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Berlin Tag & MachtBjörn Höcke hat mir eine Heimat gegeben

11.06.2026, 18:30 Uhr MARIE-VON-DEN-BENKEN-N-TV-LIZENZFREIE-BILDER-01Eine Kolumne von Marie von den Benken
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Björn Höcke beim Landesparteitag der AfD Thüringen. (Foto: picture alliance/dpa)

Björn Höcke hat das Deutschtum neu vermessen. Geografisch. Es beginnt jetzt kurz hinter Helmstedt. Aber kann ethnischer Regionalismus unser Land retten? Gibt es ein Reinheitsgebot für Deutsche? Und: Heißt es in Zukunft Bundesrepublik Ostdeutschland?

Mal wieder eine bewegende und vor allem aufschlussreiche Woche für politische Hobby-Chronistinnen wie mich. Ich bin in Hamburg geboren und habe jahrelang in der fälschlichen Annahme gelebt, ich sei Deutsche. Zum Glück konnte mich der liberale Vordenker Björn Höcke diese Woche über diese peinliche Falscheinschätzung aufklären. Als Hamburgerin bin ich nämlich, wie alle Westdeutschen: eigentlich Amerikanerin. Hätten Sie das gewusst? Ich nicht. Ich hatte meinen ethnischen Reinheitsgrad jahrzehntelang fehlpatriotisch missinterpretiert.

Nun kommt Björn Höcke zwar von Hause aus nicht vom Völkerrecht, wie etwa die in Hannover geborene Amerikanerin Annalena Baerbock, aber der von der linksradikalen Propaganda-NGO "heute show" gelegentlich als Bernd verunglimpfte Vollzeitpatriot war immerhin Geschichtslehrer, bevor er zunächst rechtsextremer Politiker und anschließend vom Schuldienst suspendiert wurde. Es gibt also keinen Grund, seinem Heimatnarrativ "Im Westen der Republik gibt es deutschsprechende Amerikaner - im Osten sind die Menschen noch Deutsche" zu misstrauen.

Der AfD-Heimatmythos macht sogar Franz Beckenbauer zum US-Amerikaner

Diese ethnologisch interessante Grenzverschiebung hat auch signifikante Auswirkungen auf die regierungsrelevanten Schaltstellen. Friedrich Merz: Geboren im Sauerland. Lars Klingbeil: Geboren in Niedersachsen. Alexander Dobrindt: Geboren in Oberbayern. Johann Wadephul: Geboren in Nordfriesland. Bärbel Bas: Geboren in NRW. Die gesamte politische Führungsriege: Amerikaner!

Verständlich, dass viele Ex-Deutsche aus Bayern, Schleswig-Holstein oder den anderen US-Bundesländern nun Crashout gehen, wie wir Berufsjugendlichen sagen. Jahrzehntelang macht man sich über Verschwörungstheoretiker lustig, nur um dann zu erfahren, dass an der "BRD GmbH"-Legende doch mehr dran sein könnte, als der mainstream-medial manipulierte Evidenzaufbau des eigenen Weltbildes bisher angenommen hatte. Endlich macht uns Björn Höcke die Augen auf. Oder wie wir Wahrheits-Ultras ihn nennen: Der Robin Hood des Regierungsviertels - nimmt es von den Erfindungsreichen und gibt es den geistig Armen.

Unter diesen existenziellen Wissensinfusionen, die die Ein-Mann-Evidenzcharity Björn Höcke seinem staunenden Publikum verabreicht, findet sich selbstverständlich auch die Erläuterung, wie es zu dieser tektonischen Volkszugehörigkeitsrochade kam: Der Westen habe sich nach 1945 eine "Ersatzidentität" zugelegt. Achso. Mal abgesehen davon, dass der durchschnittliche AfD-nahe Kommentarspalten-Alleswisser die Vokabel "Ersatzidentität" nicht mal fehlerfrei buchstabieren kann: Ersatz für was? Für die Identität, die wir Deutschen in den Jahren vor 1945 hatten? Stößt es "Denkmal der Schande im Herz seiner Hauptstadt"-Höcke etwa sauer auf, dass die Welt keine besonders inbrünstigen Sympathien für den Gemütszustand des deutschen Volkskörpers zwischen den Jahren 1933 und 1945 hegt?

Die deutsche Idealfrau hat ziemlich viel Stolz vor der Hütte

Bernd Höcke spricht bewusst von der Zeit "nach 1945". Die Zeit vor 1945 ist aus Sicht der AfD ja als weitestgehend unproblematisch zu bewerten. Die kulturelle Identitätssymbiose mit dem Klassenfeind der Prä-1945er Jahre ist es also, die dafür sorgt, dass im aktuellen deutschen WM-Kader mit dem Brandenburger Maximilian Beier gerade mal ein echter Deutscher steht. Gut, mit viel Wohlwollen könnte man noch den in Berlin-Neukölln geborenen Antonio Rüdiger als Nationalspieler mit ostdeutschem Hintergrund hinzuzählen. Der allerdings passt aus anderen Gründen nicht ins urdeutsche Traditionsbild des Höcke'schen Prototyp-Teutonen. Was hat sich der US-amerikanische Bundestrainer Julian Nagelsmann da bei der Nominierung gedacht?

Ein großmedialer Jahrhundertskandal! Denn darüber wird viel zu wenig berichtet! Dabei müsste diese antipatriotische Anbiederung an das postkolonialistische Sodom-und-Gomorrha-Eldorado Nordamerika die Titelseite beherrschen. Der westdeutsche Hang zur Selbstamerikanisierung raubt uns nicht nur von der AfD sehnsüchtig vermisste arische Traditionen. Er unterminiert auch jegliche Legitimation zum Nationalstolz. Und der ist dem handelsüblichen Turbopatrioten normalerweise sogar einen eigenen Monat wert: den Stolzmonat. Die einzige Zeit im Jahr, in der man sein Social-Media-Konterfei mit der Farbkombination Schwarz-Ekelbraun-Dünnpfiffbraun-Rot-Orange-Urinprobe-Gold hinterlegen kann und dafür von der sanftintellektuellen Rechtspopulisten-Armada als Retter des Abendlandes identifiziert wird.

Und jetzt? Die gesamte Erhabenheit der Führungsvolks-Besessenheit im rechten Besorgtbürgertum bricht zusammen. Denn wie stolz könnte uns ein WM-Titel noch machen, wenn Manuel Neuer das deutsche Team aufs Feld führt? Ein Torhüter, der im amerikanischen Gelsenkirchen geboren wurde? Statt Sommermärchen erwartet uns während dieser Fußballweltmeisterschaft also höchstens eine amtliche Ersatzidentitätskrise.

Nationalismus mit Postleitzahl: Die Brandmauer muss fallen!

Wie so oft beim Phänomen Kollektivmelancholie liegt in der Traurigkeit des Augenblicks auch ein Funken Komik. Das gleichsam Lustige wie Tragische an Bernd Höckes spontaner Lebensraumerweiterung für Amerikaner ist nämlich: Als gebürtiger Lünener fällt der Westfale Höcke natürlich selbst auch in das von ihm als problematisch deklarierte Herkunftsmilieu. Eine hübsche Blaupause für das übliche Handlungsschema der AfD: kontinuierlich mit faktenfreien Behauptungen für Furor in der Wählerklientel sorgen. Irgendwas bleibt bei den echauffierungsaffinen Premiumdeutschen immer hängen.

Die Klaviatur der Empörungsökonomie spielen Björn Höcke, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Beatrix von Storch und ihr evidenzallergisches AfD-Führungspersonal jedenfalls besser als Lang Lang sein Steinway & Sons. Die aktuelle Pauschal-Abschiebung aller Westdeutschen ins amerikanische Identitätsasyl passt da wundervoll ins Bild. Ich verstehe daher gar nicht, warum zu jeder Gelegenheit die unsägliche Brandmauer-Diskussion aufgekocht wird. Allen sollte klar sein: Wir brauchen die AfD! Ohne deren Galionsfigur Höcke wüsste ich nicht mal, welcher Kultur ich geburtsrechtlich eigentlich zugeordnet bin. Björn Höcke hat mir eine Heimat gegeben.

Eingedenk dieser selbstlosen, formalmenschlich identitätsstiftenden Erkenntnisübertragung muss man das Narrativ der AfD als rassistische Partei endgültig ad acta legen. Die AfD als ausländerfeindlich zu framen, wird ihr nicht gerecht. Wie wir dank Volkszugehörigkeitsparkwächter Höcke nun endlich wissen, ist die AfD nicht nur ausländer-, sondern mindestens genauso inländerfeindlich. Jedenfalls, wenn man nicht in den Bonus-Bundesländern Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern geboren wurde. Wobei das nur die offizielle Höcke-Version ist. Inoffiziell dehnt sich Ostdeutschland im Selbstverständnis seiner Sympathisanten noch etwas weiter aus. Etwa bis zum Nordkaukasus.

Vielleicht liegt die eigentliche Ironie also darin, dass mit der AfD ausgerechnet die Partei plötzlich mit identitätspolitischen Minderheitenkategorien arbeitet, die nicht müde wird, vom "Great Reset" zu halluzinieren. Damit zerlegt ausgerechnet jene politische Strömung unser Land in kulturelle Parzellen, die vorgibt, Deutschland einen zu wollen. Und spielt uns anschließend gegeneinander aus. Erst Ost gegen West, dann Stadt gegen Land. Dann biodeutsch gegen woke. Bis von einer großen Nation nur noch ein sehr wütender Kleingartenverein mit Fahnenmast bleibt. Und Alice Weidel als seine Kanzlerin.

Quelle: ntv.de

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