Politik
Ghuta erlebt die schlimmsten Angriffe seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren.
Ghuta erlebt die schlimmsten Angriffe seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren.(Foto: AP)
Samstag, 24. Februar 2018

Bombenhagel auf Ost-Ghuta: "Assad verfolgt eine barbarische Strategie"

Seit Tagen bombardieren syrische Regierungskräfte das Gebiet Ost-Ghuta, in dem rund 400.000 Menschen eingekesselt sind. Es sind die schlimmsten Angriffe dort seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren. Hunderte Zivilisten wurden getötet, mehr als 2000 Menschen sind verletzt. Über die verzweifelte Lage in der Region berichtet Elias Perabo von der NGO "Adopt a Revolution", die den unbewaffneten Widerstand in Syrien unterstützt.

n-tv.de: Der UN-Sicherheitsrat hat eine Entscheidung über eine Waffenruhe in Ost-Ghuta vertagt. Was bedeutet das für die Menschen dort?

Tag für Tag sterben Dutzende Zivilisten durch die Bombardements in Ost-Ghuta.
Tag für Tag sterben Dutzende Zivilisten durch die Bombardements in Ost-Ghuta.(Foto: AP)

Elias Perabo: Die Situation wird immer schlimmer. Seit sechs Tagen gibt es ein heftiges Bombardement, Tag und Nacht. Aktivisten sagen uns: "Es regnet Bomben vom Himmel." Die Menschen hocken eng gedrängt in ihren Kellern und Bunkern, nur in ganz wenigen Augenblicken können sie diese mal verlassen. Dabei bieten die Keller nicht einmal besonders viel Schutz, weil sie nur notdürftig gebaut und keine Luftschutzbunker sind. Deshalb gibt es auch diese wahnsinnig hohen Todesraten: 80 bis 100 Tote pro Tag.

Die Region ist völlig abgeriegelt. Wie können sich die Menschen noch versorgen?

Zu den Bomben kommt jetzt noch der Hunger hinzu. Viele trauen sich kaum aus den Kellern heraus, um Lebensmittel zu besorgen, zumal die Händler ja auch in den Kellern hocken. Außerdem werden gezielt Bäckereien und Lebensmitteldepots ausgebombt. Die Menschen haben nichts zu essen, nichts zu trinken.

Durch die Bombardierungen werden Hunderte Menschen verwundet. Können die Verletzten überhaupt noch behandelt werden?

Elias Perabo gründete 2011 die deutsch-syrische Initiative "Adopt a Revolution". Diese unterstützt basisdemokratische Gruppen und Hilfsprojekte in Syrien.
Elias Perabo gründete 2011 die deutsch-syrische Initiative "Adopt a Revolution". Diese unterstützt basisdemokratische Gruppen und Hilfsprojekte in Syrien.(Foto: AP)

Das Assad-Regime bombardiert auch Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen gezielt. Allein 13 medizinische Einrichtungen von "Ärzte ohne Grenzen" wurden in jüngster Zeit getroffen. Wir haben Projektpartner in der Stadt Irbin, wo das Krankenhaus bombardiert wurde. Inzwischen gibt es sehr viele Drohnen in Ost-Ghuta, die genau aufzeichnen, wohin die Kranken gebracht werden. Dann dauert es meist nicht lange, bis auch diese medizinischen Einrichtungen getroffen werden. Es ist ein völliges Desaster. Und den Einrichtungen, die es noch gibt, fehlt es an allem. Es gibt kaum Medikamente, keine Blutkonserven, keine rudimentären Dinge, um eine medizinische Infrastruktur aufrechterhalten zu können.

Welche Strategie steckt denn hinter den gezielten Bombardements von Bäckereien und Krankenhäusern?

Assad verfolgt eine barbarische Strategie, die er schon öfter angewandt hat: Es geht gar nicht darum, das Gebiet militärisch einzunehmen, sondern das Leben aller Menschen unmöglich zu machen. Es ist eine mittelalterliche Militärstrategie, die Leute sollen ausgehungert werden. Das Regime dreht an der Spirale der Verelendung, an der Spirale des Infernos.

Aber warum?

Ghuta erstreckt sich von der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Westen, Süden und Osten.
Ghuta erstreckt sich von der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Westen, Süden und Osten.

In Ost-Ghuta gibt es noch sehr, sehr viele Kämpfer. Eine Bodenoffensive wäre daher für das syrische Regime momentan vermutlich sehr verlustreich, wenn sie überhaupt Erfolg hätte. Deshalb versucht es erst gar nicht, dort einzumarschieren. Nach sieben Jahren sind Assads Truppen sehr geschwächt, mit Ausnahme der Iraner gibt es auch nicht besonders viele Bodentruppen. Das syrische Regime kann vor allem mit seiner Luftwaffe und der Luftunterstützung durch Russland punkten. Deshalb drangsaliert es die Zivilbevölkerung so lange aus der Luft, bis die Menschen aufgeben. Ein Arzt hat uns gesagt: "Stellen Sie sich mal vor, Ihr Kind kann medizinisch nicht mehr versorgt werden. Es gibt keine Impfungen, nichts, was irgendwie helfen kann. Dann sagen Sie natürlich irgendwann: 'Wir können nicht mehr. Wir geben auf.'"

Selbst wenn die Menschen aufgeben: Sie können die Stadt doch nicht verlassen.

Es ist ähnlich wie in Aleppo, als halbverhungerte Menschen in Bunkern vegetierten und Kinder an Vitaminmangel starben: Die ganzen Errungenschaften der Moderne, in der wir uns ein Völkerrecht und Konventionen gegeben haben, um die perversesten Formen der Kriegsführung zu unterbinden, gelten nicht mehr. Mit seiner Blockade im Weltsicherheitsrat unterstützt Russland dieses barbarische Treiben. Letztlich ist es noch schlimmer als in Aleppo, weil hier deutlich mehr Leute betroffen sind. Außerdem dauert der Krieg schon wesentlich länger. Die Menschen stehen schon fast fünf Jahre unter Belagerung. Da ist die humanitäre Situation vor Ort noch viel drastischer.

Russland und das Assad-Regime begründen die Bombardements mit der Anwesenheit von sogenannten Terroristen in Ost-Ghuta. Wie sehr unterstützten denn die eingekesselten Zivilisten die Kämpfer, von denen ja einige auch zu den Islamisten gehören?

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Das ist ein sehr spannungsreiches Verhältnis. Unter den Rebellen befinden sich islamistische, teilweise radikalislamistische Gruppierungen, die eine freie und demokratische Zivilgesellschaft ablehnen. Unsere Partner in Ost-Ghuta stehen den Kämpfern sehr, sehr skeptisch gegenüber. Teilweise bedrohen militärische Gruppen sogar unsere Projekte. Doch wichtiger als die Frage, wie die Menschen zu den Kämpfern stehen, ist vielmehr: Wie stehen diese Menschen zum Regime?

Und?

Da können wir momentan sehen: Die Angst, zurück in die Hände des Assad-Regimes zu fallen, ist wahnsinnig groß. Deshalb wollen sie nicht aufgeben. Die Menschen in Ost-Ghuta haben das Gefühl, zu sterben. Entweder im Bombenhagel, der momentan auf sie niedergeht, doch auf dessen Ende sie hoffen können. Oder durch das Regime, wenn sie sich ergeben.

Warum ist die Angst vor dem Assad-Regime so groß?

Viele haben ihre Erfahrungen mit dem Regime gemacht. Zehntausende saßen in den Gefängnissen und wurden gefoltert. Kaum jemand in Ost-Ghuta hat nicht Verwandte auf diese Weise verloren. Das Assad-Regime hat die Gebiete mit Giftgas beschossen. Die Brutalität kann man sich kaum vorstellen. In der Vergangenheit hat sich auch oft gezeigt, dass die Versöhnungspolitik des Assad-Regimes in einer totalen Unterwerfung besteht. Und das können sich viele Menschen nach sechs Jahren in der Autonomie nicht vorstellen, nach einem zwar miserablen, aber immerhin einigermaßen freien Leben.

Wenn das Gebiet jetzt völlig abgeriegelt ist, wie können die Menschen überhaupt noch überleben?

Das ist die große Frage. Momentan kommt wirklich nichts rein. Keine Nahrung, keine Medikamente. Es gibt nur eine Ausnahme: Waffen.

Wie kann das sein?

Die Rebellengruppen beziehen nach wie vor den Großteil ihrer Waffen über das Regime. Korrupte Strukturen im Militär verkaufen tatsächlich Waffenbestände weiter an die Kämpfer vor Ort.

Wie lange kann sich Ost-Ghuta dann noch halten?

Es ist nur eine Frage von Wochen und Monaten. Und eine Frage von sehr, sehr vielen Toten auf ziviler Seite. Genau deshalb blockiert Russland auch im Weltsicherheitsrat. Warum darf es keinen humanitären Korridor geben? Warum soll es keine Feuerpause geben? Weil das die Strategie der Verelendung konterkarieren würde.

Was fordern Sie?

Drei Dinge müssen sofort passieren: Als Allererstes muss das Bombardement aufhören. Als Zweites brauchen wir humanitäre Korridore, um diese Gebiete mit Nahrung und Medikamenten zu versorgen. Als Drittes muss die Möglichkeit bestehen, zumindest die schwerstverwundeten Menschen aus Ost-Ghuta rauszuholen. Das ist das Mindeste, wenn man nicht mehr einen Krieg führen will, der barbarische Züge wie im Mittelalter trägt.

Mit Elias Perabo sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de