Politik

Talk zum Ukrainekrieg bei Illner Carlo Masala: Nicht über Waffen reden, sondern liefern

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Ein Panzer Marder 1A3 steht während der internationalen Militärübung "Allied Spirit 2022" auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Hohenfels in einem Waldstück.

(Foto: picture alliance/dpa)

Weitere Sanktionen gegen Russland, noch mehr Waffen für die Ukraine. Darauf einigen sich die EU-Staaten und die NATO. Die Gäste in der Talkshow Maybrit Illner diskutieren darüber, wie Deutschland die Ukraine weiter unterstützen kann.

Wodka, Kaviar, Kohle. Das sind drei Dinge, die die EU in Zukunft nicht mehr aus Russland einführen will. Darauf haben sich deren 27 Mitgliedsstaaten am Donnerstag geeinigt. Allein durch den Stopp der Kohleimporte gehen Russland bis zu vier Milliarden Euro jährlich verloren. Gleichzeitig will die NATO noch mehr Waffen an die Ukraine liefern. In der ZDF-Talkshow Maybrit Illner haben sich die Gäste am Donnerstagabend über weitere mögliche Sanktionen gegen das Land unterhalten – und sich dagegen ausgesprochen, zumindest was Maßnahmen aus Deutschland angeht.

Allerdings könnte Deutschland die Ukraine mit weiteren schnellen Waffenlieferungen unterstützen. Weil diese zu lange dauern würden, übt CDU-Chef Friedrich Merz heftige Kritik an Bundesverteidigungsministerin Lambrecht von der SPD. "Die Verteidigungsministerin ist völlig überfordert. Sie ist ungeeignet gewesen vom ersten Tag an, wo sie ins Amt gekommen ist. Es ist eine reine Notlösung, und man merkt es jeden Tag", sagt Merz.

Dabei vergisst der CDU-Politiker offenbar, dass in den letzten Jahren seine Partei die Verteidigungsminister gestellt hat, die damit für die massive Schrumpfung der Leistungsfähigkeit der Bundeswehr mitverantwortlich sind. Darauf weist denn Auch FDP-Fraktionschef Christian Dürr hin: "Wenn man sechzehn Jahre lang eine andere Militärpolitik gemacht hat, dann sollte man auch als Oppositionsführer nicht so laut auf den Tisch hauen", antwortet er.

"Wir reden zu viel über Waffenlieferungen"

Dürr weist bei Maybrit Illner darauf hin, dass Deutschland bereits Waffen in die Ukraine liefert. "Ich bin aber bereit, darüber zu reden, was wir mehr tun können." Man müsse jedoch auf die Ausbildungssituation der Soldaten Rücksicht nehmen, betont der FDP-Fraktionschef. Gleichzeitig macht er klar, "dass wir nicht transparent offenlegen, was wann auf welchen Wegen passiert."

Dabei bekommt Dürr Unterstützung von dem Wehrexperten Carlo Masala. "Alle reden zu viel über Waffenlieferungen. Man sollte es einfach machen, Ende, Aus." Weiter erklärt der Experte von der Bundeswehr-Universität in München: "Natürlich kann Deutschland mehr machen, weil wir einkaufen können." Es gehe nicht nur um die Waffensysteme, die die Bundeswehr liefern könne. "Bei den Mardern verhindern wir gerade, dass die Ukrainer direkt zu Rheinmetall gehen können und sagen: Hier Geld, Armada, wir wollen haben."

Tatsächlich hat der ukrainische Präsident Selenskyj die Bundesregierung um die Lieferung von 100 "Mardern" gebeten. Diese gebrauchten Schützenpanzer waren von der Bundeswehr ausgemustert worden und stehen nun bei Rheinmetall auf einem Schrotthof. Rheinmetall selber hatte sie angeblich vier Tage nach Kriegsbeginn der Ampelkoalition angeboten. Der Marder soll Panzergrenadiere zu Gefechten bringen und wieder abholen. Er kann bis zu sieben Soldaten transportieren, ist besonders wendig und kann zum Beispiel Flüsse von einer Tiefe bis anderthalb Meter durchfahren sowie Berghänge mit einer Steigung von bis zu 60 Prozent überwinden.

Laut Masala stehen aktuell 90 dieser Marder bei Rheinmetall. Das Unternehmen brauche vier Monate, um sie wieder einsatzfähig zu machen. Dann könnten sie ausgeliefert werden. Gleichzeitig gebe es weitere 300 Marder, die einsatzfähig seien und von denen man der Ukraine einige ausleihen könne. Masala: "Jetzt könnte man sagen, die Russische Föderation ist gerade anderweitig gebunden und wird nicht gerade die baltischen Staaten überfallen, so dass wir einen Bündnisfall hätten."

Masala hat noch einen anderen Vorschlag. Wenn man davon ausgehe, dass der Krieg noch länger dauern werde, dann sei zu befürchten, dass den NATO-Staaten irgendwann die alten Waffensysteme ausgehen. Deswegen sei es jetzt an der Zeit, ukrainische Soldaten verkürzt an neuen Systemen zu trainieren, so der Experte.

"Wirtschaftliche Beziehungen zu Russland abbrechen"

Einig sind sich die Gäste der Sendung darin, dass Deutschland oder die NATO nicht in einen Krieg mit Russland verwickelt werden wollen. Deswegen sagt Christian Dürr: "Wir müssen die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland abbrechen." Seit Anfang des Jahres seien die Kohleimporte aus Russland um die Hälfte gesenkt worden. "Wir haben jetzt Handlungsoptionen, die wir nutzen müssen", so der FDP-Politiker.

Dazu dürften aber weitere Sanktionen im Augenblick nicht gehören, warnt der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf. "Wenn wir morgen die Gaslieferungen aus Russland einstellen, dann droht ein totaler Kollaps der Industrie", warnt Wolf. So müssten zum Beispiel Millionen von Mitarbeitern bei der Autozulieferindustrie in Kurzarbeit geschickt, viele kleine und mittelständische Unternehmen geschlossen werden. Wenn das passiere, "Dann haben wir nichts gekonnt." Deutschland müsse sich von russischem Öl und Gas unabhängig machen, dazu brauche es aber hohe finanzieller Investitionen und viel Zeit.

Für Friedrich Merz ist eine Erweiterung der Sanktionen eine Abwägung, die täglich neu getroffen werden müsse. Im Moment sei dies unmöglich. Das sagt auch Christian Dürr: "Wenn wir uns mehr schaden als dem russischen Präsidenten Putin, dann ist leider den Menschen nicht geholfen."

Merz hat noch eine andere Sorge: Er fürchtet bei einer Erweiterung der Sanktionen spätestens für den Winter eine Protestwelle in einem Teil der Bevölkerung. Für ihn ist auch wichtig, den Sinn der Sanktionen zu definieren. "Ein wichtiges Ziel muss sein, dem industriell-militärischen Komplex Russlands das Rückgrat zu brechen und dafür zu sorgen, dass diese Kriegsmaschinerie ökonomisch zusammenbricht."

Quelle: ntv.de

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