Politik

"Tornado des Wahnsinns" Am Kabuler Flughafen herrscht Chaos

Die Straßen sind verstopft, US-Soldaten blockieren die Eingänge des Kabuler Airports, die Taliban halten Menschen mit Peitschen und Waffen zurück. In dem Chaos werfen Menschen sogar Babys über den Zaun - um sie in Sicherheit zu bringen. US-Präsident Joe Biden rechtfertigt sich.

Rund um den Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul herrscht weiter Chaos. Einheimische Helfer deutscher Organisationen berichteten von verstopften und teils unpassierbaren Straßen. US-Soldaten ließen sie bei den Eingängen nicht vor, wie zwei Ortskräfte berichten. Die CNN-Journalistin Clarissa Ward, die als eine von wenigen ausländischen Journalistin noch vor Ort ist, sprach von einem "Tornado des Wahnsinns". Ihr zufolge warfen Menschen Babys über den Zaun, um sie in Sicherheit zu bringen. Die Taliban seien mit Peitschen und Waffen unterwegs, um die Menschen zurückzuhalten.

Bundeswehrgeneral Jens Arlt, der den deutschen Evakuierungseinsatz vor Ort führt, berichtete von "dramatischen Szenen". Er war in einer Online-Pressekonferenz des Bundesverteidigungsministeriums telefonisch aus Kabul zugeschaltet. "Es ist sehr, sehr turbulent alles", sagte Arlt. "Sie werden vielleicht den einen oder anderen Schuss im Hintergrund hören. Sie sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und auch der Staatsbürger unterschiedlicher Nationen, die einfach versuchen, in den inneren Bereich des Kabul International Airports zu gelangen; das ist schon dramatisch, was wir sehen."

Der General berichtete von äußeren Kontrollringen der Taliban rund um den Flughafen und Zugängen, die von den USA und andere Nationen besetzt seien. Die Menschen müssten zunächst den Außenbereich erreichen. Sie hätten das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonlaufe. Nach Arlts Angaben versuchen "unterschiedliche Vertreter" der deutschen Seite, in den Außenbereichen "unsere Leute" zu finden. "Dann müssen sie wie die Nadel im Heuhaufen versuchen, dort jemanden herauszupicken. Der muss dann auch eine Chance haben, durch diese Massen nach vorne zu kommen, dass sie ihn dann in den inneren Bereich bringen."

Biden: "ein bisschen mehr Schwierigkeiten"

US-Präsident Joe Biden betonte, das Chaos beim Abzug der amerikanischen Truppen sei unvermeidbar gewesen - wegen des Zusammenbruchs der afghanischen Regierung, des Militärs und der schnellen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban. Biden versicherte im Fernsehsender ABC, die US-Soldaten am Flughafen könnten notfalls auch über den geplanten Abzugstermin am 31. August hinaus bleiben. "Wenn dort noch amerikanische Bürger sind, werden wir bleiben, bis wir sie alle rausgeholt haben." Auf die Frage, ob die US-Regierung Fehler gemacht habe oder ob man besser mit der Lage hätte umgehen können, entgegnete Biden: "Nein. Ich glaube nicht, dass wir es auf eine Weise managen konnten (...), um ohne Chaos rauszukommen. Ich weiß nicht, wie das gehen soll."

Doch Biden räumte Probleme mit Blick auf das Vorgehen der Taliban bei der Evakuierung von Afghanen ein. Zwar würden die Islamisten "kooperieren" und US-Bürger und Botschaftsmitarbeiter ausreisen lassen. Mit Blick auf die Evakuierung der früheren afghanischen Mitarbeiter der US-Behörden und Streitkräfte gebe es jedoch "ein bisschen mehr Schwierigkeiten", sie rauszubekommen. Biden räumte ein, dass es rund um den Flughafen weiter chaotisch zugehe, "aber es wird momentan niemand getötet".

Ein ehemaliger Helfer von ausländischen Stellen sagte hingegen: "Die amerikanischen Soldaten lassen nur ihre Leute durch." Eine andere Ortskraft berichtete, sie habe von 20 Uhr abends bis 2 Uhr morgens versucht, in den Flughafen zu gelangen. Ein US-Soldat habe gesagt, jemand müsse herkommen und überprüfen, ob er wirklich eine Ortskraft der Deutschen sei. Immer wieder seien Schüsse in die Luft gefeuert worden. Auch Tränengas sei eingesetzt worden.

EU-Chefdiplomat: Katastrophe für den Westen

Das US-Verteidigungsministerium hatte am Mittwoch bestätigt, dass Soldaten auch in die Luft geschossen hätten, um die Menge vor dem Flughafen im Zaum zu halten. Am Flughafengelände von Kabul gibt es verschiedene Eingänge. Viele Menschen befinden sich beim Zugang zum zivilen Teil, der am südlichen Ende des Flughafens liegt. Von dort aus werden kommerzielle Flüge abgewickelt, die allerdings aktuell eingestellt sind. Am nördlichen Ende gibt es einen Zugang zum militärischen Teil. Ein weiterer Eingang liegt rund ein Kilometer östlich vom Eingang zum zivilen Teil. Rund um diese Eingänge - aber auch entlang der Sprengschutzwände, die das Gelände umgeben - harren Tausende Menschen aus oder versuchen irgendwie, auf das Gelände zu gelangen.

International ist die Sorge groß. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sprach von einer "Katastrophe für die Werte und die Glaubwürdigkeit des Westens". Man habe dabei versagt, das Land auf seinem Weg zu einem modernen Staat zu begleiten. Den Vereinten Nationen zufolge fehlen mindestens 700 Millionen Euro an Spenden zur Unterstützung der Menschen in Afghanistan. Italien will einem Zeitungsbericht zufolge einen Sondergipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einberufen. Für nächste Woche ist zudem eine Videokonferenz der G7-Staats- und Regierungschefs im Gespräch.

Quelle: ntv.de, chl/dpa

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