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Litwinenko bei einer Pressekonferenz 1998.
Litwinenko bei einer Pressekonferenz 1998.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 23. November 2016

Mysteriöser Tod von Putin-Gegner: Der Spion, der vergiftet wurde

Von Gudula Hörr

Der Agententhriller bleibt rätselhaft. Vor zehn Jahren starb der russische Ex-Spion Litwinenko, vergiftet durch Polonium. Hatte er sich mit seiner Kritik an Präsident Putin, den er zuletzt noch der Pädophilie beschuldigte, zu weit vorgewagt?

Über Wochen rätseln die Ärzte. Erst gehen sie von verdorbenem Sushi aus, dann von einer Vergiftung mit Rattengift. Der Patient selbst, der unter Durchfall, Brechreiz, Haarausfall und Blutungen leidet, ist sich sicher: "Die Bastarde haben mich gekriegt." Am 23. November 2006 stirbt Alexander Litwinenko, ehemaliger Spion des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, im Alter von 43 Jahren auf der Intensivstation der Londoner Universitätsklinik. Am nächsten Tag verliest ein Freund eine letzte Stellungnahme: "Sie haben bewiesen, dass Sie ebenso barbarisch und rücksichtslos sind, wie Ihre schärfsten Kritiker behauptet haben", wendet sich Litwinenko posthum an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. "Es mag Ihnen gelingen, einen einzelnen Mann zum Schweigen zu bringen, doch wird dafür ein weltweiter Aufschrei des Protests für den Rest Ihres Lebens in Ihren Ohren nachhallen, Herr Putin."

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Tatsächlich führt die Spur in diesem mysteriösen Todesfall schnell nach Russland. So wurde Litwinenko mit der radioaktiven Substanz Polonium vergiftet. Nach Recherchen des "Guardian"-Journalisten Luke Harding, der über den Mordfall das Buch "A very expensive Poison" verfasst hat, stammte das Polonium aus einem russischen Labor. Außerdem hatte sich Litwinenko kurz vor seiner Erkrankung, am 1. November, mit den russischen Geschäftsmännern und ehemaligen Offizieren Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun in einer Hotelbar in London getroffen und dort Tee getrunken. Später wurden im Mayfair Millenium Hotel auf der Toilette, an dem Sitzplatz der drei Russen, an der Teekanne, im Abwaschbecken in der Küche hohe radioaktive Werte gemessen. Alles deutete darauf hin, dass Lugowoj und Kowtun Litwinenkos Tee vergiftetet hatten.

Bei ihrem Aufenthalt in London hinterließen die beiden Russen überall radioaktive Spuren: Ihre Hotelzimmer waren kontanimiert, ein Konferenzraum, Taxis, ein Sitzpolster im Strip-Club Hey Joy, ein Sitz im Emirates Stadium. Auch in zwei Flugzeugen nach Russland und auf dem Sofa seiner deutschen Ex-Frau in Hamburg, die Kowtun zuvor besucht hatte, hafteten Polonium-Spuren. Die höchste radioaktive Strahlung fand sich in Kowtuns Hotelbadezimmer, wo er offenbar den Rest des insgesamt gut sechs Millionen Euro teuren Giftes verschüttet hatte.

Hatte also Putin Litwinenko ermorden lassen, wie es dieser vermutet hatte? Fest steht: Der ehemalige Agent war Russlands mächtigstem Mann seit Langem ein Dorn im Auge. Am 17. November 1998 hatte er sich erstmals in einer bemerkenswerten Pressekonferenz an Putin, damals noch FSB-Chef, gewandt. Gemeinsam mit vier maskierten Männern mit dunklen Brillen und einem ehemaligen Oberst des russischen Inlandsgeheimdienstes beklagte er, dass sich der FSB in ein kriminelles Unternehmen verwandelt habe, das mit Gangstern Geschäfte mache und Firmen erpresse. Auch sei ihnen befohlen worden, den Unternehmer und Politiker Boris Beresowski zu ermorden. "Wir wollen den Föderalen Sicherheitsdienst keineswegs kompromittieren, sondern reinigen und stärken", so Litwinenko. Da ihm aber trotz mehrmaliger Versuche der Zugang zu Putin verweigert worden sei, wolle er ihn nun über die Pressekonferenz informieren.

Putin: "Solche Leute können nicht im FSB arbeiten"

Putin war über das Spektakel längst nicht so erfreut, wie es Litwinenko vielleicht vermutet hatte. Zwar lud er Litwinenko zu sich ins Büro ein, doch lehnte er ein Dossier, das dieser mitgebracht hatte, ab. "Ich konnte in seinen Augen lesen, wie sehr er mich verabscheute", sagte Litwinenko nach dem Treffen zu seiner Frau. Putin ignorierte die Anschuldigungen gegen seine Behörde, erklärte, dass Litwinenko und die maskierten Agenten selbst illegale Operationen durchgeführt hätten und entließ sie. "Solche Leute können nicht im FSB arbeiten", sagte Putin.

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Am 1. November 2000 – genau sechs Jahre vor seiner Ermordung - floh Litwinenko nach London, wo er fortan einen erbitterten Kampf gegen den FSB und Putin führte. Er verkehrte mit anderen KGB-Veteranen und Geheimdienstlern und arbeitete, so schreibt es der Russlandkenner Harding, seit 2003 für den britischen Geheimdienst MI6.

Mit finanzieller Unterstützung Beresowskis, der im Jahr 2013 selbst auf ungeklärte Weise in seinem Haus im britischen Exil starb, schrieb Litwinenko das Buch "Eiszeit im Kreml: das Komplott der russischen Geheimdienste". In diesem behauptet er, dass nicht radikale Separatisten 1999 die Anschläge auf russische Wohnhäuser mit Hunderten Toten verübt hätten. Vielmehr habe der FSB die Attentate, die zum Zweiten Tschetschenien-Krieg geführt hatten, ausgeübt. In einem weiteren Buch beschreibt er den Geheimdienst als eine Art Terrororganisation, beteiligt an Korruption und Verbrechen. Ende 2006 sollte er zu den Kontakten der russischen Mafia in die russische Politik auch vor einem spanischen Ankläger aussagen - doch er starb vorher.

In den letzten Monaten seines Lebens ging Litwinenko verstärkt der Spekulation nach, dass Putin schwul oder bisexuell sei. In einem Artikel, der auf der Webseite der tschetschenischen Rebellenbewegung erschien, äußerte er sich zu Putins angeblichen sexuellen Vorlieben, nachdem dieser zuvor einen kleinen jungen Jungen auf dem Roten Platz auf den Bauch geküsst hatte. "Sascha, das ist zu viel", warnte ihn darauf ein Exilspion. Schließlich hatte Litwinenko schon viele Drohanrufe aus Russland erhalten, auch auf sein Haus in London hatte es 2004 schon einen Brandanschlag gegeben.

Stand Litwinenko auf der Todesliste des FSB?

Wie gefährlich es ist, Putin herauszufordern, musste ihm spätestens nochmal der Tod Anna Politkowskajas in Erinnerung gerufen haben. Just an Putins 54. Geburtstag am 7. Oktober 2006 wurde die kritische Journalistin, die Litwinenko gut kannte, in ihrem Treppenhaus erschossen. Auf einer Podiumsdiskussion einige Tage danach sagte er: "Ich weiß ganz genau, dass es nur einen Menschen in Russland gibt, der eine Journalistin mit dem Renommee von Anna Politkowskaja töten könnte – das ist Wladimir Putin und kein anderer." Wenig später fühlte er sich durch den italienischen Geheimdienstanalysten Mario Scaramella bestätigt. Dieser übergab ihm vor dem fatalen Treffen mit Lugowoi und Kowtun eine angebliche Todesliste von KGB-Veteranen. Auf dieser standen die Namen Politkowskajas, Beresowskis - und Litwinenkos.

Zehn Jahre nach dem Giftmord, der die russisch-britischen Beziehungen bis heute belastet, bleibt noch immer einiges rätselhaft. Erst auf Druck von Litwinenkos Witwe Marina kam es im vergangenen Jahr doch noch zu einer gerichtlichen Untersuchung, bei der Dutzende Zeugen angehört und unzählige Dokumente ausgewertet werden. Im Schlussbericht vom 21. Januar dieses Jahres sieht Richter Robert Owen die Schuld Lugowojs und Kowtuns als erwiesen an. Mutmaßlich hätten die beiden im Auftrag des russischen Geheimdienstes gehandelt. Und weiter: "Ich habe ferner festgestellt, dass die FSB-Operation, Mr. Litwinenko umzubringen, vermutlich von Mr. Patruschew, damals Leiter des FSB, und Präsident Putin gebilligt worden ist."

Beweise für diese Mitwisserschaft fehlen allerdings, und strafrechtlich hat die Untersuchung keine Konsequenzen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte den Bericht politisch motiviert und beklagte fehlende Transparenz. Bis heute weigert sich Moskau, die beiden mutmaßlichen Täter auszuliefern. Kowtun arbeitet inzwischen als Geschäftsmann. Lugowoj sitzt seit 2007 als Abgeordneter im russischen Parlament, 2015 verlieh ihm Putin einen Verdienstorden.

Quelle: n-tv.de