Wahlkampftermin an der KüsteDer Kanzler isst ein Fischbrötchen
Von Hubertus Volmer, KühlungsbornEin Wahlkampftermin von CDU-Chef Merz in Mecklenburg-Vorpommern beinhaltet den Verzehr eines Fischbrötchens und ein paar kurze Spontandiskussionen. Die für ihn positive Nachricht: Es wird zwar krakeelt, aber nur von einer Minderheit.
Friedrich Merz hat Glück, das muss ja auch mal sein. Als er das Fischrestaurant verlässt, hört der Regen auf. Dabei war für 16 Uhr Regen angesagt, sogar mit der Möglichkeit von Hagel und Sturmböen. Doch nach dem Regen scheint die Sonne. Schönstes Ostseewetter.
Der Kanzler und CDU-Vorsitzende ist nach Kühlungsborn in Mecklenburg gekommen. In knapp drei Wochen wird hier gewählt. Und was macht ein Politiker im Wahlkampf an der Küste? Er beißt in ein Fischbrötchen.
Der Fischbrötchen-Termin sollte eigentlich draußen auf der Terrasse stattfinden, wurde aber kurzfristig ins Innere des Lokals verlegt. Vielleicht liegt's am Wetter, vielleicht an Sicherheitsbedenken, man weiß es nicht. Drinnen ist die Luft zum Schneiden, zahlreiche Medienleute drängen sich um Merz und seine Begleitung, um zuzugucken, wie Fischbrötchen verspeist werden.
Jesus wartet auf den Kanzler
Mit dabei: der CDU-Politiker Philipp Amthor, seit ein paar Wochen Staatsminister für die Bund-Länder-Beziehungen im Kanzleramt und natürlich ein Kind des Landes Mecklenburg-Vorpommern - aus Vorpommern, nicht aus Mecklenburg, in Bindestrich-Bundesländern ist so etwas wichtig. Ebenfalls mit dabei: CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters.
Für Peters geht es in diesem Wahlkampf vor allem darum, bekannter zu werden. Der 45-Jährige ist vergleichsweise neu in der Landespolitik: seit sechs Jahren sitzt er im Landtag, seit zwei Jahren ist er Partei- und Fraktionschef der CDU in MV. Auf Wahlplakaten ist er mit einem, Achtung: Fischbrötchen zu sehen, daneben steht "Die Mitte ist das Beste" oder "Politik in lecker".
Die Linken haben darauf mit einem eigenen Plakat reagiert, auf dem ist Merz zu sehen, wie er in ein Fischbrötchen beißt. "Der Fisch stinkt vom Kopf!", steht da. Aber in Kühlungsborn ist dieses Plakat nirgends zu sehen, Linke ebenso wenig. Stattdessen wartet der örtliche AfD-Direktkandidat Thomas de Jesus Fernandes mit etwa zehn Parteifreunden auf Merz. Will er später pfeifen oder sonstwie stören? "Wir sind hier, um gute Laune zu verbreiten und um für uns zu werben."
Das Brötchen schmeckt, die Metapher ist schief
Derweil erklärt der CDU-Spitzenkandidat die Sache mit dem Fischbrötchen und der Mitte. "Wir grenzen uns klar ab von rechten und linken Krakeelern und Lautsprechern", sagt Peters. Er spricht auch über die Wahlziele der CDU - Wirtschaft und Sicherheit, unter anderem -, aber das geht in dem Gedränge ein wenig unter. "Das Brötchen ist klasse, der Fisch ist toll", lobt Merz anschließend. Er isst ein Brötchen mit Matjes. Man könnte nun darüber nachdenken, ob die Fischbrötchen-Metapher der Landes-CDU wirklich so gut funktioniert, denn bei einem Fischbrötchen kommt es wie in der Rentenpolitik auf das Gesamtkunstwerk an. Aber für solche Überlegungen ist es in dem kleinen Raum mit so vielen Menschen viel zu stickig.
Merz sagt dann noch, Mecklenburg-Vorpommern sei ein Land, das Chancen habe, "die besser genutzt werden könnten" - also, wenn die CDU regieren oder mitregieren würde. Vor fünf Jahren, nach der letzten Landtagswahl, hätte man das so machen können, aber Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von der SPD hat sich für die Linke entschieden. In diesem Jahr dürfte die Regierungsbildung deutlich komplizierter werden. Eine Umfrage von Mitte August für den "Nordkurier" sah die CDU bei 10 Prozent, hinter AfD, SPD und Linken. Die derzeit in Schwerin regierende Koalition aus SPD und Linken schaffte es in dieser Umfrage auf insgesamt nur 40 Prozent.
Plädiert Merz dafür, Robben zu töten?
10 Prozent CDU, das wäre noch einmal rund drei Punkte unter dem Ergebnis von 2021, und das war schon das schlechteste der CDU in der Geschichte des Landes. Da stellen sich Fragen, wenn der Kanzler da ist. Zum Beispiel: Nutzt es der CDU überhaupt, wenn Merz für sie Wahlkampf macht? Aber auch: Ist es überhaupt Wahlkampf, wenn man in einem Fischrestaurant steht und ein Fischbrötchen isst?
Merz sagt, nun stünden drei wichtige Landtagswahlen an, die auch für die Bundes-CDU von Bedeutung seien, "aber es sind zuerst Landtagswahlen". Das ist natürlich absolut richtig. Wahrscheinlich will er damit auch sagen: Bei diesen Wahlen geht es nicht in erster Linie um mich. Das wäre dann nicht mehr ganz so richtig.
Auf einmal kommt doch noch Leben in die Bude. Paul Keppler, der Sohn des Restaurantbesitzers und selbst ein Fischer, drängelt sich nach vorn und sagt, wenn alles so weitergehe wie bisher, "dann wird es keine Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern mehr geben". Er beklagt sich über die aus seiner Sicht zu niedrigen Fangquoten der EU und über den aus seiner Sicht zu hohen Bestand an Kegelrobben. Ein heikler Moment. Der Kanzler wird ja wohl kaum dafür plädieren, süße Robbenbabys zu töten. Gegen Brüssel kann er sich auch nicht gut stellen. Was nun?
Die meisten sind Auswärtige
Peters und Amthor springen in die Bresche - sie dürften als Küsten-Politiker auch besser im Stoff sein als Merz. Amthor weiß, dass die EU-Regeln "unsere historisch gewachsene Fischerei besonders stark treffen", er räumt ein, dass das Thema häufig nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Peters bietet dem Mann ein Treffen an. Das Gespräch läuft vergleichsweise lange; eigentlich müsste Merz längst rüber zum Wahlkampfstand. Aber das hier ist jetzt wichtiger.
Beim Wahlkampfstand trifft Merz doch noch auf normale Bürgerinnen und Bürger. Trotz des Regens - und obwohl in Kühlungsborn kein Plakat hängt, das den Termin ankündigen würde - warten ein paar Hundert Menschen auf ihn. Die meisten dürften neutrale Beobachter sein - schon deshalb, weil sie von auswärts kommen. Das Ostseebad hat gut 8000 Einwohner und 18.000 Gästebetten. Ein Paar aus Sachsen mit einem kleinen Kind will sich anschauen, "was er sagt und wie die Reaktionen sind". Merz-Anhänger sind sie nicht. "Für die arbeitende Bevölkerung hat er ja nicht so viel gemacht." Aber sie finden auch: "Jede Partei ist besser als die AfD."
Natürlich sind auch die Krakeeler gekommen, von denen Peters gesprochen hatte. "Pfui, hau ab!", brüllt einer, andere rufen "Rücktritt". Eine Gruppe von Einheimischen hat sogar ein Plakat mitgebracht, auf dem "Rücktritt" steht. Ein Urlauber vom Bodensee ärgert sich über den Umgang mit dem Kanzler. "Er kann damit umgehen", tröstet seine Frau. "Trotzdem, verdient hat er's nicht."
Eine Gruppe von jungen Frauen kichert und ruft auch immer wieder "Rücktritt". Was stört sie denn am Kanzler? "Die Spritpreise, die Essenspreise, das Mindset", sagt eine. Ein Mann mit Bierbauch unter einem knappen T-Shirt brüllt: "Wir wählen die AfD und keine korrupten Altparteien!" Als ihm einer widerspricht, keift er zurück: "Kommst aus dem Westen, wa?" Wo er selbst herkommt, will er nicht sagen: "Mit Journalisten rede ich nicht."
Doch, wie gesagt, die Krakeeler sind die Minderheit. Merz führt derweil Gespräche mit Menschen, so eng umringt von Publikum und Kameras, dass nicht zu verstehen ist, worum es geht. Um die Gesundheitsversorgung und die Ukraine, berichtet Spitzenkandidat Peters später auf Nachfrage. Der Krieg in der Ukraine beunruhige viele Menschen, es gebe dazu unterschiedliche Auffassungen. Aber die Gespräche seien sehr gut und sachlich gewesen.
Trotz des Fischbrötchen-Termins kann man Merz nicht vorwerfen, Wahlkampf unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu machen. Aber eine Wahlkampfrede gibt es nicht, nur Gespräche, von denen kaum einer etwas mitbekommt. Mit einer Viertelstunde Verspätung rollt Merz davon. Er hat am Abend noch weitere Termine, in Sachsen-Anhalt. Dort wird schon am nächsten Sonntag gewählt.
