Politik

Sorge wegen russischem "Dolch" Auch Deutschland will die Hyperschall-Rakete

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Der in Deutschland entwickelte Flugkörper "SHEFEX II" - zu Zwecken der Raumfahrt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Moskau hat mittlerweile mehrmals seine Hyperschall-Rakete vom Typ "Kinschal" eingesetzt. Die USA, China, Nordkorea testeten Hyperschallwaffen bisher nur. Könnte eine "Neuauflage des Mittelstreckenwettrüstens" der 80er-Jahre kommen? Und welche Projekte gibt es in Deutschland?

Eine neue Waffe sorgt in Berlin für Aufmerksamkeit: "Den erstmaligen Einsatz der Hyperschallrakete durch Russland im Krieg gegen die Ukraine nehmen wir mit Besorgnis wahr", sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Russland hat nach eigenen Angaben zum ersten Mal seit Beginn des Angriffs auf die Ukraine die Hyperschall-Rakete "Kinschal" gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt - inzwischen schon zwei Mal.

Das neuartige Waffensystem war am Freitag erstmals zum Einsatz gekommen. Der Militärexperte und Leiter eines Forschungszentrums in Moskau, Wassili Kaschin, sprach nach der Bekanntgabe des "Kinschal"-Einsatzes von einer "Weltpremiere".

Die russischen Streitkräfte setzten die in Tests schon mit Mach 10 (über 12.000 km/h) fliegende Rakete nun nach eigenen Angaben erneut ein. Ein Lager für Treib- und Schmierstoffe der ukrainischen Streitkräfte in der Region Mykolajiw sei zerstört worden.

Technologie-Stand hierzulande

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Die "SHEFEX II" hebt ab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch in Deutschland wird zur Hyperschall-Technologie geforscht. Im Projekt SHEFEX II Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) geschah dies in den vergangenen 20 Jahren jedoch, um Verhalten beim Hyperschallflug oder dem Wiedereintritt von Raumschiffen in die Erdatmosphäre zu untersuchen. Am 20. Juni 2012 wurde dem DLR zufolge SHEFEX II mittels einer zweistufigen brasilianischen Feststoffrakete vom Raketenstartplatz Andøya in Norwegen auf 176 Kilometer Höhe geschossen. "Während des Wiedereintrittsfluges wurde zehnfache Schallgeschwindigkeit erreicht, wobei die Flugsteuerung die geplanten Manöver durchführte", heißt es in einer Mitteilung.

Deutsche Unternehmen haben das Thema Hyperschall schon länger auf dem Plan. Seit wenigen Jahren besteht ein Grundlagenprogramm der Bundeswehrbeschaffungsbehörde, in dem es auch um Hyperschall-Raketen sowie deren Abwehr geht. Die Bekanntgabe durch den Vertriebsmanager Peter Heilmeier vom Rüstungskonzern MBDA Deutschland griffen 2019 zahlreiche Medien auf. Heilmeier sprach damals von einer Reaktion "auf Bedrohungen der konkreten Art - Stichwort Putins Flugkörper oder auch der neue russische Panzer".

Hyperschall-Rakete zur Abwehr

Er beschrieb das Projekt als "rein defensiver Art" und erklärte laut Bericht der "Welt", dass es noch keine konkreten Produkte gebe, binnen drei Jahren aber erste Schussversuche erfolgen sollten. Bei der Entwicklung der in Deutschland gestarteten Hyperschallwaffentechnik sah er demnach mittelfristig die Möglichkeit, eine Hyperschallrakete in das Luftverteidigungssystem einzubinden.

MBDA hat mit seiner hundertprozentigen Tochter Bayern-Chemie ein Unternehmen mit jahrzehntelanger Erfahrung im Portfolio. Bereits Anfang des neuen Jahrtausends konstruierte dieses ein Triebwerk, mit dem ein 2003 in Meppen getesteter Lenkflugkörper im deutlichen Hyperschallbereich geflogen sein soll.

Was ist der Vorteil?

Im Gegensatz zu ballistischen Raketen wie Interkontinentalraketen, deren Flugbahn gemäß der Gesetze der Ballistik meist einer Wurfparabel entspricht und dementsprechend vorauszusehen ist, bleibt die "Kinschal" (Dolch) wohl auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten bis zu einem gewissen Grad manövrierbar und kann so der Luftabwehr des verteidigenden Landes besser entgehen. Der Vorteil gegenüber herkömmlichen Marschflugkörpern ("Cruise missiles"), die ebenfalls lenkbar sind, besteht in der viel höheren Geschwindigkeit und damit auch einer höheren Durchschlagskraft.

Die Besorgnis der Bundesregierung - und vermutlich auch anderer Regierungen - kommt also nicht überraschend. Bisher waren Hyperschall-Raketen wie die "Kinschal" reine Testwaffen. Neben Russland forschten die USA, China oder Nordkorea daran und veranstalteten eine Art Wettlauf. Nun sind die Russen einen Schritt voraus.

Es drohe "eine Neuauflage des Mittelstreckenwettrüstens, das die Welt Anfang der 1980er-Jahre an den Rand eines Atomkriegs brachte, diesmal allerdings im Hyperschallmodus", schrieben die Friedensforscher Tim Thies und Oliver Meier bereits einige Wochen vor der russischen Invasion in die Ukraine im Journal für Internationale Politik und Gesellschaft. Eine Annahme, die angesichts des nun erfolgten mehrmaligen Einsatzes der "Kinschal" logisch erscheint - zumal die Russen mit der "Awangard" und "Zirkon" zwei weitere Hyperschall-Waffen im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium haben.

Quelle: ntv.de

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