Politik

Zum Tode des Sowjet-Diplomaten Als Falin Kohl und Teltschik elektrisierte

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Falin bei einer Veranstaltung im Jahr 2010.

(Foto: imago stock&people)

In Moskau stirbt ein Mann, der eine wichtige Rolle für die deutsche Wiedervereinigung gespielt hat – obwohl er, Valentin Falin, das gar nicht wollte. Wie es dazu kam, erzählt der damalige Kanzlerberater Teltschik.

Er galt als bester Deutschlandkenner des Kremls, machte jahrzehntelang Deutschlandpolitik in Moskau, Bonn und anderswo: Valentin Falin, langjähriger Spitzendiplomat in Diensten der Sowjetunion. Nun ist er 91-jährig in Moskau gestorben.

Von 1971 bis '78 war er Botschafter der Sowjetunion in Bonn und ein wichtiger Ansprechpartner Egon Bahrs, der die neue Ostpolitik unter Willy Brandt maßgeblich gestaltete. So sehr er sich für Entspannung einsetzte, ein Freund der Wiedervereinigung war er weniger. Zumindest nicht der, wie sie dann letztlich passierte. Doch war er es, der im Herbst '89 unbewusst dem Bonner Kanzleramt den entscheidenden Anstoß gab, sich voll und ganz für den Zusammenschluss von Bundesrepublik und DDR einzusetzen. Wie Horst Teltschik, damals enger Berater von Kanzler Helmut Kohl, im Gespräch mit n-tv.de erzählt, war es eine geheime Nachricht Falins, die dazu führte.

Zur Person Valentin Falin

Valentin Falin galt über Jahrzehnte als bester Deutschlandkenner des Kremls. Schon in der Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) war Falin ein wichtiger Ansprechpartner. Mit Bundesminister Egon Bahr (SPD) handelte der Diplomat 1970 den deutsch-sowjetischen Moskauer Vertrag aus. Ein Jahr später wurde er Botschafter in Bonn. Ab dann kannte das deutsche Fernsehpublikum sein gutes Deutsch und seine sonore Stimme. Unter den Spitzenfunktionären der sowjetischen Staatspartei KPdSU galt Falin als Liberaler. Er setzte sich auch für die Reformen unter Parteichef Michail Gorbatschow in den 80er Jahren ein. 1988 wurde er leitender Außenpolitiker im Zentralkomitee, er sah die Instabilität der DDR voraus. Falin beriet Gorbatschow in den Verhandlungen mit Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) über die deutsche Einheit. Das Interesse an der deutschen Sprache entwickelte der Bauernsohn, geboren am 3. April 1926 in Leningrad (heute wieder St. Petersburg), schon als Kind. Im Lauf seiner Karriere arbeitete Falin auch als Journalist bei der Zeitung "Iswestija" und bei der Agentur APN. Nach dem Zerfall der Sowjetunion lehrte Falin kurze Zeit am Institut für Friedensforschung der Universität Hamburg. (dpa)

Ein Mitarbeiter Falins sei damals der Journalist und KGB-Mann Nikolai Portugalow gewesen, so Teltschik. Der kam am 21. November, keine zwei Wochen nach dem Mauerfall, zu ihm ins Büro im Kanzleramt. Für Teltschik ein interessanter Gesprächspartner, den er immer empfing, wenn er in die Bundeshauptstadt kam. "Er war eine Art Wetterfahne der sowjetischen Politik. Durch ihn wusste ich, wie der Wind in Moskau weht", erzählt der heute 77-Jährige.

Geheimnisvoller Auftraggeber

Portugalow sitzt Teltschik gegenüber und zieht schließlich ein Papier aus seiner Tasche. Darauf: Mehrere handgeschriebene Fragen. Er, Portugalow, sei im Auftrag Moskaus nach Bonn gekommen, um diese Liste dem Bundeskanzler vorzulegen. Im Auftrag Moskaus? "Von ganz oben", sei er geschickt worden, so der Russe geheimnisvoll. Aber von wem? Gorbatschow? Das will Portugalow nicht verraten.

"Die Fragen hatten alle einen Bezug zum Thema Deutsche Einheit", erinnert sich Teltschik. "Sie haben mich buchstäblich elektrisiert." Er ließ sich von Portugalow den Zettel mit den handgeschriebenen Fragen aushändigen. Als er später den Kanzler trifft, elektrisiert er auch ihn. "Ich sagte ihm, wenn man jetzt schon in Moskau über die Wiedervereinigung nachdenkt, müssen wir es auch tun."

Die Folge sei dann letztlich der Zehn-Punkte-Plan gewesen – Kohls (und Teltschiks) Fahrplan zur Einheit, mit dem der Bundeskanzler eine Woche später die Regierungen dies- und jenseits des Atlantiks überraschte. Es war der Plan, mit dem das Projekt Wiedervereinigung entscheidend an Fahrt aufnahm. Wer Portugalow geschickt hatte, erfuhr Teltschik erst Jahre später: Valentin Falin. Dessen anonyme Nachricht, so Teltschik, "war letztlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat". Die über Portugalow übermittelte Nachricht "war für uns das Signal, in Richtung Wiedervereinigung zu marschieren."

Fragen nicht beantwortet

Falin sollte Jahre später selbst enthüllen, dass die Nachricht von ihm stammte. "Damals ahnten wir das nicht", sagt der einstige Kanzlerberater. "Für uns war Falin kein Thema." Natürlich war der einstige sowjetische Botschafter ein Begriff – aber nach seiner Zeit in Deutschland sei er zwischenzeitlich in der Versenkung verschwunden. Ende 1989 war Falin dann aber wieder zum Sekretär für internationale Beziehungen beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion aufgestiegen.

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Horst Teltschik beriet Kanzler Helmut Kohl und gilt als einer der Architekten der Wiedervereinigung.

(Foto: picture alliance / dpa)

In einem Interview sagte Falin, dass er Teltschik unterschätzt habe. Denn er sei davon ausgegangen, dass die Bundesregierung die eingereichten Fragen brav beantworten würde. "Das haben wir aber nicht getan", erzählt Teltschik. Dafür sei ihm der Absender viel zu vage gewesen. "Unser Partner war nicht Portugalow oder irgendeine Stelle ganz oben, sondern Gorbatschow und seine Mitarbeiter. Ich wusste zu dem Zeitpunkt ja nicht, dass es von Falin kam." Gorbatschow habe von der Nachricht nichts gewusst.

Bei den heute legendären Kaukasus-Verhandlungen im Juli 1990, als Gorbatschow und Kohl sich in Pullover und Strickjacke über die Modalitäten der Wiedervereinigung einigten, saß dann auch Falin mit am Tisch. "Wenn er sich geäußert hat, gab er sich als Hardliner zu erkennen", so Teltschik. "Er hat versucht, in einer für uns negativen Weise, auf Gorbatschow einzuwirken." Ein wichtiger Streitpunkt war dabei die Frage, ob das vereinte Deutschland Mitglied der Nato sein dürfe. Als Gorbatschow dafür grünes Licht gab, habe Falin begonnen, auf ihn einzureden, habe versucht dies zu relativeren. "Ich habe ihm dann gesagt, dass diese Frage von den Regierungschefs und nicht von Beratern entschieden wird", sagt Teltschik.

Einer der letzten Kalten Krieger

Die Zeitenwende von 1989/90 ließ auch Falin in den folgenden Jahren nicht los. "Er war auch mal zu Gast bei einem Abendessen in Godesberg, da hat er Gorbatschow brutal und in für mich unerträglicher Weise kritisiert", erinnert sich Teltschik. Auch in Interviews erhob er schwere Vorwürfe gegen den letzten Regierungschef der Sowjetunion. Der hätte die Wiedervereinigung noch hinauszögern können, mit den Zwischenstufen einer Vertragsgemeinschaft und einer Konföderation. Die DDR habe Gorbatschow "verschenkt". Falin hätte auf höhere Zahlungen der Bundesrepublik gedrungen.

Ganz besonders trauerte der langjährige Top-Diplomat aber dem Ende der Sowjetunion nach. Als Interviewpartner für zahlreiche TV-Dokumentationen blieb er ein gefragter und spannender Gesprächspartner. Sein Tod bedeutet den Verlust eines Deutschland durchaus gewogenen, kompetenten Zeitzeugen – und von einem der wenigen noch lebenden Kalten Krieger.

Quelle: n-tv.de

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