Politik

Verspätete Würdigung Deutschland ehrt seine Afghanistan-Veteranen

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Der Große Zapfenstreich findet vor dem Reichstag statt (Archivbild).

(Foto: picture alliance / dpa)

Als die letzten Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan zurückkamen, stand kein Vertreter der Bundesregierung am Flughafen. Zwei Wochen später wurde ein Großer Zapfenstreich angesetzt, dann verschoben. Heute findet die Ehrung statt.

Dreieinhalb Monate nach dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan werden Soldatinnen und Soldaten, die dort im Einsatz waren, mit einem Großen Zapfenstreich geehrt. Zugleich wird der 59 Männer gedacht werden, die dort getötet wurden oder starben.

Während der Einsatz weiter umstritten ist, würdigten Politikerinnen und Politiker aus Regierung und Opposition die Leistung der Soldatinnen und Soldaten. "Ich bin der festen Überzeugung, dass die Bundeswehr auf ihren Einsatz in Afghanistan stolz sein kann", sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU. "Alle Aufträge, die das Parlament gegeben hat, wurden erfüllt." Trotzdem gehe es auch darum, "offen und ehrlich" Bilanz zu ziehen.

Dagegen sprach FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann von einem gescheiterten Einsatz. Sie erklärte allerdings, nicht die Soldatinnen und Soldatinnen hätten das Afghanistan-Engagement scheitern lassen, "sondern die Bundesregierung, die nicht in der Lage und willens war, ihre gesteckten Ziele zu evaluieren und anzupassen".

ntv überträgt den Großen Zapfenstreich live.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte im "Frühstart" bei ntv, er finde es "genau richtig, dass der Große Zapfenstreich heute stattfindet". Richtig sei auch, dass er vor dem Parlament stattfinde. Es gehe darum, den Soldatinnen und Soldaten Danke zu sagen für das, was sie geleistet haben. "Es sind 59 Soldaten gefallen in Afghanistan, an die muss erinnert werden", so Klingbeil. Zudem sei der Ausgangspunkt für den Großen Zapfenstreich gewesen, dass bei der Rückkehr der Soldatinnen und Soldaten aus Afghanistan "niemand am Flughafen war und sie abgeholt hat in Wunstorf. Das ist ein Tiefpunkt auch dieses Einsatzes gewesen. Deswegen ist es gut, dass das heute stattfindet."

Rückkehrer wurden von der Bundesregierung nicht begrüßt

Das letzte Flugzeug mit Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan stationiert waren, war am 30. Juni auf dem Luftwaffenstützpunkt in Wunstorf bei Hannover gelandet. Empfangen wurden sie vom Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Erich Pfeffer. Weder Kramp-Karrenbauer noch Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Außenminister Heiko Maas kamen damals nach Wunstorf, um die Soldaten zu begrüßen. Begründet wurde dies mit Terminüberschneidungen. Der Bundeswehrverband kritisierte damals, die Politik habe "bei der Begrüßung der letzten Afghanistan-Rückkehrer in der Heimat so gut wie alles falsch gemacht".

Erst zwei Wochen nach Rückkehr der letzten Soldatinnen und Soldaten wurde ein Großer Zapfenstreich geplant. Ursprünglich sollte er am 31. August stattfinden, wegen der Ende August noch laufenden Evakuierung von Deutschen und Ortskräften aus Kabul wurde er jedoch verschoben. Dass die Bundeswehr von der Bundesregierung aus Afghanistan abgezogen wurde, ohne das Schicksal der einheimischen Mitarbeiter zu bedenken, stößt beim von Bundeswehrsoldaten gegründeten Patenschaftsnetzwerk für afghanische Ortskräfte auf besondere Verbitterung. "Wir haben früh gewarnt, aber das hat die Bundesregierung nicht interessiert", sagte Verbandssprecher Lucas Wehner im Interview mit ntv.de. Es sei enttäuschend, "dass wir uns als private Organisation so einsetzen müssen, weil die Politik zwar von Verantwortung redet, sie aber nicht übernimmt. Auf Deutschland ist leider kein Verlass."

Als gescheitert gilt der Einsatz aus Sicht vieler Experten, weil die Taliban kurz nach dem Abzug der westlichen Truppen die Macht im Land binnen Tagen erobern konnten. "Dass es in absehbarer Zeit zu einem Abzug der Truppen kommen würde, war in dem Moment klar, als Präsident Trump in Doha das Gespräch mit den Taliban begann und ihnen eine Bühne bot", sagte Strack-Zimmermann ntv.de. "Die Bundesregierung hätte also genug Zeit gehabt, neben dem militärisch-logistischen Abzug die Ausreise der Menschen in den diplomatischen Vertretungen und der Ortskräfte vorzubereiten. Dass das nicht passiert ist, ist unverzeihlich."

Insgesamt leisteten 93.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr einen Einsatz am Hindukusch, einige von ihnen mehrfach. Auftakt des Gedenkens ist um 13.00 Uhr eine Kranzniederlegung am Ehrenmal der Bundeswehr auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums in Berlin, an der unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Bundesverteidigungsministerin teilnehmen. Steinmeier will sich dort anschließend mit Hinterbliebenen und Einsatzversehrten treffen. Um 14.30 Uhr findet am Verteidigungsministerium ein zentraler Abschlussappell statt, zu dem Steinmeier und Merkel erwartet werden. Dieser Abschlussappell richtet sich nach Angaben der Bundeswehr ausschließlich an Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiter der Bundeswehr, die in Afghanistan im Einsatz waren, außerdem an die Angehörigen von im Einsatz Verstorbenen und Gefallenen. Der Große Zapfenstreich bildet um 19.00 Uhr auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude den Abschluss des Tages.

Quelle: ntv.de, hvo/dpa

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