Politik
Die New Yorker U-Bahn zu modernisieren, ist eines der Ziele von Cynthia Nixon.
Die New Yorker U-Bahn zu modernisieren, ist eines der Ziele von Cynthia Nixon.(Foto: imago/UPI Photo)
Donnerstag, 13. September 2018

Sex, the City - und Wahlkampf: Cynthia Nixon ärgert New Yorks Polit-Adel

Von Judith Görs

In der Kultserie "Sex and the City" spielt Cynthia Nixon jahrelang eine biestige Anwältin. Nun will die Mimin New Yorks Gouverneurswahlen aufmischen - und muss feststellen, dass es in der Politik zuweilen genauso schmutzig zugeht wie in Single-Betten.

Immer dann, wenn die moderne Popkultur eine ikonische Clique hervorbringt, spielen Fans das "Wer ist wer"-Spiel. So war es zunächst in den 1950er-Jahren mit den Millionärsjägerinnen Lauren Bacall, Betty Grable und Marilyn Monroe, dann in den 1990er-Jahren mit den Spice Girls und bis ins letzte Jahrzehnt mit "Sex and the City". Für die TV-Serie galt: Jeder wollte Carrie Bradshaw sein, aber niemand Miranda Hobbes. Zu zynisch, zu biestig, zu rothaarig war die erfolgreiche New Yorker Anwältin, die mit ihrem hölzernen Sexappeal reihenweise Männer vergraulte. Heute ist sie die Ikone der moderaten Feministinnen. "We should all be Mirandas" ("Wir alle sollten Mirandas sein") lautet ihr Mantra. Und Cynthia Nixon ist ihr Rollenvorbild.

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Vor acht Jahren stand Nixon das letzte Mal als Miranda vor der Kamera. Viel sei es nicht, was sie mit ihrer berühmtesten Rolle verbindet, so die Schauspielerin in der "New York Times". "Meine Mutter sagte einmal, dass wir uns ähnlich sehen - aber das war es dann auch." Dennoch kokettiert Nixon mit dem Image der TV-Figur. Das Bild der hart arbeitenden Karrierefrau mit weichem Herzen soll der 52-Jährigen in das erste Amt ihrer politischen Laufbahn verhelfen. Nixon will Gouverneurin des US-Bundesstaates New York werden. Bei den Vorwahlen um die Kandidatur für die Demokraten tritt sie an diesem Donnerstag gegen den Amtsinhaber Andrew Cuomo an. Mehr als ein Achtungserfolg gilt aber als unwahrscheinlich.

In den Umfragen liegt Nixon derzeit mit 22,5 Prozent weit hinter Cuomo (61). Doch davon will sich die Mutter dreier Söhne nicht entmutigen lassen. "Die Umfragen sagen, dass ich falsch liege - immer und immer wieder", erklärt Nixon. "Aber ich sage Ihnen, wenn ich unterwegs bin, erfahre ich eine riesige Unterstützung." Mit ihren progressiven, linken Ideen hat die Schauspielerin viele Städter überzeugt. Ihre Wähler sind oft junge New Yorker mit Mittelklasse-Jobs, manche in der Kreativszene, und Studenten. Auch die LGBT-Gemeinschaft erhofft sich, von einer Gouverneurin Nixon stärker vertreten zu werden. Immerhin ist sie in zweiter Ehe mit Christine Marinoni verheiratet. Ihr Sohn Samuel ist transsexuell.

Prominent, populär - aber qualifiziert?

Kritiker halten Nixons mangelnde Erfahrung in der Politik für ihre größte Schwäche. Zwar engagierte sich die gebürtige New Yorkerin schon früher für Bildung sowie die Rechte von Frauen und Homosexuellen - allerdings immer als Privatperson. Vielen erscheint der Sprung vom politischen Nobody zur Gouverneurin deshalb etwas zu ehrgeizig. Ihre Popularität als Schauspielerin bringt ihr zwar viel Aufmerksamkeit ein. Doch reicht das, um vom Wähler als ernsthafte Alternative zum politischen Schwergewicht Cuomo wahrgenommen zu werden? Womöglich schon. Denn Amtsinhaber Cuomo, dessen Vater bereits Gouverneur von New York war, versprüht wenig Aufbruchstimmung.

Andrew Cuomo kandidiert für eine dritte Amtszeit als Gouverneur von New York.
Andrew Cuomo kandidiert für eine dritte Amtszeit als Gouverneur von New York.(Foto: REUTERS)

"Wenn Wahlen anstehen, lässt sich Cuomo blicken - wenn nicht, ist er unerreichbar", zitiert die "Washington Post" eine Wählerin aus Brooklyn. "Okay, sie ist Schauspielerin", sagt die 55-Jährige. "Wir hatten einen Präsidenten, Reagan, der Schauspieler war. Nun haben wir Trump. Wie schlimm kann es also werden?" Tatsächlich hat der US-Präsident die Hürden für Prominente, die in die Politik einsteigen wollen, nochmals gesenkt. Sogar unter Demokraten kursieren mittlerweile Gerüchte, dass Talkmasterin Oprah Winfrey 2020 ins Rennen um die US-Präsidentschaft einsteigen könnte. Glamour und Politik - in den Vereinigten Staaten liegt beides oft nahe beieinander. Medienprofis wie Nixon haben da einen klaren Vorteil.

Das wurmt selbst den erfahrenen Wahlkämpfer Andrew Cuomo, der laut US-Medien in den vergangenen Monaten erst genervt und dann zunehmend nervös auf die mediale Omnipräsenz von Nixon reagierte. Noch im März - kurz nachdem die Schauspielerin ihren Hut in den Ring geworfen hatte - scherzte der 60-Jährige, wenn es bei Wahlen nur um den Bekanntheitsgrad gehe, hoffe er, dass nicht auch noch Brad Pitt, Angelina Jolie und Billy Joel kandidieren. Nun investiert Cuomo fieberhaft in seine Kampagne. Allein in den vergangenen drei Wochen hat er pro Tag rund 400.000 Dollar für Werbung ausgegeben, ungefähr so viel wie das gesamte Budget von Nixon für diesen Zeitraum. Sie hat ganz offensichtlich Eindruck hinterlassen.

Linke Positionen und ein Hauch Coolness

Dafür gibt es mehrere Gründe. Nixon vertritt populäre linke Positionen, die dem gemäßigten Cuomo eher fremd sind. Sie will die Reichen stärker besteuern, um die völlig veraltete New Yorker U-Bahn zu sanieren. Marihuana soll legalisiert sein. Öffentliche Schulen sollen mehr Geld erhalten, die Kinderbetreuung verbessert und die Mieten reguliert werden. An ihrem ersten Tag als Gouverneurin, verspricht sie außerdem, werde sie allen illegalen Einwanderern Zugang zu einer Fahrerlaubnis ermöglichen - "damit New York nicht nur auf dem Papier ein Sanctuary State ist, sondern auch in Wirklichkeit." Zwar stellt die Stadt New York Illegalen bereits jetzt eine ID-Karte aus, damit sie ein Konto eröffnen können. Doch Nixon will diese Praxis auf den gesamten Bundesstaat ausdehnen. Bei vielen Zuwanderern kommt das an.

Abgesehen davon profitiert Nixon von den Fehlern ihres Rivalen Cuomo. Dem wird nicht nur vorgeworfen, die Eröffnung einer neuen Brücke vorverlegt zu haben, um noch im Wahlkampf mit schönen Bildern punkten zu können, ohne aber auf die Sicherheit für Passanten zu achten. Er soll auch hinter einer von der Demokratischen Partei verschickten Postwurfsendung stecken, in der behauptet wird, Nixon sei Antisemitin und werde nichts für die jüdischen Gemeinden in New York tun. Ein beispielloser Angriff unter Parteikollegen - und "really Trumpian", wie Nixon der "New York Times" mit Blick auf die Methoden des amtierenden US-Präsidenten sagte. Cuomo beteuert bisher, nichts davon gewusst zu haben. Sollte ihn die Aktion auch ein paar Sympathiepunkte gekostet haben - entscheidend geschwächt ist er dadurch nicht.

Trotzdem kann Nixon ihre Kandidatur schon jetzt - unabhängig vom Ergebnis - als Erfolg verbuchen. Nicht nur hat sie Cuomo mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Kampagne in eine linkere Linie gezwungen. Sie hat sich auch erstmals auf der politischen Bühne positioniert und Achtung verdient. "Ich liebe New York. Ich liebe alles an New York, genauso wie ihr. Und deshalb fordere ich euch auf, zu kämpfen", sagte sie vergangene Woche vor einigen Dutzend Anhängern in einer Bar der Metropole. "Aber bevor wir kämpfen - lasst uns tanzen!" Niemand will Miranda Hobbes sein? Das war gestern.  

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Quelle: n-tv.de