Hilfe des israelischen Peres Center for Peace ins Leben gerufen. Das Kernstück der Bewegung, die Facebook-Seite, versammelt mehr als 460.000 Mitglieder aus der arabischen Welt, Israel sowie Nordafrika. Zu den Unterstützern gehören neben dem israelischen Ex-Präsidenten Shimon Peres Persönlichkeiten wie Mahmud Abbas, Hillary Clinton, Sharon Stone oder Pep Guardiola. Viele Projekte wie die gebührenfreie Online-Akademie, an der Dozenten aus Princeton oder Stanford Konfliktmanagement lehren, der Aufbau von Spirolina-Algen-Farmen in Sierra Leone oder Reisen zum spanischen FC Barcelona sollen Jugendliche zusammenbringen und zu den nächsten Führungspersönlichkeiten erziehen.

Nun haben sich Israel und die Hamas im Sommer wieder einen 50 Tage dauernden Krieg geliefert. Wurde der Konflikt auch auf der Webseite ausgetragen?

Wir hatten große Sorge, dass das passieren würde, weil es viele Hasstiraden im Internet gab. Aber die Menschen haben bei uns Trost gesucht. Vielleicht der einzige Ort, wo ein Israeli Trost bei einem Palästinenser finden kann und umgekehrt. Und wo ein Marokkaner erklärt, dass er mit beiden Seiten mitfühlt. Es war sehr überraschend und wir waren sehr stolz auf unsere Facebook-Seite und was aus ihr im Krieg geworden war.

Viele Friedensaktivisten aus Israel erzählen anderes von diesem Sommer. Besonders linksgerichtete Schriftsteller und Künstler erhielten viel Gegenwind.

Das ist richtig, da war auch viel verbale Gewalt dabei. Auch meine Familie und Freunde stimmen mit mir bei vielem nicht überein. Aber sie sind immer noch neugierig. Sie können kaum glauben, dass es etwa viele Araber gibt, die mit mir arbeiten und sprechen. Und bei den Palästinensern gibt es dasselbe Phänomen: Sie haben keine Vorstellung davon, dass es Israelis gibt, die gerne mit ihnen reden würden. So sind wir alle Repräsentanten.

Es ist für mein Gefühl aber viel gefährlicher für Palästinenser als für Israelis, der Organisation beizutreten. Trotzdem ist es sicher auch für die Israelis nicht einfach, als "Linke" beschimpft zu werden. So sollte es nicht sein. Ich glaube noch nicht mal, dass wir eine linksgerichtete Organisation sind. Wir sind nur für den Frieden. Und wir suchen nach einer pragmatischen Lösung für den Konflikt.

Kann denn eine Friedensinitiative, besonders im Nahen Osten, überhaupt unpolitisch sein?

Frieden ist Politik, ganz klar. Und wir scheuen keine kritische Auseinandersetzung und votieren für die Zwei-Staaten-Lösung. Aber wir haben weder besondere Beziehungen zu einer politischen Partei noch eine ökonomische Agenda oder dergleichen. Wir haben nur die Unterstützung des Peres Peace Center und von Shimon Peres persönlich.

Yala zählt alleine 107.000 Mitglieder aus Ägypten, in Israel sind es 14.000. Was bei der Größe des Landes sicher nicht wenig ist, aber könnten es hier nicht mehr sein?

Ja, wir hätten hier auch gerne mehr Mitglieder. In Israel herrscht Meinungsfreiheit, es gibt eine Vielzahl von Plattformen, auf denen sich die Menschen ausdrücken können, zudem jede Menge verschiedene Friedensinitiativen. Doch uns fehlen zum Beispiel die 18- bis 21-Jährigen. Die gehen uns an die Armee verloren, in der Zeit sind sie in einem völlig anderen System. Wir versuchen, sie danach wieder einzufangen.

Wir haben auch viele Mitglieder, die jetzt im Sommer zum Reservedienst einberufen wurden. Und sie haben bei uns darüber geredet und die anderen haben es verstanden. Da gab es dieses unglaubliche Foto einer Soldatin, die noch in Uniform einen Heiratsantrag erhielt. Sie hatte das Foto auf ihrer persönlichen Facebook-Seite gepostet, aber befreundete marokkanische Yala-Mitglieder posteten es bei uns und gratulierten ihr. Und es folgten viele, viele gute Wünsche aus anderen arabischen Ländern. Sie sahen die Person, nicht die Soldatin. So etwas hatte ich gar nicht erwartet, denn es ist hart während eines Krieges.

Gab es auch negative Erfahrungen?

Auf unserer Webseite herrscht Meinungsfreiheit. Und wenn alle uns mögen würden, würden wir unseren Job nicht richtig machen. Aber wenn die Leute aggressiv werden, treten wir mit ihnen in Kontakt. Wir sind eine Friedensinitiative und wenn sie mit uns nicht übereinstimmen, sollten sie nicht dabei sein. Manchmal reicht das schon. Manchmal müssen wir aber Posts von der Seite entfernen, wenn zum Beispiel andere Mitglieder bedroht werden. Niemand soll Angst haben müssen. Wir werden auch schon mal abwechselnd beschuldigt, Pro-Hamas und rassistische Zionisten zu sein. Ich nehme das mal als gutes Zeichen. Wir brauchen viel Geduld und Diplomatie. Aber es gibt keinen anderen Ausweg. Wir alle leiden unter der Situation.

Viele ehemaligen Friedensaktivisten haben aber keine Geduld mehr, sie verlassen das Land, um sich beispielsweise in Berlin niederzulassen.

Alle wollen gehen, sowohl Israelis als auch Palästinenser. Oder sie wollen keine Kinder kriegen, weil die Situation so beängstigend ist. Ich verstehe sie. Aber für mich gibt es keine andere Heimat. Außerdem gibt es so viele gute Leute hier, die nicht die Möglichkeit haben, einfach zu gehen. Wir müssen auch für sie kämpfen.

Aber wie sollen die Auswanderungswilligen neue Hoffnung schöpfen?

Es gab und gibt so viele Konflikte auf der Welt. Und viele davon dauerten erheblich länger als unserer und endeten doch eines Tages. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Frankreich und Deutschland eines Tages die besten Wirtschaftspartner werden? Wir sind hier so auf den Nahostkonflikt konzentriert, wir denken, dass niemand sonst auf der Welt leidet. Frieden ist möglich. Wir müssen nur hier bleiben und dafür arbeiten. Derzeit machen uns die politischen Führer auf beiden Seiten nicht viel Hoffnung. Sie benutzen Wörter wie Rache, sie benutzen Angst. Aber ich warte auf den Wandel und versuche, Teil davon zu sein.

Mit Sarah Perle Benazera sprach Samira Lazarovic

Quelle: ntv.de

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