Der lange Schatten von EpsteinStarmer rettet sich - aber der "Fürst der Finsternis" schüttelt Labour durch
Von Markus Lippold
Seine bisher größte Krise hat Keir Starmer überstanden. Doch die nächste dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Denn die Affäre um Peter Mandelson und Jeffrey Epstein ist noch nicht ausgestanden. Und Labour zittert vor den nächsten Wahlen. Doch wer könnte dem Premier folgen?
Es sind Tage zum Vergessen für Keir Starmer. Am Sonntag musste der britische Premier den Rücktritt seines Stabschefs und wichtigsten Beraters hinnehmen, am Folgetag den Abgang seines Kommunikationschefs. Kurz darauf forderte der schottische Labour-Chef offen und direkt Starmers Rücktritt. Doch der weigerte sich - und holte zum Gegenschlag aus. Am Montagabend hielt der Premier vor Labour-Abgeordneten die "Rede seines Lebens", wie es britische Medien unter Verweis auf Teilnehmer nennen. "Ich habe noch jeden Kampf gewonnen", sagte Starmer demnach - und bekam die Rückendeckung seines Kabinetts.
Am Dienstag zeigte Starmer sich gut gelaunt. "Es war eine arbeitsreiche Woche", witzelte er, machte aber auch klar, dass er nie den Posten verlassen werde, der ihm gegeben wurde. Er hat Druck aus dem Kessel gelassen, und das war bitter nötig. "Gestern war ein gefährlicher Moment für den Premierminister", sagte dazu der frühere Labour-Chef und jetzige Energieminister Ed Miliband zu BBC. Nun verdiene Starmer "die Zeit und den Raum, um die Regierung zu erneuern, sie neu aufzustellen und sich auf das Land zu konzentrieren".
Zeit - das ist es, was Starmer gewonnen hat. Doch die tieferen Gründe für seine tiefe Krise haben sich nicht geändert. Weder ist die Affäre um Peter Mandelson und Jeffrey Epstein beendet, noch hat der Premier die versprochene grundlegende Politikwende eingeleitet. Der innerparteiliche Druck dürfte wachsen, je näher die Regional- und Kommunalwahlen im Mai kommen. Die Spekulationen über mögliche Nachfolger Starmers haben längst begonnen.
1. Die Affäre Mandelson
Als hätte Starmer nicht genug Sorgen, fiel ihm in den vergangenen Tagen eine Entscheidung auf die Füße, die mehr als ein Jahr zurückliegt. Im Dezember 2024 machte der Premier das Labour-Urgestein Mandelson zum britischen Botschafter in den USA. Zwei Monate später trat dieser das Amt an - um im September 2025 schon wieder entlassen zu werden. Grund waren Veröffentlichungen aus den Akten von Milliardär und Sexualverbrecher Jeffrey Epstein, mit dem Mandelson engen Kontakt hielt, auch nach der Verurteilung Epsteins wegen der Prostitution einer Minderjährigen.
Wie Starmer inzwischen zugibt, waren ihm die Kontakte zum Milliardär bereits bekannt, als er Mandelson zum Botschafter ernannte. Doch erst weitere Epstein-Enthüllungen brachten das Fass zum Überlaufen. Zu den neuen Details gehört der Vorwurf, Mandelson habe als Wirtschaftsminister unter Ex-Premier Gordon Brown wichtige Informationen zur Euro-Finanzkrise an Epstein verraten - die Polizei ermittelt dazu.
Die Mandelson-Affäre lässt nicht nur den Premier erzittern, sondern ganz Labour. Mandelson war einflussreich und tief vernetzt in der Partei, agierte oft im Hintergrund und förderte so manche Karriere - etwa die des jüngst zurückgetretenen Stabschefs von Starmer. Medien nannten Mandelson deshalb "Prince of Darkness" ("Fürst der Finsternis"). Nicht nur Starmer stellt sich nun die Frage: Wie viel Zündstoff steckt noch in den Epstein-Akten? Und ist er auf den zwangsläufig folgenden Skandal vorbereitet?
2. Ausbleibende Reformen, miese Umfragen
Doch es ist nicht nur diese Affäre, die Starmer belastet. Auf den hohen Vorsprung bei der Wahl 2024 folgte ein tiefer Fall in den Umfragen. Labour ist auf den dritten Platz gerutscht, knapp hinter die Konservativen. Ganz vorn hat sich die rechtspopulistische Partei Reform UK von "Mister Brexit" Nigel Farage etabliert. Nach aktuellem Stand würde er eine so große Unterhaus-Mehrheit einfahren wie Labour vor zwei Jahren.
Warum? "In der Außenpolitik war Starmer in den anderthalb Jahren relativ erfolgreich, im Innern und in der Wirtschaftspolitik ist ihm aber kein großer Durchbruch gelungen", sagte Experte Nicolai von Ondarza Anfang Februar im Gespräch mit ntv.de. Eigene Rückzieher oder Widerstand in seiner Partei haben demnach grundlegende Reformen verhindert, das Land "verharrt in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage". Dabei war der 63-jährige Premier, der sechste britische Regierungschef in zehn Jahren, 2024 mit dem Versprechen angetreten, das Chaos der konservativen Regierungen zu beenden und Reformen einzuleiten. Geliefert hat er nicht. Zum Desaster geriet etwa sein Ziel, als Sparmaßnahme die Zahl der Empfänger von Heizkostenzuschüssen im Winter zu reduzieren - er bekam keine Mehrheit zustande. Auch von anderen Vorhaben konnte er seine Fraktion nicht überzeugen.
Viele Wählerinnen und Wähler wendeten sich enttäuscht ab. Die schlechten Umfragewerte machen vor allem jenen Labour-Vertretern Angst, die sich in diesem Jahr Wahlen stellen müssen. Ende Februar wird ein Unterhaussitz nachgewählt, im Mai gibt es landesweite Kommunalwahlen sowie Parlamentswahlen in Wales und Schottland. Kein Wunder, dass gerade der schottische Labour-Chef so offensiv Starmers Rücktritt forderte. Nur der geballte Rückhalt seines Kabinetts hat Starmer vorerst gerettet.
3. Der innerparteiliche Druck
Auch wenn Starmer das Gröbste überstanden hat: Die Machtfrage bei Labour ist noch nicht geklärt, vor allem, wenn die kommenden Wahlen für die Partei desaströs enden. Die Chefin der Konservativen, Kemi Badenoch, unkt bereits, Labour habe das Vertrauen in Starmer verloren. Die Frage sei nicht, ob Starmer gehen müsse, sondern wann.
Doch nicht alle sehen das so. Der "größte Vorteil" Starmers sei, dass Labour keinen alternativen Führungskandidaten habe, der "die Lage kurzfristig wenden könnte", sagte der Politikwissenschaftler John Curtice der BBC. Ihm zufolge gibt es keinen "offensichtlichen Nachfolger". Würde Starmer zurücktreten, gebe es einen "spaltenden Führungsstreit".
Tatsächlich kursieren Namen möglicher Nachfolger. Doch hinter vielen stehen Fragezeichen. Die ehemalige Vize-Premierministerin Angela Rayner ist nach wie vor populär. Laut Sky News würde sie im direkten Duell Starmer schlagen. Allerdings musste sie im Herbst wegen einer Steueraffäre zurücktreten, die noch nicht ausgestanden ist.
Als heißer Kandidat wird auch Gesundheitsminister Wes Streeting gehandelt. Allerdings steht ihm ausgerechnet seine enge Freundschaft mit Peter Mandelson im Weg. Um für Transparenz zu sorgen, veröffentlichte er kurzerhand den gesamten Schriftwechsel mit ihm - woraufhin die Polizei mögliche Nachahmer warnte, das könne die Ermittlungen beeinträchtigen. Der "Daily Telegraph" berichtete gar, Streeting stecke hinter dem "Putsch" gegen Starmer. Er dürfte ihn nicht zum letzten Mal herausgefordert haben. Ex-Labour-Chef Miliband kündigte dagegen an, nicht ein zweites Mal für den Posten kandidieren zu wollen.
Daneben werden auch Innenministerin Shabana Mahmood oder Außenministerin Yvette Cooper als mögliche neue Labour-Chefs und Premierministerinnen genannt. Oder Manchesters Bürgermeister Andy Burnham. Der allerdings sitzt nicht im Unterhaus, was eine Voraussetzung für das Amt des Regierungschefs ist. Eine Kandidatur für das Parlament verhinderte jüngst Starmer selbst. Wie sagt er doch gleich? "Ich habe noch jeden Kampf gewonnen." Bisher stimmt das. Aber wie lange noch?