Politik

Kim-Regime meldet Corona-Welle "Nordkorea hat denkbar schlechte Voraussetzungen"

Mehr als zwei Jahre nach Beginn der weltweiten Corona-Pandemie meldet auch das abgeschottete Nordkorea die ersten Fälle sowie Todesopfer. Allein am Dienstag wurden laut Staatsmedien 232.000 Menschen mit Symptomen von Fieber registriert. Man müsse die Angaben des Staates als gegeben annehmen, sagt dazu Nordkorea-Experte Rüdiger Frank von der Universität Wien. Er nennt Gründe, warum das Regime vergleichsweise offen mit der Pandemie umgeht, spricht über den Zustand des Gesundheitssystems und inwieweit die Lage das bestehende Regime destabilisieren könnte.

ntv.de: Zwei Jahre nach Beginn der Coronavirus-Pandemie meldet Nordkorea erstmals offiziell Fälle und auch Tote. Ist es glaubwürdig, dass es bisher keine Corona-Fälle in dem Land gab?

Rüdiger Frank: Da uns kein Gegenbeweis vorliegt, müssen wir diese Angabe des nordkoreanischen Staates als gegeben annehmen. Fakt ist, dass Nordkorea Anfang 2020 sogar schon zwei Tage vor der Volksrepublik China drakonische Abschottungsmaßnahmen vorgenommen hat und sich zu einem sehr hohen wirtschaftlichen Preis in eine nahezu vollständige Isolation begeben hat.

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Der Ostasien- und Wirtschaftswissenschaftler Univ.-Prof. Rüdiger Frank lehrt an der Universität Wien. Er ist einer der renommiertesten Nordkorea-Experten und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter das Standardwerk "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".

(Foto: picture alliance / ---/Rüdiger F)

Gibt es Gründe, warum es gerade jetzt eine offizielle Bestätigung gibt? Ist es vielleicht auch ein Hilferuf?

Für den neuerdings sehr offenen Umgang mit der Pandemie, einschließlich täglich aktualisierter Zahlen, gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Entweder hat die Zahl der Infektionen ein bisher nicht dagewesenes Ausmaß erreicht; oder es sind nicht mehr nur einzelne isolierte ländliche Gebiete, sondern die für die Regimestabilität wichtige Hauptstadt Pjöngjang betroffen; oder Nordkoreas Führung will in der Tat aus der selbst gewählten Isolation heraus, die nun schon zwei Jahre dauert. Die Tatsache, dass nordkoreanische staatliche Stellen per Internet und fast in Echtzeit berichten, spricht zumindest dafür, dass man den Rest der Welt informieren möchte. Die meisten Inländer haben kein Internet, das sind also Nachrichten für die Außenwelt.

Worauf wird der Ausbruch zurückgeführt - gibt es darauf Hinweise in der staatlichen Propaganda?

Gerüchteweise sollen die seit Anfang des Jahres vorsichtig wieder aufgenommenen Handelskontakte mit China verantwortlich sein. Genau wird das niemand sagen können, da in Nordkorea nicht systematisch und großflächig getestet wird.

Offiziell ist von Fieber-Toten die Rede. Hat Nordkorea die medizinischen Kapazitäten, um breitflächig Coronaviren nachzuweisen und angemessen auf solch einen Ausbruch zu reagieren?

In der ersten Verlautbarung am 12. Mai ist, auch im koreanischen Originaltext, ausdrücklich von "Omicron" die Rede. Aktuell wird von "Fieber" gesprochen, aber die Analogie ist eindeutig und wird auch nicht bestritten. Nordkorea hat, im Gegensatz zu vielen Ländern der Dritten Welt, ein gut organisiertes Gesundheitswesen. Auch der Staat "funktioniert". Das hat in der Regel negative Auswirkungen und ist unter anderen für die uns bekannten umfassenden Repressionen verantwortlich. In diesem Falle nun könnte sich dieser starke Staat auch einmal als positiv erweisen. Diesem fehlen allerdings die Mittel, also vor allem Medikamente, Testkits und Ausrüstungen für intensivmedizinische Betreuung. Hier springt jetzt unter anderem das Militär ein, dessen medizinische Kapazitäten besser sind als die zivilen. Von Chaos und einer völlig unübersichtlichen Situation ist also in Nordkorea nicht auszugehen, aber die Behandlung wird sich einstweilen auf den Umgang mit den Symptomen beschränken, und auch das nur sehr eingeschränkt. Hinzu kommt, dass viele Menschen in Nordkorea aufgrund von Mangelernährung ein geschwächtes Immunsystem haben. Außerdem gab es schon in den vergangenen Jahren wachsende Probleme mit Tuberkulose, einer anderen schweren Lungenkrankheit. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um mit einer solchen Pandemie umzugehen.

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Auch dieses Bild stammt von Staatsmedien: Eine Ärztin besucht eine Familie auf dem Land, um über das Coronavirus aufzuklären.

(Foto: AP)

Machthaber Kim hat die Zero-Covid-Strategie Pekings ausdrücklich gelobt. Erwarten Sie chinesische Hilfe bei der Eindämmung der Pandemie?

Es gibt bereits chinesische Hilfe. Während man in Südkorea noch debattiert, sind bereits nordkoreanische Flugzeuge in Nordostchina gelandet, um Hilfsgüter in unbekannter Menge und Zusammensetzung aufzunehmen. Es ist davon auszugehen, dass Peking massiv helfen wird, falls Nordkoreas Führung darum ersucht.

Kann solch eine Pandemie destabilisierend auf das Regime wirken?

Eine Pandemie kann das Regime auf verschiedene Weise schwächen, weshalb sie von der Führung offenbar auch sehr ernst genommen wird. Eine Krisensitzung des Politbüros folgt derzeit auf die andere. Grundsätzlich ist es eine Schwäche autoritärer Systeme, dass sie selbst für sich in Anspruch nehmen, für alles zuständig zu sein. Das kann im Falle von Krisen Probleme bereiten, weshalb Kim Jong Un bereits begonnen hat, die Verantwortung öffentlich an "Funktionäre" in Regierung und Partei zu delegieren. Hinzu kommt das auch bei uns seinerzeit mit Besorgnis diskutierte Phänomen, dass kranke Menschen in systemrelevanten Bereichen ihre Funktionen nicht mehr ausüben können - das gilt auch für das Militär und den Sicherheitsapparat, aber auch die Energieversorgung etc. Nicht zuletzt sehe ich die größte mittelfristige Bedrohung darin, dass durch die Pandemie und einen damit verbundenen Lockdown und den Ausfall von Arbeitskräften die gerade jetzt im Mai und Juni stattfindenden Arbeiten in der Landwirtschaft zumindest teilweise liegen bleiben. Das Umpflanzen der Reissetzlinge ist in vollem Gange, bald steht die Ernte des Wintergetreides an. Wenn das jetzt auch nur eingeschränkt wird, dann droht im Winter eine Nahrungsmittelkrise, da Nordkorea auch in guten Jahren kaum Überschüsse produziert.

Die Fragen an Rüdiger Frank stellte Markus Lippold. Das Interview wurde per Mail geführt.

Quelle: ntv.de

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