Politik

Zeit für letztes Corona-Mittel? Der Lockdown für alle klopft wieder an

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Leere Straße in Salzburg. In Österreich gilt ein Lockdown.

(Foto: picture alliance / JFK / EXPA / picturedesk.com)

Seit Mittwoch gilt 3G am Arbeitsplatz, an vielen anderen Orten 2G oder auch 2G plus. Doch Experten bezweifeln, dass das die vierte Corona-Welle aufhalten wird. Es sollte niemand überrascht sein, wenn der Lockdown für alle zurückkommt.

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst des Lockdowns - des Lockdowns für alle, nicht nur für die Ungeimpften. Wie ein Monster kehrt es aus den Nebeln der Pandemie zurück und verbreitet Angst und Schrecken. Bei allen, die besonders hart getroffen würden, also Gastronomie, Ladenbetreiber und Eltern, aber auch bei den politisch Verantwortlichen. Doch die Einschläge kommen näher. In Österreich gilt er schon, in der Slowakei kommt er jetzt und in Sachsen bereitet ihn Ministerpräsident Michael Kretschmer rhetorisch vor, indem er ihn nicht mehr ausschließt.

Nichts deutet auf eine Entspannung der Pandemielage hin. Gerade hat die Zahl der Corona-Toten die Marke von 100.000 überschritten. Virologe Christian Drosten warnt vor 100.000 weiteren. Die Sieben-Tage-Inzidenz knackte die 400er-Marke und die Intensivstationen laufen voll, Operationen werden verschoben. Optimale Versorgung sei nicht mehr überall möglich, räumte Kanzlerin Angela Merkel ein. RKI-Chef Lothar Wieler sagte schon vergangene Woche, Deutschland müsse jetzt die Notbremse ziehen. Nun gilt erstmal 3G am Arbeitsplatz und 2G an den meisten öffentlichen Orten. Doch Drosten und Epidemiologen wie Timo Ulrichs sind sich sicher, dass das nicht reichen wird. Bei ntv sagte der Pharmakologie-Professor Thorsten Lehr, dass 2G und 3G nichts mehr bringen würden, wenn die Lage außer Kontrolle geraten ist. Aber was bleibt dann noch?

Der künftige Kanzler Olaf Scholz sagte am Mittwochabend im ZDF, jetzt seien ja erstmal die neuen Regeln in Kraft. Und wenn sie überall umgesetzt werden, hätten sie einen "massiven Effekt". In der ARD sagte Annalena Baerbock, man wolle zehn Tage abwarten, um dann die Lage wieder zu bewerten. Mut macht manchen vielleicht auch die Debatte um die Impfpflicht. Für bestimmte Berufsgruppen, insbesondere in der Altenpflege, soll sie kommen. Aber dabei fällt oft unter den Tisch, dass sie das aktuelle Problem nicht lösen würde. Laut "Spiegel" soll sie erst zum Jahreswechsel gelten und dann soll es erst noch eine Übergangsfrist geben.

Neuinfektionen in Österreich sinken

Auch eine steigende Impfquote oder gar eine allgemeine Impfpflicht würden nicht sofort wirken. Lässt sich heute jemand zum ersten Mal impfen, dauert es bis zu acht Wochen, bis der optimale Impfschutz erreicht ist. Das wäre dann Ende Januar. Aber es würde ja Wochen dauern, die Unwilligen zu überzeugen oder zu drängen, es wäre ein quälend langer Prozess. Erstmal müssten Kontrollen aufgebaut werden, dann müssten die Verweigerer erwischt werden - das kostet wertvolle Zeit. Außerdem würden sich die Ungeimpften mit den Booster-Impflingen auf den Füßen stehen. Es würde noch länger dauern, einen Termin zu bekommen, als ohnehin schon. Man könnte darauf hoffen, dass die Auffrischungsimpfungen die vierte Welle noch ausbremsen. Aber kann man davon ausgehen? Experte Lehr würde es nicht darauf ankommen zu lassen: "Wir brauchen weitere Kontaktreduktionen, letztendlich ähnliche Maßnahmen, wie wir sie mit einem Lockdown erreicht haben."

Der Lockdown ist das Monster, das draußen ums Haus schleicht und drinnen tun alle so, als ob es nicht da wäre. Es ist verständlich, dass jetzt kaum jemand offen aussprechen will, was da noch bevorstehen könnte. Kanzlerin Angela Merkel soll am Dienstagabend einen zweiwöchigen Lockdown von Vertretern der Ampel-Koalition gefordert haben, meldete die "Bild"-Zeitung. Falls das stimmt, lehnten Scholz und Co. ab. Der Lockdown für alle ist maximal unbeliebt in der Bevölkerung. Jede Branche warnt vor Pleitewellen. Eltern wollen ihre Kinder weiter in die Schulen schicken. Und vor allem wurde quer durch alle Parteien versprochen, dass es ihn nicht noch einmal geben solle. Tatsache ist aber, dass der Lockdown eigentlich nur die bitter schmeckende Medizin gegen die eigentliche Gefahr, das todbringende Coronavirus, ist. Er könnte das einzige Mittel sein, das die Zahlen wieder herunterbringt.

Doch die "epidemische Notlage von nationaler Tragweite" gilt seit diesem Donnerstag nicht mehr. Dafür können zwar dank des neuen Infektionsschutzgesetzes Maßnahmen in Kraft treten, die es vorher nicht gab (etwa 3G am Arbeitsplatz oder die Testpflicht in Altenheimen). Ein bundesweiter, flächendeckender Lockdown ist nun aber ausgeschlossen. Ausdrücklich nicht mehr möglich sind: Ausgangssperren, umfassende Schließungen von Schulen und Kitas, Restaurants, Geschäften und Hotels, Beschränkungen für Reisen und Übernachtungen sowie Verbote, Sport auszuüben.

Bund-Länder-Runde am 9. Dezember

Mit Zustimmung der jeweiligen Landtage dürften auch noch Freizeiteinrichtungen und -veranstaltungen wie Clubs, Diskotheken und Weihnachtsmärkte geschlossen werden. Immerhin gelten in den Hotspots in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg schon so strenge Maßnahmen, dass sie einem Lockdown nahekommen. So müssen Ungeimpfte in Bayern ihre Kontakte beschränken, was als Teil-Lockdown gilt. Bundesweit gilt zudem mehr oder weniger streng 2G. Es wäre möglich, einfach wieder die epidemische Notlage zu aktivieren, was aber derzeit so gut wie ausgeschlossen ist. Wahrscheinlicher ist es, dass das Infektionsschutzgesetz noch einmal nachgeschärft wird. Am 9. Dezember soll es dazu eine Bund-Länder-Runde geben. Wenn das flächendeckende 2G und die Booster-Impfungen dann keine Wirkung entfaltet haben, dürfte der Lockdown endgültig wieder Thema werden.

Pharmakologe Lehr rechnet dann mit Inzidenzen von bundesweit jenseits der 500. "Die Lage ist wirklich extrem ernst", sagt er. "Jeder Tag, den wir jetzt versäumen, den werden wir hinten mit mehr als einem Tag länger im Lockdown sein müssen." In Berlin hoffen sie wohl noch, dass Mahner wie er unrecht haben.

Quelle: ntv.de

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