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Symbol der Flüchtlingskrise Das Ende des "Dschungels von Calais"

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Viele Migranten lassen sich freiwillig umsiedeln. Sie setzen nun darauf, in Frankreich Asyl gewährt zu bekommen.

(Foto: dpa)

Der "Dschungel von Calais" ist seit Jahren Symbol der Flüchtlingskrise in Frankreich: Tausende Menschen stauen sich am Ärmelkanal, sie wollen weiter nach Großbritannien. Warum Paris hier nun aufräumt und was mit den Menschen nun geschieht – Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Der "Dschungel von Calais" wird geräumt. Was sind die Hintergründe?

Seit Jahren duldet Frankreich das illegale Flüchtlingslager am Ärmelkanal. Von Calais aus sind es rund 40 Kilometer bis zum britischen Dover, nicht weit entfernt liegt die engste Stelle zwischen Kontinent und Insel. Hier stranden Menschen, die sich aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Eritrea, Pakistan oder dem Sudan auf den Weg machten und von einem Leben in Großbritannien träumen. Viele machen geltend, dort bereits Verwandte zu haben. Doch Großbritannien will Migranten, die über Frankreich eingereist sind, nicht aufnehmen. London pocht auf die Regeln der Dublin-Verordnungen: Danach müssen Flüchtlinge in dem ersten EU-Land, das sie betreten, Asyl beantragen. Das Dublin-System ist jedoch spätestens seit vergangenem Sommer faktisch außer Kraft. Der "Dschungel von Calais" ist zum Symbol für die Flüchtlingskrise Frankreichs und das Versagen der Asylpolitik Europas geworden.

Die Migranten wollen nach Großbritannien. Wieso kümmert sich nicht London um das Problem?

Dem steht ein Abkommen entgegen, das Paris und London 2003 im Seebad Le Touquet unweit von Calais geschlossen haben. Demnach werden Pässe schon im Hafen von Calais von britischen Beamten kontrolliert. Wer nicht nach Großbritannien darf, muss in Frankreich bleiben. London finanziert im Gegenzug Kontrolleinrichtungen am Hafen und am Eingang des Eurotunnels. So "staut" es sich auf französischer Seite: Die Migranten lauern auf ihre Gelegenheit, doch auf die Insel zu gelangen – als blinde Passagiere in und auf Lastwagen etwa. Gegen diese Ausreiseversuche geht die französische Polizei hart vor.

Wie groß ist dieser "Stau"? Und was für Probleme bringt er mit sich?

Nach offiziellen Angaben leben im "Dschungel von Calais" 6500 Menschen – diese Zahl wird zumindest in einem Urteil des Verwaltungsgerichts Lille genannt, in dem die Räumung gebilligt wird. Gezählt hat die Flüchtlinge jedoch niemand verlässlich. Hilfsorganisationen nennen weit höhere Zahlen, es sollen bis zu 10.000 Migranten sein. Die Bewohner der Region sind die Situation leid. Geschäftsleute klagen über Umsatzeinbrüche, der Tourismus leidet, die Kriminalität steigt. Für Lkw-Fahrer ist die Reise ein Wagnis: Oft blockieren Migranten die Straßen. Sie müssen Kontrollen der Polizei hinnehmen, die nach Flüchtlingen in und auf den Fahrzeugen suchen. Immer wieder versuchen Flüchtlinge, durch den Eurotunnel zu Fuß nach Großbritannien zu gelangen.

Wieso duldet Frankreich den "Dschungel" schon so lange?

Dulden ist wohl das falsche Wort. Frankreich wurde der Situation schlicht nie Herr. Bereits 2003 ließ der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy das erste Lager bei Calais auflösen. Es war damals noch ein vom Roten Kreuz geführtes Camp. Doch die Migranten fanden in neuen illegalen Lagern zusammen. Und so geht das schon seit Jahren: Immer wieder werden Lager geräumt, das Problem lediglich verlagert. Das soll dieses Mal anders laufen (dazu später mehr). Der "Dschungel" besteht in dieser Form jedoch bereits seit einiger Zeit. Paris scheute wohl die unschönen Bilder, die eine solche Aktion mit sich bringen. Seit einiger Zeit versuchten nun die Behörden, die Räumung gegen den juristischen Widerstand von Hilfsorganisationen durchzusetzen. Erst vergangene Woche gab das Gericht der Aktion statt.

Warum räumt Frankreich das Camp ausgerechnet jetzt?

Dafür gibt es offizielle wie inoffizielle Gründe – und an allen ist wohl etwas dran. Offiziell vertritt Präsident François Hollande die Haltung, dass die humanitäre Situation untragbar geworden sei. Durch die großen Fluchtbewegungen des vergangenen Jahres ist die Zahl der Migranten extrem angewachsen – und es steht der Winter bevor. Die Menschen leben in Zelten und improvisierten Hütten, es könnten schlimme Zustände eintreten. Zudem will Frankreich zurück zu einem rechtsstaatlichen Verfahren. Paris will die Menschen registrieren und sie entsprechend ihrer Situation behandeln – also nach vernünftiger Unterbringung einem Asylverfahren zuführen oder sie gegebenenfalls abschieben. Einer der wichtigsten Gründe für die Räumung ist sicher die bevorstehende Wahl im Frühjahr. Hollande will sich vor seinen Konkurrenten – voraussichtlich der Konservative Nicolas Sarkozy und Front-National-Chefin Marine Le Pen – bei dem Thema keine Blöße geben. So versucht er, es im wahren Wortsinn nun abzuräumen.

Was geschieht mit den Migranten?

Die Regierung setzt zunächst auf Freiwilligkeit: Die Migranten sollen sich in ein improvisiertes Transitzentrum, einen Busbahnhof, begeben. Dort werden alle befragt: Wo kommen sie her? Welche Geschichte haben sie hinter sich? Was wollen sie? Die meisten der Menschen sollen dann mit Bussen in eines von Hunderten bestehenden Aufnahmezentren in anderen Teilen Frankreichs gebracht werden. Die Menschen bekommen zwei Regionen zur Auswahl, ausgenommen sind Paris und Korsika. In den Flüchtlingszentren sollen sie dann – als Ausnahme von der Dublin-II-Regel – einen Asylantrag stellen dürfen. Das gilt jedoch nicht für Migranten, denen die Aufnahme in Frankreich bereits verwehrt worden ist. Viele abgelehnte Asylbewerber sind im "Dschungel" untergetaucht. Diese werden sich jedoch wohl kaum freiwillig melden. Die Polizei will sie aufgreifen, sie sollen abgeschoben werden. Viele könnten jedoch untertauchen und neue "Mini-Dschungel" bilden. Eine dritte große Gruppe sind jene Menschen, die sich tatsächlich Hoffnungen auf eine Weiterreise nach Großbritannien machen können. Das betrifft vor allem die rund 1300 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im "Dschungel". Etwa 40 Prozent von ihnen geben an, Familienangehörige auf der Insel zu haben. London hat Beamte nach Calais geschickt, die alle diese Jugendlichen anhören und ihre Geschichte prüfen. Wer wirklich Familie in Großbritannien hat, darf einreisen.

Wie läuft die Räumung an?

In der Nacht vor Beginn der Aktion gab es Ausschreitungen: Migranten wehrten sich gegen die bevorstehende Räumung. Es flogen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein. In den frühen Morgenstunden erreichten Hunderte Busse das Lager, die Lage hat sich entspannt. Viele Migranten meldeten sich gleich zu Beginn freiwillig. Ihr Kalkül: Wer früh kooperiert, muss nicht so lange warten und bekommt womöglich Plätze in attraktiveren Regionen. Zudem habe laut offizieller Seite bei sehr vielen Menschen ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Sie sähen ein, dass der Weg nach Großbritannien versperrt sei und ergriffen nun die Chance auf Asyl in Frankreich. Es ist vorstellbar, dass Frankreich auf diesem Weg die meisten Menschen aus dem "Dschungel von Calais" so verlegen wird. Fraglich ist, wie die Zerstörung der Zelte und Hütten im Laufe der Woche aufgenommen wird. Womöglich verlassen sie nicht alle Flüchtlinge widerstandslos.

Quelle: n-tv.de

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