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Soldaten belasten Israels Armee"Beschlossen, alle Gebäude über dem Tunnel zu zerstören"

12.10.2026, 21:04 Uhr
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Eine Explosion im Gazastreifen nach einem israelischen Luftangriff. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Israelische Organisationen veröffentlichen seit einiger Zeit vermehrt Zeugenaussagen zur Kriegsführung im Gazastreifen. Soldaten berichten nun, dass schon für militärisch unbedeutende Ziele viele tote Zivilisten in Kauf genommen wurden. Auch von Rache für den 7. Oktober ist die Rede.

Weitere Zeugenaussagen israelischer Soldaten verdichten die Hinweise auf Kriegsverbrechen und die Inkaufnahme massiver Kollateralschäden bei der Kriegsführung der israelischen Armee im Gazastreifen. Die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet etwa über einen Luftangriff auf den Hamas-Kommandeur Ibrahim Biari im ersten Monat des Krieges, bei dem 126 Menschen getötet worden seien, darunter 68 Kinder.

Die israelische Organisation Breaking the Silence, die Soldatenberichte über Fehlverhalten und Verbrechen der Armee sammelt, schreibt dazu: "Eine derart hohe Zahl an Todesopfern stellte keinen Verstoß gegen die Vorschriften der israelischen Armee dar. Selbst wenn die Zahl der zivilen Todesopfer doppelt so hoch gewesen wäre, hätte dies die von der Armee zugelassenen Kollateralschäden nicht überschritten." Dies werde durch mehrere von der Organisation gesammelte Zeugenaussagen untermauert, die nun auch von "Haaretz" veröffentlicht wurden.

Ein israelischer Soldat, der an der Mission gegen Biari beteiligt war und dem für seine Aussagen Anonymität gewährt wurde, sagte, die Mitglieder der Angriffszelle hätten gewusst, dass eine besonders große Zahl von Zivilisten zu Schaden kommen könnte. Die Berechnungen des Militärgeheimdienstes zu potenziellen Kollateralschäden sollen die Zahl demnach auf etwa 250 bis 300 Menschen beziffert haben.

"Wir wussten, dass Biari sich unterirdisch unter mehreren großen Gebäuden befand, konnten aber nicht genau lokalisieren, unter welchem Gebäude er sich aufhielt", wird der Zeuge zitiert. "Also wählten sie mehrere Gebäude aus, die noch bewohnt waren, und beschlossen, alle Gebäude über dem Tunnel, in dem er sich befand, zu zerstören. Wir haben keine Evakuierung eingeleitet, weil es wichtig war, ihn zu töten, bevor er entkommen konnte."

Dem Bericht zufolge war die Art des Angriffs auf Biari zwar nicht die Norm, aber auch nicht der einzige Fall, bei dem das israelische Militär Hunderte von zivilen Todesopfern als Kollateralschaden genehmigt haben soll. Standardmäßig habe die Armee zwischen Oktober 2023 und "mindestens Dezember 2024" erlaubt, dass pro Person, die als Hamas-Mitglied eingestuft wurde - "sei es ein rangniedriger Kämpfer oder Lkw-Fahrer" - bis zu 20 Zivilisten als Kollateralschaden getötet werden durften.

"Schwache Verbindung zur Hamas reicht"

Die IDF habe hohe zivile Opferzahlen zu einem festen Bestandteil ihrer Befehle gemacht, heißt es. Die Soldaten, die entsandt wurden, um diese Befehle auszuführen, hätten nun beschlossen, ihr Schweigen zu brechen, "damit die Israelis und die Welt die Realität erfahren, die unsere Regierung und unser Militär verheimlichen und über die sie lügen".

Zuletzt hatte die Dokumentation "Naza" über die Kriegsführung der israelischen Armee für Aufsehen gesorgt. In dem Film sprechen 24 israelische Geheimdienstmitarbeiter über Luftangriffe im Gazastreifen und berichten von Fällen, bei denen 15, 20, 200 oder sogar 500 Menschen als Kollateralschäden in Kauf genommen wurden, um ein Ziel zu treffen. Die israelische Armee bestreitet diese Vorgehensweise.

Der "Spiegel" hatte am Sonntag ebenfalls Berichte von zehn israelischen Soldaten veröffentlicht, bei dem der Kontakt über Breaking the Silence vermittelt worden war. Reservedienst-Verweigerer Yoval Green sagte dem Magazin zu seinem Einsatz im Gazastreifen etwa: "Vieles diente dazu, unsere Rachsucht zu befriedigen, nicht nur militärischen Gründen." Ein anderer Reservist einer Infanterieeinheit erklärte: "Jedes Mal, wenn ein Soldat aus meiner Einheit jemanden tötete, zählten wir ihn als Terroristen, obwohl wir die Leiche danach meist nicht überprüften. Wir haben viele Palästinenser getötet. Ich glaube, die meisten von ihnen waren unbewaffnet."

Laut einem der Zeugen versuchte die israelische Armee in vielen Fällen, getötete Menschen in Verbindung mit der Hamas zu bringen. "Schon eine noch so schwache Verbindung zur Hamas reicht aus. Wenn jemand vor zehn Jahren ein Gehalt von der Hamas-Regierung im Gazastreifen erhalten hat, kann er als Hamas-Terrorist abgestempelt werden." Die Zeitung "Haaretz" zitiert einen Soldaten, der von einer neuen Art der Kriegsführung durch das israelische Militär nach dem 7. Oktober 2023 berichtet: "Plötzlich griffen die Streitkräfte sogar die Geringsten der Geringen wahllos an (...). Wir griffen Hamas-Fahrer an. So weit ging es."

Einer der Soldaten äußerte sich gegenüber dem "Spiegel" auch über das Ausmaß der Zerstörung in dem Palästinensergebiet: "Als ich 2025 nach Gaza zurückkam, gab es kilometerweit nichts als Schutt. Offiziell ging es darum, eine 'Pufferzone' zu schaffen. Aber einmal hörte ich hochrangige Offiziere sagen: 'Die Araber müssen bestraft werden. Sie müssen verstehen, dass wir ihnen mehr und mehr Land nehmen, die immer weiter zurückdrängen.'"

Der Gaza-Krieg wurde durch das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ausgelöst, als rund 1200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden.

Quelle: ntv.de, dsc

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