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Psychiater über Bilder aus Kabul "Reflex, der das Leben schützen will"

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Aufnahmen zeigen Menschen, die sich an die Außenseite einer US-Militärmaschine klammern.

(Foto: dpa)

Aufnahmen von Menschen, die sich in Kabul an eine rollende US-Militärmaschine klammern, erschüttern die Welt. Aus Sicht des Stressforschers Mazda Adli resultiert das Verhalten dieser Menschen aus dem Gefühl äußerster Not. Im Augenblick der Gefahr werde die Vernunft ausgeschaltet.

Dramatische Bilder vom Flughafen in Kabul gehen zum Wochenbeginn um die Welt: Ein Flugzeug der US-Luftwaffe war am Montag vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt gestartet, umringt von Hunderten Zivilisten auf dem Rollfeld. Auf einem Video war zu sehen, wie mehrere Dutzend Menschen neben der rollenden US-Militärmaschine herliefen. Einige kletterten auf das Flugzeug und klammerten sich fest.

Bilder, die auch Psychiater und Stressforscher Mazda Adli erschüttern. Doch dieses Verhalten ist aus seiner Sicht ein urmenschliches: "Uns wohnt biologisch auch ein Fluchtreflex inne, wenn wir uns in äußerster Not wähnen." Dann könne es passieren, dass die Vernunft ausgeschaltet sei. "Es ist zwar unvernünftig, sich an ein Flugzeug zu hängen. Aber man folgt damit unbewusst einem Reflex, der das Leben eigentlich schützen will", sagt Adli zu ntv.de.

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan leben viele Menschen in dem Land in Angst vor Vergeltungsaktionen der radikalen Islamisten. Besonders die afghanischen Hilfskräfte, die für die Nato-Truppen gearbeitet haben, fürchten um ihr Leben.

"Dieses Verhalten zeigt auch, wie groß die Angst dieser Menschen in der Situation gewesen sein muss", so der Psychiater. Auch die große Ansammlung von Menschen auf dem Rollfeld des Kabuler Flughafens könnte eine Rolle dabei gespielt haben. "Angst kann sich wie alle Emotionen in Gruppen und in Massen verstärken." Zudem orientierten sich Menschen als soziale Wesen bei ihrer Reaktion auf eine Gefahr immer auch an anderen Menschen. "Wenn alle rennen, dann macht man das selbst auch."

"Verzweiflung muss groß gewesen sein"

Für viele hierzulande, die aus "dem Schutzraum des heimischen Wohnzimmers" diese Bilder betrachteten, sei ein derartiges Verhalten zunächst schwer nachvollziehbar, aber gleichzeitig wahnsinnig erschütternd, so Adli. "Jeder Mensch versteht, wie groß die Verzweiflung in diesem Moment gewesen sein muss."

Für besonderes Entsetzen hatten weltweit Aufnahmen gesorgt, die zeigen sollen, wie Menschen aus großer Höhe aus dem Militärflugzeug fielen. Es wurde gemutmaßt, dass sie sich im Fahrwerk versteckt hatten oder sich festhielten. US-Behördenvertreter bestätigten laut "Washington Post", dass tatsächlich Menschen aus dem Flugzeug gefallen waren. Nach der Landung der Maschine in Katar seien zudem "menschliche Überreste" im Fahrwerkschacht entdeckt worden.

Nach Angaben der US-Luftwaffe war die Maschine vom Typ C-17 am Montag auf dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt gelandet, um Ausrüstung für die dortigen Evakuierungsaktionen zu liefern. Bevor die Besatzung das Material habe entladen können, sei der Flieger jedoch von Hunderten Afghanen umringt gewesen, die Sicherheitsabsperrungen durchbrochen hätten. Angesichts der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage habe die Crew entschieden, das Rollfeld so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Die US-Luftwaffe hat eine Untersuchung zu dem tödlichen Chaos rund um den Abflug einer ihrer Maschinen am Flughafen in Kabul eingeleitet.

Quelle: ntv.de

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