Politik

Mordverdacht gegen Gouverneur Aufruhr in Russland - Groß-Demo für Furgal

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In Medienberichten hieß es, die Demo in Chabarowsk sei die größte der Geschichte der Großstadt gewesen - so oder so machten Zehntausende ihrem Unmut über die Verhaftung des Gouverneurs Furgal Luft.

(Foto: REUTERS)

Ganz weit im Osten Russlands demonstrieren Zehntausende - ihr Provinzgouverneur, Sergej Furgal, wurde festgenommen. Hat die Festnahme damit zu tun, dass er Putins Kandidaten vernichtend schlug? Der Vorwurf wird erhoben. Die Wahrheit könnte aber komplizierter sein.

Im äußersten Osten Russlands haben nach der Festnahme des Gouverneurs Sergej Furgal Zehntausende Menschen demonstriert. Sie wandten sich gegen das Vorgehen der Behörden in Moskau in dem Fall und forderten auch den Rücktritt von Kremlchef Wladimir Putin. Gegen den 50 Jahre alten Gouverneur, der nicht zur Kremlpartei Geeintes Russland gehört, wird wegen des Verdachts der Ermordung von Geschäftsleuten ermittelt.

Demonstrationen gab es in mehreren Städten der Region Chabarowsk. In der Großstadt Chabarowsk mit 600.000 Einwohnern sprachen Beobachter lokalen Medien zufolge von den größten Protesten seit Jahren. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer auf insgesamt bis zu 12.000. In Medienberichten war die Rede zumeist von mehr als 30.000 Menschen. Die lokale Nachrichtenseite DVHab.ru nannte die Demonstration "die größte in der Geschichte von Chabarowsk". Sie riefen auf Straßen und Plätzen "Freiheit", "Bringt Furgal zurück", "Wir sind Sergej Furgal", "Moskau, geh weg" und "Putin ist ein Dieb". Mehr als 40.000 Menschen haben in den vergangenen Tagen eine Petition mit der Forderung nach Furgals Freilassung unterschrieben.

Demonstranten kritisierten auch die Einflussnahme des Machtapparats im gut acht Flugstunden entfernten Moskau auf die Region, die nicht weit von China entfernt liegt. Es blieb den Berichten zufolge friedlich. Festnahmen gab es nicht. In Russland sind Demonstrationen wegen der Corona-Pandemie derzeit verboten.

Es geht um zwei Morde und einen Mordversuch

Die Sprecherin des Gouverneurs dankte bei Instagram für die Unterstützung. Die Region habe selten solch eine Einmütigkeit erlebt, schrieb Nadeschda Tomtschenko. Sie wandte sich auch direkt an die Demonstranten: "Wir sind sicher, dass Sie erhört werden." Furgal war am Freitag in Untersuchungshaft genommen worden. Er bestritt alle Vorwürfe. Die Ermittler werfen ihm vor, den Mord an zwei Geschäftsmännern in Auftrag gegeben zu haben. In einem dritten Fall sei es beim Mordversuch geblieben.

Vor allem Furgals liberaldemokratische Partei LDPR sieht ein politisches Vorgehen gegen den Politiker. Furgal hatte den Kandidaten der Kremlpartei Geeintes Russland bei der Wahl 2018 besiegt. Er hatte 70 Prozent der Stimmen geholt. In der Vergangenheit gab es immer wieder Prozesse gegen ranghohe Staatsbeamte, auch gegen Mitglieder der Kremlpartei.

LDPR-Chef Wladimir Schirinowskis drohte sogar mit dem Rückzug der Partei aus der Duma. Dort gehört sie zur Opposition, die aber mit dem Kreml zusammenarbeitet. Dagegen meinte Furgals Anwalt Boris Koschemjakin, dass er keine politische Motivation für die Vorwürfe gegen seinen Mandanten sehe.

Mordverdacht selbst für Russland außergewöhnlich

Der Kreml kritisierte Vorwürfe des ultranationalistischen Schirinowski, dass es um einen Racheakt an dem Gouverneur gehe. Schirinowski hatte demnach behauptet, dass Furgal die Hauptstadt-Beamten verärgert habe, weil die üblichen Kisten mit Geld aus der Region ausgeblieben seien. "Das sind sehr ernste Anschuldigungen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Schirinowski solle dafür Beweise vorlegen. Peskow wies auch Schirinowskis Vergleich Russlands mit den Zeiten unter Sowjetdiktator Josef Stalin zurück.

In der Vergangenheit gab es in Russland immer wieder Prozesse gegen ranghohe Staatsbeamte, darunter auch von der Kremlpartei. Dabei ging es aber oft um Korruption und Unterschlagung. Ein Gouverneur unter Mordverdacht ist selbst für russische Verhältnisse beispiellos. Furgal stand dem Duma-Abgeordneten und Sicherheitsexperten Alexander Hinstein zufolge seit langem beim Innenministerium unter Verdacht, in den 1990ern Kontakt zur russischen Mafia gehabt zu haben. Es sei ein Wunder, dass die Festnahme so lange gedauert habe.

Quelle: ntv.de, vpe/dpa/AFP