Politik

Kein Bock mehr auf Corona? Der beste Grund, die App zu laden

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Der Sommer 2020 fühlt sich leicht an - auch, weil wir uns über Corona-Fallzahlen kaum noch Gedanken machen müssen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bei jeder Pizzabestellung hinterlassen wir mehr Daten im Netz als mit der neuen Corona-Warn-App. Datenvolumen ist kostenlos, Energieverbrauch gering. Also keine nennenswerten Nachteile, aber eine Chance: Unser Alltag mit Corona könnte sich weiter so leicht anfühlen wie der Sommer gerade. Wär das nicht toll?

Bei mir war es schon knapp. Für mein Mobiltelefon habe ich beim Kauf vor drei Jahren bereits mit dem Argument "Ist ja ein Auslaufmodell" um Rabatt gefeilscht. Nun bin ich gerade noch unter denjenigen BundesbürgerInnen, deren Handybetriebssystem so auf der Höhe ist, dass es die neue Corona-Warn-App überhaupt anwenden kann. Mein Vorgänger-Modell muss leider passen.

"Läuft nur mit den neuesten Betriebssystemen" lautet bisher die häufigste Kritik in den App-Stores von Google und Apple, wo sich Interessierte seit heute die "Corona-Warn-App" herunterladen können. Manche Willige fühlen sich ausgebremst, abgehängt. Das ist schlecht, aber kaum zu vermeiden. Es ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man mit viel Geld und wenig Zeit eine App entwickelt, deren Nutzen zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös abschätzbar ist. Es gibt keine Erfolgszusage. Trotzdem sollen sich viele Menschen diese App auf ihr Handy laden.

Das setzt voraus: Aufbau und Funktionsweise müssen technisch top sein, absolut überzeugen. Das scheint der Bundesregierung tatsächlich geglückt: Die App ist gut gemacht, so sagen viele Experten, sie erntet Lob von verschiedenster Seite. Die Technik war sicherlich die halbe Miete, doch die ist nun gezahlt. Die andere Hälfte ist unsere Aufgabe. Die Warn-App hat es verdient, dass wir ihr eine Chance geben.

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Womit die App so viele überzeugt: Der Quellcode, also das technische Gerüst hinter der Benutzer-Oberfläche lag wochenlang auf einer Internetseite offen aus. Nach Aussage des Softwareherstellers SAP haben 100.000 Interessierte die Seite besucht, 1500 Vorschläge haben die Entwickler von außen erhalten, um das Programm zu optimieren. Vor allem auf bestmöglichem Datenschutz lag der Fokus. Die Transparenz zahlt sich nun aus: Selbst die IT-Experten vom Chaos Computer Club (CCC), sonst immer und meist zu Recht auf Krawall gebürstet, haben an der App nichts zu meckern. Der CCC bescheinigt der Bundesregierung, dass sie sich "auf die Schulter klopfen" könne für die transparente Entwicklung. Ein derartiges Lob - Gesundheitsminister Jens Spahn muss der Ohnmacht nahe sein.

Sagt eine App zur anderen: "Ah, du auch hier?"

Warum dieses Lob? Weil die App eben nicht das tut, was viele zu Recht ablehnen würden: Daten über unsere Bewegungen an einen zentralen Speicher liefern. Die App tritt lediglich in Kontakt mit anderen Apps in der Nähe. "Ah, du auch hier? Ich auch." "Und sonst so?" Beide Apps speichern für zwei Wochen ihr Zusammentreffen, danach vergessen sie es wieder. Im Falle einer Covid-19-Diagnose innerhalb der zwei Wochen kann jedoch ein App-Besitzer einstellen, dass seine App der anderen und damit ihrem Nutzer Bescheid gibt. Das war's und keiner sonst wird es je erfahren.

Gesundheitsminister Spahn wirkt fast ein bisschen stolz, als er in der Berliner Pressekonferenz auf die Frage, wer denn am Ende den Überblick über die Daten (und damit den Effekt der App) habe, antworten muss, den habe niemand. Spahn hatte Daten zunächst zentral speichern wollen, nun kann er grinsend erklären: "Wenn Sie dezentral speichern, hat niemand den abschließenden Überblick." Niemand wird wissen, wie viele Risikowarnungen zwischen welchen deutschen Handys in den kommenden Wochen kursieren. Genau so, wie es Datenschützer verlangt haben, von deren Kritik sich die Bundesregierung überzeugen ließ.

Um das zu gewährleisten, nutzen die Entwickler die "Bluetooth Low Energy"-Funktechnik für die Corona-App. Sie ermöglicht die datenschützende Kommunikation zwischen den Handys, setzt allerdings ein einigermaßen modernes Gerät voraus, im Falle von Apple nicht älter als von 2014. Das ist bedauerlich. Aber fahrlässig wäre es gewesen, zugunsten älterer Handys auf die modernste Technik zu verzichten. Sich beim Thema Datenschutz angreifbar zu machen, war absolut keine Option.

Denn wenn der Nutzen nicht gewährleistet werden kann, weil es weltweit für diese App keine Blaupause gibt, weil niemand weiß, wie viele sich beteiligen werden, dann ist entscheidend, dass auch der kritischste Betrachter bei dem Programm keine Nachteile erkennen kann: Datenschutz? Gewährleistet. Datenvolumen? Gibt es gratis von den Anbietern. Energieverbrauch? Äußerst gering.

Die beste Maßnahme für Bocklose

Es gibt keinen wirklich guten Grund, sich diese App nichts aufs Handy zu laden. Wohl aber einen, um mitzumachen: Wir haben keinen Bock mehr auf Corona. Es ist Sommer, die Infektionsrate noch immer vergleichsweise niedrig und wir wollen Leichtigkeit spüren. Und genau dafür ist die App ideal. Die bestmögliche Maßnahme für alle Bocklosen: Wir müssen sie nicht aus der Hosentasche friemeln und nicht bei 60 Grad waschen. Verglichen mit der Maske ist die Corona-Warn-App ein Werkzeug, das völlig anspruchslos und kaum wahrnehmbar vor sich hin existiert. Die Seegurke unter den Corona-Maßnahmen.

Und jetzt müssen wir uns vorstellen, was ja im Bereich des Möglichen liegt: Dass sie tatsächlich funktioniert! Dass sie wirklich Infektionsketten durchbricht, die wir bislang nicht mal erkennen konnten - im Zug, auf der Demo, an der Supermarktkasse. Weil wir gar nicht wissen können und nicht wissen wollen, wer da immer so neben uns steht. Aber in Zukunft sagen unsere beiden Apps sich kurz guten Tag.

Die Entwickler und das Robert-Koch-Institut hoffen, dass die App bis zu vier Tage schneller sein wird in der Verfolgung der Infektionsketten, als es heute die tapferen MitarbeiterInnen der Gesundheitsämter am Telefon sein können. Mit 80 Prozent Trefferquote bei den Tests spricht vieles dafür, dass sie verlässlicher sein wird als unsere Erinnerung, wenn wir plötzlich angeben sollten, mit wem wir die vergangenen 14 Tage verbracht haben.

Wäre das nicht klasse? Lohnt es sich nicht, dafür diesen einen Klick zu tätigen und mitzumachen bei der neuen Runde im gemeinsamen Kampf gegen das Virus, gegen das wir schon echte Erfolge feiern durften? Mit Maske, Abstand und App. Auf dass die Fallrate dauerhaft niedrig und die Leichtigkeit darum auch einfach bleibt. Auch wenn aus dem Sommer 2020 irgendwann der Herbst wird.

Quelle: ntv.de