Reisners Blick auf die Front"Das ist eine entscheidende Wendung in diesem Konflikt"
Interview von Lea Verstl
Die Russen wollen Kostjantyniwka eingenommen haben, aber die ukrainische Seite sieht das anders. Präsident Putin schätze die Lage aufgrund von Fehlinformationen falsch ein, sagt Markus Reisner. Zudem gibt dem Oberst eine Aussage von Kreml-Sprecher Peskow Anlass zur Sorge.
ntv.de: Die Truppen des Kremls haben einen neuen Großangriff auf Kiew gestartet, eingesetzt werden Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen. Warum spricht Präsident Wolodymyr Selenskyj davon, gegen ballistische Raketen faktisch machtlos zu sein?
Markus Reisner: Selenskyj spricht über die bestehende Herausforderung bei der Abwehr der russischen Marschflugkörper und ballistischen Raketen aufgrund des Mangels an entsprechenden Abwehrsystemen der weitreichenden Fliegerabwehr. Konkret geht es hier vor allem um Patriot-Abwehrraketen vom Typ PAC-2 sowie PAC-3, von denen die Ukraine zu wenig hat. Bereits im letzten Januar sind der Ukraine die Patriot-Raketen ausgegangen, was dazu geführt hat, dass drei wichtige Wärmekraftwerke in Kiew zerstört oder beschädigt worden sind. Das Gleiche erleben wir jetzt. Die Ukraine kann langsam fliegende Drohnen zu 80 bis 90 Prozent abschießen, aber sie tut sich wegen des Mangels an Patriot-Raketen schwer, die russischen Marschflugkörper und die ballistischen Raketen abzuwehren.
Selenskyj sagt, der politische Wille der USA reiche aus, um den Patriot-Mangel zu beheben. Liegt das wirklich nur am politischen Willen oder stecken auch industrielle Hindernisse dahinter?
Von den Fliegerabwehrraketen vom Typ Patriot werden circa 650 Stück im Jahr produziert. Patriot ist momentan aber äußerst gefragt aufgrund des Krieges im Iran und in den Golfstaaten. Die Ukraine hat den USA deshalb angeboten, auf Lizenzbasis diese Patriot-Raketen in der Ukraine zu fertigen. Die Antwort bleibt bis heute aus. Europa könnte das eigentlich kompensieren, da dort ein ähnliches System wie Patriot hergestellt wird: SAMP/T. Allerdings werden pro Jahr nur circa 100 bis 150 Stück der SAMP/T-Fliegerabwehrraketen hergestellt. Die europäische Produktion wurde seit Beginn der russischen Invasion nicht gesteigert. Das wäre aber notwendig, um einerseits die Ukraine zu unterstützen und andererseits die nationalen Bestände aufzufüllen.
Wie bewerten Sie Selenskyjs Vorschlag, die Patriots auf europäischem Boden herzustellen?
Wenn die USA nicht möchten, dass Patriot-Raketen auf Lizenzbasis in der Ukraine produziert werden, wäre das ein Kompromissvorschlag. Aber auch dafür gibt es noch keine Zusage der USA. Bislang kaufen die Europäer Patriot-Raketen bei den USA, um sie dann an die Ukraine zu liefern - oder sie liefern aus ihren nationalen Beständen. Monat für Monat wird der Ukraine so eine zweistellige Zahl an Patriot-Raketen zur Verfügung gestellt. Das ist viel zu wenig. Denn die Russen haben eine konstante Produktionsrate von circa 100 bis 150 ballistischen Raketen und Marschflugkörpern pro Monat. Das gibt ihnen die Möglichkeit, quasi auch laufend schwere Angriffe durchzuführen. Die Ukraine bräuchte somit mindestens 150 Stück Patriot-Raketen pro Monat. Von diesen verfügbaren Stückzahlen ist man weit entfernt. Der Angriff letzte Nacht hat dies wieder gezeigt.
Kremlsprecher Dmitri Peskow sagt, die "militärische Spezialoperation" habe sich zu einem echten Krieg entwickelt, da westliche Länder in den Konflikt hineingezogen worden seien. Ist das eine Drohgebärde, auch in Richtung Berlin?
Das ist eine entscheidende Wendung in diesem Konflikt. Zum ersten Mal spricht ein Offizieller des Kremls eindeutig davon, dass es keine militärische Spezialoperation sei, sondern ein echter Krieg. Das ist wichtig mit Blick auf die russische Doktrin der Kriegseinstufung. Russland kennt vier Stufen des Konflikts: den lokalen, regionalen, großen und den globalen Krieg. Beim Übergang vom regionalen zum großen Krieg kann es laut der russischen Doktrin zum Einsatz von Nuklearwaffen kommen. Unter russischen Militärtheoretikern und -bloggern wird diskutiert, ob eventuell bereits in einem regionalen Krieg ein nuklearer Einsatz notwendig sein könnte. Peskow signalisiert vor allem den USA mit der Aussage die Bereitschaft des Kremls, den Konflikt weiter zu eskalieren. Die USA sind der Adressat dieser Botschaft, weil sie der Ukraine noch immer intensiv bei der Zielaufklärung und -zuweisung helfen.
Rasselt der Kreml jetzt mit den Säbeln, weil die ukrainischen Schläge auf Raffinerien und Öldepots zu einer Energiekrise in Russland führen?
Ja. Nach ukrainischen Angaben sind durch die Schläge 43 Prozent der Erdöl- und Raffineriekapazität der Russen getroffen. Russland steht deshalb vor zwei Herausforderungen. Einerseits muss sie die Versorgung der eigenen Bevölkerung und Streitkräfte mit Treibstoffen sicherstellen, andererseits den Export, um die Kriegskasse aufzufüllen. Peskow könnte signalisieren, dass man nicht bereit ist zu akzeptieren, dass die Ukraine in dieser Form weiter unterstützt wird. Es gibt zwei grundsätzliche Denkschulen zur Einordnung der russischen Drohungen. Die eine sagt: Das ist alles ein Bluff der Russen. Sie übertreiben maßlos und es wird nicht dazu kommen, dass sie zum Beispiel auch Nuklearwaffen einsetzen, sei es auch nur zur Abschreckung. Die andere Denkschule - die auch in der US-Regierung, siehe das berühmte Beispiel von 2022, vorherrscht - nimmt die Drohung der Russen ernst.
Russland behauptet, es habe Kostjantyniwka eingenommen, Kiew widerspricht. Welche Angaben stimmen?
Wenn man die Situation in Kostjantyniwka betrachtet, zeigt sich erneut ein Kampf um das Narrativ: Ist die Stadt bereits erobert oder halten nach wie vor ukrainische Verteidiger Stellung? In den sozialen Netzwerken sehen wir einerseits russische Soldaten, die in allen Stadtbezirken Flaggen hissen, auch am nordwestlichen Stadtrand. Andererseits veröffentlichen ukrainische Soldaten Aufnahmen aus der Stadt und betonen, dass zwar kleinere russische Gruppen infiltriert haben, die ukrainischen Kräfte aber weiterhin die Kontrolle halten. Entscheidend wird sein, ob die Ukraine die Stadt nachhaltig halten kann - und damit ihr Narrativ stützt, dass Kostjantyniwka noch nicht in russischem Besitz ist.
Wie kann das gelingen?
Die zentrale Herausforderung für Kiew besteht darin, dass die russischen Truppen versuchen, die Versorgungslinien der verbliebenen ukrainischen Einheiten zu kappen, sie schrittweise einzukesseln und zu neutralisieren - ähnlich wie zuvor in anderen Städten wie zum Beispiel Pokrowsk. Aktuell haben die Russen demonstriert, dass sie in allen Stadtbezirken präsent sind. Doch ob das Hissen von Flaggen tatsächlich bedeutet, dass die Stadt vollständig unter ihrer Kontrolle ist, bleibt offen.
Aus dem Kreml heißt es: Die russischen Streitkräfte werden ihre "Aufgaben zur Befreiung des Donbass und von Noworossija gemäß dem genehmigten Plan weiterführen". Was bedeutet das an der Front?
Die Aussage bedeutet, dass Putin überzeugt ist, mit seinen Streitkräften die definierten Ziele zu erreichen. Aus russischer Sicht sind die Mindestziele: die vollständige Inbesitznahme des Donbass, insbesondere der Festungsstädte - aktuell Kostjantyniwka, aber auch Kramatorsk und Slowjansk. Momentan liegt der Schwerpunkt der russischen Kräfte im mittleren Frontabschnitt. Sie greifen von Süden über Kostjantyniwka an und von Norden über Lyman und versuchen, diese Stellungen Schritt für Schritt unter Kontrolle zu bringen, um den Donbass insgesamt zu besetzen - genau das, was die Ukraine zu verhindern versucht.
Putin ist also weiter siegessicher?
Russland geht weiterhin davon aus, die Initiative auf dem Schlachtfeld zu halten. Putin hat das bei seinem Besuch eines Armeehauptquartiers am Wochenende erneut betont und erklärt, die strategische Initiative liege vollständig bei den russischen Streitkräften. Putin ist auch der Überzeugung, die russischen Streitkräfte haben Kostjantyniwka bereits eingenommen, und er sieht erhebliche Fortschritte auf dem Weg zur Eroberung des Donbass. Vergleicht man die ukrainischen und russischen Karten, zeigen sich eklatante Abweichungen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass russische Kommandeure Putin geschönte Lageberichte liefern, die dann in Moskau zu optimistischen Erfolgsmeldungen führen. Trotzdem ist auf dem Schlachtfeld der Druck der Russen auf die Ukrainer unvermindert hoch.
Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl