Politik

Sturm auf IS-Vorposten Auch ein Sieg in Tikrit birgt viele Gefahren

RTR4SNUQ.jpg

Eigenen Angaben zufolge sind die irakischen Sicherheitskräfte nur noch knapp zwei Kilometer vom Stadtzentrum Tikrits entfernt.

(Foto: REUTERS)

Die Schlacht um Tikrit gilt als Test: Können die überwiegend schiitisch geprägten Sicherheitskräfte des Iraks wirklich sunnitisches Land "befreien"? Auch die Rolle des Irans und der Hisbollah in dem Gefecht werfen Fragen auf.

Die Entscheidungsschlacht um Tikrit beginnt. Seit dem ersten Tag der Großoffensive, dem 1. März, konnten die irakischen Sicherheitskräfte laut CNN vor der Stadt 80 Kilometer Boden gutmachen. Jetzt stehen sie eigenen Angaben zufolge nur noch ein paar Kilometer vor dem Zentrum. Und von drei Seiten dringen sie weiter vor. Binnen Tagen, so heißt es, könnten sie die Stadt nehmen. Doch der Sieg gegen den Islamischen Staat (IS) allein ist in dieser Schlacht nicht alles. Entscheidend ist, wie die Sicherheitskräfte siegen.

RTR4SJ8C.jpg

Insgesamt beteiligen sich rund 30.000 Kämpfer am Sturm auf Tikrit.

(Foto: REUTERS)

Die Schlacht um Tikrit ist auch ein Test für den Kampf um die Millionenstadt Mossul, der irakischen Hochburg des IS -und damit auch ein Test für die Möglichkeit einer Rückeroberung des Iraks insgesamt. In Tikrit wird sich zeigen, ob die zusammengewürfelten Sicherheitskräfte des Landes geeignet sind, um überwiegend sunnitisch geprägtes Land zu befreien. Es wird sich auch zeigen, ob der Westen mit einem Sieg dieser Kräfte leben kann. Maßgeblich abhängig ist der Erfolg des Tests Tikrit von den schiitischen Milizen.

Sie stellen rund 18.000 der insgesamt knapp 30.000 Soldaten, die sich an der Großoffensive beteiligen. Und zunächst einmal zeichnet sie eines aus: Sie folgen keinem Militärkodex. Bei früheren Rückeroberungen rächten sie das Leid, das der sunnitische IS über das Land brachte, auch an der sunnitischen Bevölkerung. Diese hatte sich dem IS oft bereitwillig unterworfen, denn sie wurden von der schiitischen Regierung des Irak über Jahre unterdrückt.

Zwar ist die einstige 100.000-Einwohner-Stadt Tikrit mittlerweile weitgehend entvölkert. Zu größeren Massakern kann es also gar nicht mehr kommen. In Mossul sieht das aber anders aus. Dort leben noch hunderttausende Sunniten. Und ob diese die Sicherheitskräfte als Befreier oder Unterjocher wahrnehmen, hängt davon ab, wie sie mit den wenigen verbliebenen Sunniten in Tikrit umspringen. Eine Schlacht gegen die sunnitische Bevölkerung Mossuls ist kaum zu gewinnen.

Irakische Armee in desolatem Zustand

Entscheidend ist das Auftreten der schiitischen Milizen auch im internationalen Kontext. Einige der Milizen-Führer sind eng mit der Revolutionsgarde des Iran verbunden. Und sie scheuten bisher nicht davor zurück, den iranischen Erzfeind USA vorzuführen. Hadi al-Amiri, Führer schiitischer Paramilitärs, sagte CNN: Für einen Sieg im Irak bräuchte man die US-geführte Koalition nicht. "Jeder, der seine Hoffnungen an die internationale Koalition knüpft, glaubt an eine Illusion." Milizenführer wie Amiri preisen stattdessen lieber ihre iranischen Militärberater oder ebenfalls schiitische libanesische Hisbollah-Männer. Die stufen mehrere westliche Staaten aber als Mitglieder einer Terrororganisation ein.

Vor allem die USA werden darum genau darauf achten, welche Rolle Iran und Hisbollah beim Kampf um Tikrit spielen. Washington wird um jeden Preis verhindern wollen, dass die Islamische Republik und ihre engsten Verbündeten ihren Einfluss auf die Politik im Irak allzu sehr ausweiten.

Tikrit hin oder her - unklar ist, ob die Regierung in Bagdad bei künftigen Schlachten überhaupt auf die Milizen verzichten kann. Die reguläre irakische Armee ist trotz der Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft in einem desolaten Zustand. Ob sie, nur mit Hilfe von Waffen, Beratern und Luftschlägen des Westens den IS in seiner irakischen Hochburg Mossul bezwingen kann, ist ungewiss.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema