Politik

"Kein Ort für Kinder" Bayern führt Seehofers "Ankerzentren" ein

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Blick auf den Eingang zum bisherigen "Transitzentrum" in Manching bei Ingolstadt: Die Einrichtung ist ab heute offiziell eines der sieben neuen "Ankerzentren" in Bayern.

(Foto: picture alliance/dpa)

In welche Richtung bewegt sich die deutsche Flüchtlingspolitik? In Bayern gehen pünktlich zum 1. August sieben sogenannte Ankerzentren in Betrieb. Unter Experten ist Sinn und Nutzen solcher Einrichtungen schwer umstritten.

Die Kinderrechtsorganisation "Save the Children" hat die Einführung der bundesweit ersten Ankerzentren in Bayern scharf kritisiert. Diese Einrichtungen seien "kein Ort für Kinder und Familien", erklärte die Organisation. Gerade für Heranwachsende böten solche großen Sammelunterkünfte keine geschützten und sicheren Räume. "Ankerzentren behindern ein kindgerechtes Aufwachsen. Sie sorgen für Spannungen und Aggressionen", erklärte Susanna Krüger, Geschäftsführerin von "Save the Children Deutschland".

Krüger hob hervor: "Für Flüchtlingskinder gelten die gleichen Rechte wie für alle Kinder." Flüchtlingskinder hätten auch die gleichen Bedürfnisse wie andere Kinder, etwa Zugang zu Bildung, Gesundheitsleistungen und das Bedürfnis nach Schutz. Diese Bedürfnisse müssten auch im Asylverfahren ernst genommen werden. "Die Weichen, die direkt bei der Ankunft gestellt werden, sind essentiell für ein gelungenes Ankommen", erklärte Krüger und mahnte: "Wir dürfen die Bedürfnisse dieser Kinder nicht ignorieren oder vernachlässigen."

In Bayern nehmen am Mittwoch die im Koalitionsvertrag der großen Koalition vereinbarten sogenannten Ankerzentren ihre Arbeit auf. An sieben bisher als Erstaufnahmeeinrichtungen genutzten Standorten im Freistaat sollen künftig neu nach Bayern kommende Flüchtlinge untergebracht werden und während ihres Asylverfahrens bleiben. Das Wort Anker steht dabei als Akronym für Ankunft, kommunale Verteilung, Entscheidung und Rückführung. Bayern richtet solche Zentren als erstes Bundesland ein.

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Experten aus der Praxis sehen die Einrichtung dieser umzäunten und abgesperrten Sammellager kritisch. Neben Integrationshelfern, Kirchenvertretern und Oppositionsparteien sprachen sich zum Beispiel auch Vertreter der Polizeigewerkschaften gegen die von Bundesinnenminister Horst Seehofer vorgebrachte Idee aus. Asylbewerber müssen für die Dauer ihres Verfahrens in den bewachten und umzäunten Ankerzentren bewacht werden.

Vorwurf: Symbolpolitik

Einflussreiche Stimmen aus der Wirtschaft warnen vor diesem Hintergrund vor Fehlern in der deutschen Flüchtlingspolitik und falschen Schwerpunkten in der Debatte. "Die letzten Monate waren nicht gerade zuträglich für die Integrationsarbeit in den Betrieben und in der Gesellschaft", sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Die Debatte über Integration dürfe nicht "das gesamte Regierungshandeln lähmen".

Seit dem Jahr 2015, dem Höhepunkt der Zuwanderung von Flüchtlingen, gebe es immer noch einiges, was dringend verbessert werden müsse, sagte Wollseifer. Die 2016 zugesicherte Regelung etwa, dass geduldete Flüchtlinge nach einer dreijährigen Ausbildung noch mindestens zwei Jahre in einem Betrieb arbeiten dürfen - die 3+2-Regelung - werde "immer wieder unterlaufen", kritisierte der Handwerkspräsident.

Besonders in den südlichen Bundesländern würden junge Leute mit Ausbildungsvertrag oder schon in der Ausbildung abgeschoben. "Das sind die Falschen, das sind die Integrationswilligen", kritisierte der Handwerkspräsident. Für die Betriebe sei dies eine "riesige Demotivation". Die Regel müsse "ohne Ausnahme angewendet" werden, forderte Wollseifer. "Hier erwarten wir mehr Unterstützung durch die Politik."

"Viele Betriebe machen das mit Herzblut"

Die Handwerksbetriebe hätten "jahrzehntelange Erfahrung mit dem Thema Integration", betonte Wollseifer. Auch er selbst bildet in seinem Maler- und Lackierbetrieb in Köln einen jungen Iraner aus, der nur geduldet ist. Eine solche Ausbildung "kostet viel Mühe", sagte der Handwerkspräsident. "Wir haben aber sehr, sehr oft die Erfahrung gemacht: Die Mühe lohnt sich." Wer ausbilde, bekomme sehr viel zurück. "Viele Betriebe machen das mit Herzblut."

Im Jahr 2015 hatten rund 2500 junge Flüchtlinge aus den acht wichtigsten Asylzugangsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien eine Ausbildung im Handwerk begonnen. 2016 waren es 4600, Ende 2017 bereits 11.000. Damit bildet das Handwerk nach eigenen Angaben knapp die Hälfte aller Flüchtlinge aus diesen acht Ländern aus, die derzeit eine Ausbildung in Deutschland machen.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP