Politik

Drohnen, Sprengstoff, Mord?Der Kreml führt seinen Krieg auch in Deutschland

18.08.2026, 16:18 Uhr UnbenanntVon Frauke Niemeyer
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Einsatzkraefte-der-Polizei-und-des-BKA-suchen-am-Flughafen-Leipzig-Halle-nach-weiteren-Spuren-Nach-dem-Drohnenvorfall-in-der-Nacht-zum-Mittwoch-05-08-laufen-die-Ermittlungen-Die-fuer-einen-Angriff-ausgeruestete-Drohne-war-nach-Angaben-aus-Sicherheitskreisen-nahe-einer-ukrainischen-Transportmaschine-sichergestellt-worden
Einsatzkräfte der Polizei und des BKA suchen am Flughafen Leipzig/Halle nach weiteren Spuren, nach eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt wurde. (Foto: picture alliance/dpa)

Ein Ukrainer wird verurteilt, er soll für den Kreml einen Brandanschlag auf deutsche Logistik vorbereitet haben. Doch viele Operationen der russischen Dienste sind brutaler - und bedrohlicher.

Sie sind schon bei der ersten Aktion aufgeflogen. Die drei Ukrainer, die nun in Stuttgart wegen Verdachts auf Agententätigkeit vor Gericht standen, sollten perspektivisch Pakete in die Ukraine verschicken, die irgendwann auf ihrem Weg dorthin Feuer gefangen hätten. Dazu kam es nicht mehr. Schon während der Vorbereitung, als die drei Angeklagten zwei Pakete mit GPS-Trackern Richtung Ukraine auf den Weg brachten, um Routen und Transportabläufe auszukundschaften, wurden die Agenten enttarnt.

Einen der drei verurteilte das Oberlandesgericht nun zu 15 Monaten Haft. Die beiden Mitangeklagten wurden freigesprochen. Damit blieben die Richter deutlich unter den geforderten Strafen der Bundesanwaltschaft: Die hatte Haftstrafen von mehr als zwei bis über vier Jahren erreichen wollen.  

Daniil B., Vladyslav T. und Yevhen B. “versendeten Ende März 2025 in arbeitsteiligem Zusammenwirken von Köln aus zwei Pakete mit aktivierten GPS-Trackern in Richtung Ukraine. Den Auftrag hierzu hatte ein russischer Nachrichtendienst über Mittelsmänner in Mariupol erteilt”, so lauteten deren Erkenntnisse. Im nächsten Schritt sollten demnach die Brandsätze verschickt werden, das hätten die Männer ihren Auftraggebern bereits zugesagt. Im Mai 2025 wurden sie festgenommen, die Bundesanwaltschaft wertete ihren Auftrag als Vorbereitung eines Anschlags auf den deutschen Güterverkehr.  

Drei Ukrainer als Agenten im Dienste Wladimir Putins, der ihr Heimatland nun im fünften Jahr täglich mit Drohnen und Raketen übersät? Das wirkt nur auf den ersten Blick befremdlich. Die russischen Geheimdienste arbeiten vielfach mit sogenannten “Wegwerf”-Agenten, Personen also, die nur für einen kurzen Zeitraum angeworben werden, um eine begrenzte Aufgabe auszuführen. Sie haben keinen Überblick über die gesamte Operation und werden nach Erfüllung ihres Auftrags abgestoßen.  

"harmlos" Geld verdienen

Werden diese Agenten - wie im Fall der drei Ukrainer - von Ermittlern gefasst, so können sie kaum Informationen preisgeben. Ein direkter Bezug zu Russland ist oft schwer nachzuweisen, umso bemerkenswerter, dass es den Ermittlern in diesem Fall gelang. Dass Ukrainer gegen ihren eigenen Heimatstaat vorgehen, ist für die russische Seite nicht nur wegen der Kenntnisse vorteilhaft, sondern auch, um den Gegner zu diskreditieren.  

“Wegwerfagenten werden aktuell über soziale Medien angeworben. Dort wird ein User zum Beispiel in eine geschlossene Gruppe eines Messengerdienstes eingeladen. Dort erhält er das Angebot, mit kleinen und scheinbar harmlosen Aktionen Geld zu verdienen”, beschreibt Militärexperte Markus Reisner die Strategie der russischen Geheimdienste.  

Auch drei Sabotageversuche gegen die Deutsche Marine aus der Vergangenheit wertet der österreichische Oberst als Anschläge von Wegwerf-Agenten. So wurde bei einer Korvette Strahlkies in den Motorblock eingebracht, um ihn beim Auslaufen zu schädigen. Nur durch Zufall wurde die Sabotage erkannt, ebenso bei einer Fregatte, deren Trinkwasseranlage durch Altöl verschmutzt werden sollte. Bei einem Anschlag auf ein Minenjagdboot durchtrennten Unbekannte die Kabelbäume. In allen drei Fällen wären die Schiffe bei Erfolg des Anschlags über Monate ausgefallen.  

“Die hybriden Angriffe auf die strategische Tiefe Europas sollen vor allem den Nachschub von Versorgungsgütern unterbinden, die für die Ukraine wichtig sind, um diesen Krieg weiterzuführen”, sagt Reisner. “Konkret sollen die europäischen Staaten zu einer Verhaltensänderung bewegt werden und den Nachschub für die Ukraine drosseln oder überhaupt einstellen.”    

Während diese Anschläge aus der Vergangenheit gegen die Bundeswehr kaum öffentlich wahrgenommen wurden, schlug der Fund einer mit Sprengstoff bewaffneten Drohne am Leipziger Flughafen vor zwei Wochen hohe Wellen. Die eigens hergestellte Drohne war von Unbekannten gegen die Tragfläche einer ukrainischen Transportmaschine gelenkt worden, das zeigten Aufnahmen einer Überwachungskamera. Der mitgeführte Militär-Sprengstoff namens Semtex hatte genügend Sprengkraft, um das Flugzeug explodieren zu lassen. Die Drohne prallte jedoch an der Tragfläche ab und verlor die Sprengladung. Womöglich nur durch dieses Missgeschick wurde in Leipzig eine Brandkatastrophe verhindert, die auch Menschenleben hätte kosten können.  

Im Auftrag Russlands

Ebenfalls Anfang August wurde bekannt, dass Wegwerf-Agenten einige Monate zuvor in Bayern den Wohnort des Donaustahl-Geschäftsführers Stefan Thumann ausgespäht hatten. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass ein Mordanschlag gegen den Chef des Rüstungs-Start-ups geplant war, das die Ukraine mit Drohnen beliefert. Ein Anschlag im Auftrag Russlands. Der Mann, der die Spähaktion ausführte, stammte wie der heute Verurteilte aus der Ukraine.    

Geplante oder versuchte Anschläge auf die Postlogistik, Marineschiffe, ein Frachtflugzeug, einen Unternehmer aus der Rüstungsbranche. Wären diese Attacken der vergangenen Monate gelungen, hätten sie schwere Schäden angerichtet, Menschenleben gefordert.  

Experten wie Reisner warnen schon seit längerem immer wieder, dass Russland seinen Krieg gegen den Westen auch in Deutschland führt. Nicht mit Artillerie und Geran 2-Drohnen, sondern unterhalb der Schwelle zum offenen militärischen Angriff - mit hybrider Kriegsführung. Mit Wegwerf-Agenten etwa, die durch gezielte Nadelstiche Unsicherheit verbreiten sollen, die Gesellschaft spalten, Behörden und Regierende als unfähig darstellen.  

Zwar steht Deutschland als derzeit größter Unterstützer der Ukraine besonders im russischen Fokus, doch auch andere Länder erkennen verdächtige Vorfälle. Italien meldete in der vergangenen Woche eine heftige Explosion auf dem Gelände einer Munitionsfabrik von KNDS, dem deutsch-französischen Rüstungskonzern. Unfall oder hybride Kriegsführung? Dass es oft so lange so schwierig ist, diese Frage mit Sicherheit zu beantworten, macht das Bedrohungspotential hybrider Kriegsführung aus. Im Falle des nun verurteilten Ukrainers scheint es rechtzeitig gelungen. Allein das - eine gute Nachricht.  

Quelle: ntv.de

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