Politik
Auf der Bolschoi-Kamenny-Brücke in Moskau am Freitagabend.
Auf der Bolschoi-Kamenny-Brücke in Moskau am Freitagabend.(Foto: imago/ITAR-TASS)
Sonntag, 01. März 2015

Russische Desinformation: Auf den Mord an Nemzow folgen die Lügen

Von Hubertus Volmer

In den Zeiten der Sowjetunion gab es nur eine Wahrheit, auch wenn sie gelogen war. In Putins Russland gibt es immer mehrere Lügen. Russische Medien wollen nicht aufklären, sondern verwirren.

Wladimir Putin kennt die Hintergründe des Mordes an Boris Nemzow bereits. Der Präsident habe erklärt, "dass dieser grausame Mord alle Anzeichen eines Auftragsverbrechens hat und in seiner Natur absolut provokativ ist", teilte der Kreml mit.

Die russischen Medien griffen diese Interpretation auf, aber sie machten noch mehr als das: Gemeinsam mit den Ermittlern nahmen sie Putins Äußerung zum Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Nicolaj Gericke beispielsweise, ein Reporter für die deutsche Ausgabe des russischen Auslandssenders RT, machte auf Twitter deutlich, dass er den US-Geheimdienst CIA für den Drahtzieher des Mordes hält.

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Die Mörder befänden sich "bestimmt schon in Virginia", schreibt er - dort hat die CIA ihren Hauptsitz. Ein paar Stunden zuvor hatte Gericke die Urheber noch in der Ukraine gesehen. Es werde keinen Maidan in Russland geben, twitterte er, "auch wenn man hierfür seine eigenen Freunde umlegt, um zu provozieren".

Beweise hat Gericke für seine Behauptungen nicht, aber die braucht er auch nicht. Den russischen Staatsmedien geht es nicht darum, nur eine "alternative Perspektive" zu liefern, wie es in der Selbstdarstellung von RT heißt, sondern so viele wie möglich. Ihr Ziel ist die maximale Verwirrung.

Fünf Theorien

In Zeiten der Sowjetunion gab es eine Wahrheit, auch wenn sie erfunden war. In Putins Russland gibt es davon gleich mehrere. Unter Berufung auf Chefermittler Wladimir Markin verbreitet RT fünf konkurrierende Theorien, die angeblich untersucht werden. Die erste lautet, der Mord sei eine Provokation, um Russland zu destabilisieren. Die zweite: Nemzow habe Drohungen im Zusammenhang mit seiner Haltung zu den Anschlägen auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" erhalten; demnach wären die Attentäter islamistische Terroristen. Drittens werde nicht ausgeschlossen, dass der Oppositionelle wegen seiner Haltung "zum gegenwärtigen Krieg in der Ukraine" ermordet wurde - wobei RT verschweigt, dass Nemzow Russlands Beteiligung an diesem Krieg angeprangert hatte.

Für die übrigen Theorien verweist RT nur vage auf Nemzows "geschäftliche Aktivitäten" und sein Privatleben. Mehr Informationen hat der kremltreue russische Privatsender Life News. Er verbreitet ohne Angaben von Quellen die Theorie, Nemzow könne das Opfer eines privaten Streits um eine Abtreibung seiner ukrainischen Begleiterin geworden sein. Die Nachrichtenagentur Tass schließlich zitiert den Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, sowie den Chef der russischen Kommunisten, Gennadi Sjuganow, die beide dunkle Mächte aus dem Westen am Werk sehen. Kadyrow behauptet, westliche Geheimdienste hätten mit dem Mord eine Protestwelle erzeugen wollen, Sjuganow sagt, Sanktionen seien den "Feinden Russlands" offenbar nicht genug, "sie brauchten auch blutige Opfer, um Unruhe im Zentrum von Moskau zu schüren".

Das Ziel ist Verunsicherung

Die Vielfalt der Theorien verdeutlicht den zentralen Unterschied zwischen der heutigen russischen und der sowjetischen Propaganda: Das sowjetische Fernsehen hatte die UdSSR als Paradies auf Erden gezeichnet, zumindest auf dem Weg dorthin, obwohl jeder Zuschauer wusste, dass dies Unsinn war. Diesen Fehler machen Putins Sender nicht. Sie weisen durchaus auf die Probleme im Land hin, und sie preisen den starken Führer, der allein das Volk schützen kann. Vor allem aber verbreiten sie nicht mehr nur eine Wahrheit, sondern mehrere Wahrheiten; sie wollen größtmögliche Verunsicherung stiften. Sie wollen nicht glaubwürdiger sein als die westlichen Medien.

Sie wollen, dass alle Medien als unglaubwürdig gelten, dass die Zuschauer sagen: "Man kann niemandem mehr glauben, alle Medien und alle Politiker lügen." In dieser Stimmung war es für Putin kein Problem, in einem Fernsehinterview zuzugeben, dass russische Soldaten die Machtübernahme auf der Krim organisiert hatten, obwohl er vorher mehrfach das exakte Gegenteil behauptet hatte.

"Wir werden alles tun, um sicherzustellen, dass die, die dieses schmutzige und zynische Verbrechen verübt haben, und jene, die hinter ihnen stehen, angemessen bestraft werden", schrieb Putin in einem Beileidstelegramm an Nemzows Mutter. Vermutlich erwartet Putin gar nicht, dass irgendjemand ihm diesen Satz glaubt.

Quelle: n-tv.de