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Urteil im Auschwitz-Prozess gegen Gröning "Das ist das Mindeste, was sie tun mussten"

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Vor dem Lüneburger Landgericht wird der frühere SS-Mann Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt. Der heute 94-Jährige soll als "Buchhalter von Auschwitz" der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen schuldig sein. Die deutsche Presse diskutiert über die Sinnhaftigkeit des Prozesses 70 Jahre nach Kriegsende. Die Bedeutung des Urteils gegen Gröning, so der Tenor, liege dabei weniger im Strafmaß, vielmehr gelte es als Zeichen gegen das Vergessen und als erster Schritt zur Aufarbeitung des jahrzehntelangen Justizversagens.

Der Kölner Stadt-Anzeiger resümiert, dass "das Strafgesetzbuch für Mord und Völkermord keine Verjährung kennt. Den Zeugen ging es nicht darum, Gröning hinter Gittern zu wissen, sondern darum zu erzählen. Damit jeder begreift, was geschehen ist - auch die deutsche Justiz. Ihr Versagen in der Strafverfolgung der Massenmörder ist notorisch. Der Lüneburger Prozess konnte das nicht wiedergutmachen. Aber er war der gelungene Versuch, zumindest das Versagen mit Anstand anzuerkennen."

"Grönings Richter betont in seinem Urteil die 'freie Entscheidung' Grönings, zum Dienst im Lager einzurücken. Eine freie Entscheidung, die auch wir hätten treffen können, um das dadurch begangene Unrecht früher zu ahnden. Zu den historischen Lehren des Falles ließe sich deshalb einiges sagen, wichtiger aber erscheinen solche für die Gegenwart", meint der Tagesspiegel und stellt fest: "Geschichte ereignet sich nicht in Kapiteln, die Zeit kennt keine Schlussstriche, und Verantwortung lässt sich nicht abschieben, weder auf andere Generationen noch auf Politik und Justiz. Was geschieht, ist unsere Entscheidung."

Die Ludwigsburger Kreiszeitung mahnt zur Erinnerung und beschreibt den Prozess als "sehr sinnvoll und notwendig", denn: "Alle, die in Auschwitz dabei waren, waren mit verantwortlich. Auch der Buchhalter an der Todesrampe. Es gibt keine Täter der ersten, zweiten oder vielleicht dritten Klasse. Früher sind aus diesem Grund zahlreiche Nazi-Schergen davon gekommen, auch weil das politisch so gewollt gewesen ist. Jetzt hat das Landgericht Lüneburg deutlich gemacht, dass man die unsäglichen juristischen und politischen Fehler der Vergangenheit zukünftig nicht wiederholen darf."

Auf die "Symbolkraft des Urteils" käme es an, schreibt die Nürnberger Zeitung, denn "die Schuld an der Massenvernichtung so vieler Männer, Frauen und Kinder beteiligt gewesen zu sein, lässt sich nicht in ein gängiges Strafmaß zwängen."

Eine ähnliche Meinung vertritt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und betont, dass das Urteil nicht mehr als "ein Zeichen" sei: " Mit dem Lüneburger Prozess gegen einen Buchhalter, der im Lager Dienst an der Rampe tat, flackerte das unbegreifliche Unrecht nach Jahrzehnten des Wiederaufbaus und Wegschauens wieder auf. Das hat auch rechtliche Gründe: Während früher die alten Kameraden durch geschickt eingesetzte Verjährungsregeln viele Täter schützten, gilt heute jeder als Helfer des Massenmords, der nachweisbar in einem Vernichtungslager Dienst tat."

"Es geht auch um das Versagen der Justiz bei der Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte", meint die Aachener Zeitung. "Es gibt noch etliche Täter von damals, die zwar alle um die 90 sind, aber für ihre Taten noch nicht zur Verantwortung gezogen worden sind. Sie zu finden und anzuklagen, ist dringliche Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden. Es darf nicht sein, dass die noch lebenden Nazi-Schergen ebenso unbehelligt davonkommen wie viele vor ihnen."

Für den Mannheimer Morgen bedeutet das Urteil ebenfalls die Hoffnung auf weitere Anklagen: "Und deutsche Richter haben dieses Mal Gerechtigkeit siegen lassen. Das ist das Mindeste, was sie tun mussten."

"Damit zerstörten die Richter zahllose Lebenslügen: Es gibt auch 70 Jahre nach Kriegsende kein Recht auf Vergessen. Aber so richtig und wichtig dieses Urteil ist, so ist es doch beschämend, dass es erst jetzt ergangen ist", kommentiert die Neue Osnabrücker Zeitung und schließt mahnend: "Und das in einem Land, in dem heute wieder auf offener Straße gegen Juden und andere Minderheiten gehetzt wird."

Zusammengestellt von Annika Thöt.

Quelle: n-tv.de

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