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"So eng aneinander wie Ziegel" Anschlagsrisiko - trotzdem füllt sich Kabuler Flughafen

Schon am Vortag versammelten sich sehr viele Menschen, um noch vor dem Abzugsstichtag der USA das Land verlassen zu können.

Schon am Vortag versammelten sich sehr viele Menschen, um noch vor dem Abzugsstichtag der USA das Land verlassen zu können.

(Foto: via REUTERS)

Augenzeugen berichten von einer riesigen Menschenmenge vor den Toren des Flughafens Kabul und das, obwohl mehrere Botschaften vor einer akuten Terrorgefahr durch den IS warnen. Ein Vertreter der britischen Regierung hält sogar einen Anschlag binnen Stunden für möglich.

Trotz der Warnungen der USA und ihrer Verbündeten vor Angriffen der IS-Miliz drängen sich riesige Menschenmengen vor den Zugängen zum Flughafen Kabul. Die Umgebung sei "unglaublich überfüllt", sagt ein westlicher Diplomat. Allein schätzungsweise 1500 Menschen, die US-Pässe oder Visa für die USA hätten, versuchten weiterhin, auf das Flughafengelände zu gelangen.

Ein Augenzeuge befinde sich nach eigener Aussage bereits den dritten Tag bei einem Tor am östlichen Teil des Flughafens, aber so viele Menschen habe er an keinem Tag davor gesehen. Die Menschen stünden "so eng aneinander wie Ziegel einer Mauer". Man könne keinen Meter weit kommen. Er sei rund 200 Meter vom Eingang entfernt, und es würde das Leben seines Kindes oder seiner Frau kosten, wenn er versuchte, diese 200 Meter zu überwinden. In einem von dem Augenzeugen übermittelten Video sieht man Menschen mit Dokumenten in der Hand winken. Sie rufen "Help me!" - helfen Sie mir - und stehen Schulter an Schulter in der prallen Sonne. In der Menge sind auch Kinder und Frauen, man hört auch Babys weinen.

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Auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat vor einer immer weiter wachsenden Terrorgefahr um den Flughafen im afghanischen Kabul gewarnt. "Wir wissen, dass die Terrordrohungen sich massiv verschärft haben, dass sie deutlich konkreter geworden sind", sagte sie in Berlin. "Wir befinden uns jetzt in der sicherlich hektischsten, in der gefährlichsten, in der sensibelsten Phase."

Der Evakuierungseinsatz der Bundeswehr soll wegen des bevorstehenden Abzugs der US-Streitkräfte vom Flughafen und der wachsenden Terrorgefahr in Kürze enden. Am Donnerstag flog die Bundeswehr aber Kabul noch an. Die deutsche Botschaft hat bereits am Mittwoch davor gewarnt, zum Flughafen zu kommen.

AKK: "Ohne Bruch" in Phase zwei übergehen

Kramp-Karrenbauer sagte, man arbeite zwar "fieberhaft" an der weiteren Evakuierung, müsse aber die Terrorgefahr berücksichtigen. "Das ist keine Einzelfrage für die Bundesrepublik Deutschland, das ist im Moment die Einsatzsituation für alle anderen Staaten auch." Man bemühe sich, "ohne Bruch" in die "Phase zwei" der Evakuierung nach dem Ende des Bundeswehreinsatzes zu kommen, betonte die Ministerin. In dieser Phase werde es darum gehen, auf diplomatischem Weg zu versuchen, Menschen die Ausreise zu ermöglichen.

Bundeswehr-Generalinspekteur Eberhard Zorn sagte, dass inzwischen 5200 Menschen aus 45 Nationen von der Bundeswehr ausgeflogen worden seien. Darunter seien 4200 Afghanen und 505 deutsche Staatsbürger. Zwei Hubschrauber, die für die Evakuierungsaktionen nach Kabul transportiert worden waren, sind bereits wieder ins usbekische Taschkent gebracht worden. Dort befindet sich das Drehkreuz der Bundeswehr für die Evakuierung.

Seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban versuchen Tausende Menschen, aus Afghanistan zu fliehen. Seit mehr als einer Woche versammeln sie sich rund um verschiedene Eingänge des Flughafens, um auf einen Evakuierungsflug zu kommen. Diese werden aber wegen des bevorstehenden US-Truppenabzugs in den nächsten Tagen eingestellt.

Anschlag binnen Stunden möglich

Tausende US-Soldaten hatten zuletzt den Flughafen Kabul abgesichert. Die deutsche Botschaft in Afghanistan und andere Stellen warnen aktuell vor Terrorgefahr rund um den Flughafen. Die US-Botschaft forderte US-Bürger, die sich derzeit am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, dazu auf, das Gebiet "sofort" zu verlassen.

Ein Vertreter der britischen Regierung hält einen Terroranschlag am Flughafen in Kabul sogar binnen Stunden für möglich. Auf die Frage des Senders Sky News, ob sich ein Anschlag innerhalb der nächsten Stunden ereignen könne, sagte Verteidigungsstaatssekretär James Heappey am Morgen ausdrücklich "Ja". Im Laufe der Woche seien sich die Geheimdienste immer sicherer darüber geworden, dass ein "ernsthafter, unmittelbarer, tödlicher Angriff" auf den Flughafen oder die von westlichen Truppen genutzten Zentren drohe.

"Während die Uhr bis zum Ende des Monats weiter tickt, müssen wir diese sehr, sehr reelle Bedrohung mit den Menschen in Kabul teilen und ihnen raten, sich vom Flughafen zu entfernen, anstatt dorthin zu kommen", sagte der Staatssekretär. Der Sender zitiert zudem eine nicht genannte, hochrangige britische Quelle, die von einem "sehr hohen Risiko eines Terroranschlags" auf die Evakuierungsmission in Kabul sprach.

Quelle: ntv.de, ysc/dpa/rts

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