Politik

Sarrazin ist wieder da Deutschland geht doch nicht unter

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Nimmt sich diesmal die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin vor: der frühere Berliner Senator Thilo Sarrazin.

(Foto: imago/IPON)

In seinem neuen Buch erklärt Thilo Sarrazin die Kanzlerin zum Negativbeispiel für gutes Regieren. Bei der Vorstellung von "Wunschdenken" blitzt immer wieder durch: Sarrazin hat Merkel bis heute nicht verziehen.

"Wenn was passiert, können wir eh nichts ausrichten", sagt eine Polizistin und zuckt mit den Schultern. Aber der Aufstand fällt heute aus. Ein einziger Polizeiwagen steht vor dem Tagungszentrum Jerusalemkirche. Nicht ein Demonstrant ist zu sehen. Bei früheren Auftritten und Buchvorstellungen Thilo Sarrazins war das anders. Zieht der Provokateur nicht mehr? Tatsächlich hat der DVA-Verlag vorgesorgt. Die Veranstaltung ist nicht-öffentlich, der Verlag bat Journalisten sogar darum, den Termin nicht bekanntzugeben. Deshalb sind hier keine Sarrazin-Gegner, die wie 2004 vor dem Berliner Ensemble die Lesung verhindern könnten.

Auch im Gebäude hält sich der Andrang in Grenzen. Journalisten und ein paar Bekannte sind gekommen. Die hinteren Reihen sind fast leer. Um kurz nach elf nimmt Ursula Sarrazin in der ersten Reihe Platz, kurz später betritt ihr Mann den Raum. Nüchtern und grußlos tritt er auf die Bühne und hält den Fotografen sein Buch "Wunschdenken" entgegen. Zwei Jahre nach "Der neue Tugendterror" liefert er sein neues Werk ab. "Ihn umstritten zu nennen, ist untertrieben", sagt Verlagsleiter Thomas Rathnow stolz.

Sarrazin muss erst einmal warten. Eine halbe Stunde lang reden andere. Rathnow warnt davor, umstrittene Autoren wie Rüdiger Safranski oder Henryk Broder zu diskreditieren. Bei der DVA sind sie froh, Sarrazin zu haben, verspricht er doch Aufmerksamkeit und hohe Verkaufszahlen. Dann tritt Andreas Rödder an das Mikro. Der Historiker, der Mitglied im Schattenkabinett der rheinland-pfälzischen CDU-Politikerin Julia Klöckner war, ist gekommen, um das neue Sarrazin-Buch vorzustellen.

Sarrazin "nicht seriös"?

Rödders Kritik ist nicht ausschließlich positiv. Ihm missfallen Sarrazins Ausführungen über die Erblichkeit menschlicher Intelligenz und kultureller Verschiedenheit. Rödder glaubt den Studien nicht, mit denen Sarrazin dies belegen will. "Für alles gibt es eine Studie und Statistik und ebenso für fast jedes Gegenteil." Rödder wirft Sarrazin vor, zu knapp zu argumentieren, viele seiner Aussagen blieben im Ungefähren. Seine Argumentation sei an einigen Stellen "nicht seriös". Harte Kritik. Sarrazin lauscht den Ausführungen. Was er davon hält, ist dem früheren Berliner Finanzsenator nicht anzusehen. Doch Rödder lobt auch. Die Stärke des Buches liege darin, wie Sarrazin das Scheitern der Politik an Wunschdenken, Selbst- und Fremdwahrnehmung entlarve. Wie er Leitlinien für gutes politisches Handeln entwickele.

Und dann darf Sarrazin sprechen. "Ja, guten Tag", sagt er und dankt für die kritische Würdigung. Kritik sei gut, auf Rödders Einwände geht er jedoch nicht ein. Er sei häufig gefragt worden, ob er auch mal darüber schreiben könne, wie man es besser machen könne und nicht nur was schlecht sei. "Das Gute und Richtige ist tendenziell weniger eindeutig als das Schlechte, Falsche oder Fehlerhafte", zitiert er aus der Einleitung seines Buches. Im Mittelpunkt von "Wunschdenken" stehen die Fehler deutscher Politik in den vergangenen Jahrzehnten. Dass sich das Schreiben des Buches mit dem "größten Fehler" deutscher Nachkriegspolitik überschnitten habe, sei Zufall gewesen, sagt Sarrazin. Er attestiert Kanzlerin Angela Merkel verantwortungslose Politik, indem sie die ungeregelte Einwanderung eingeleitet und jegliche Bedenken beiseite gewischt habe. Sarrazins These: Herkunft und Abstimmung entscheiden über den unterschiedlichen Erfolg von Gesellschaften. "Das gefällt vielen nicht, aber es ist Fakt." Ausführlich und bisweilen etwas langatmig und trocken doziert er aus einzelnen Kapiteln. Nur selten weicht er von den Formulierungen in seinem Buch ab.

Was sich Sarrazin von der Veröffentlichung erhofft? Offenbar nicht viel. "Ich hege keine größere Hoffnung, dass sich die Politik ausgerechnet an meinen Vorstellungen ausrichten wird. Aber wenn es ein bisschen hilft, ist es ja besser als nichts", so Sarrazin. "Wenn es nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, wird weder Deutschland noch die Welt untergehen." Ein bemerkenswertes Eingeständnis des Mannes, der auch durch seine apokalyptischen Prognosen bekannt geworden ist. Ein wenig Eitelkeit blitzt auch in der anschließenden Diskussion immer wieder durch. Fragt man Sarrazin nach Beispielen guten Regierens, berichtet er gern und ausführlich über Leistungen aus seiner Zeit als Berliner Senator.

"Was immer du tust, bedenke das Ende"

In einem Interview hatte Sarrazin etwas großspurig erklärt, es gäbe die AfD nicht, wenn die etablierte Politik seine Warnungen beherzigt hatte. Dem Eindruck, dass er über den Erfolg rechter Parteien triumphiere, widerspricht er. Die herrschenden Parteien hätten Probleme zu lange ignoriert und böten keine Alternativen mehr an. Über die SPD, deren Mitglied er immer noch ist, sagt Sarrazin: "Wenn sie nicht aufpasst, werden Ergebnisse von 10 bis 15 Prozent wie in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg zur Regel werden." Als Abrechnung versteht Sarrazin sein Buch aber nicht. Seine Entlassung als Bundesbankvorstand auf Betreiben der Kanzlerin habe dazu geführt, dass er um seine bürgerliche Existenz habe kämpfen müssen, sagt er. In Merkels Handeln in der Flüchtlingskrise sehe er "gewisse geistige Parallelen". Das Thema sei für ihn jedoch erledigt.

Ob das wirklich so ist? Keinem anderen Thema widmet sich Sarrazin in seinem Buch so ausführlich wie dem vermeintlichen Scheitern der Politik der Kanzlerin. "Was mich an Angela Merkel verstört, ist, dass praktisch ihre hohe Intelligenz, Fachkunde und Fähigkeit, sich in ein Problem einzuarbeiten, solch eine Entscheidung unmöglich hätte machen müssen." Die Merkel-Schelte verspricht gute Verkaufszahlen. Ganz ohne Krawall geht es eben nicht. Auch wenn die Flüchtlingszahlen zurückgehen, ist das Timing der Veröffentlichung günstig.

Nach eineinhalb Stunden ist Schluss. Ein paar Freunde und Bekannte begrüßen Sarrazin und lassen sich das Buch signieren. Auf Wunsch auch mit Widmung. "Was immer du tust, handele klug und bedenke das Ende", schreibt Sarrazin in ein Buch und zitiert sofort die lateinische Version des Sprichwortes. "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem." Ohne die Miene zu verziehen, begrüßt Sarrazin einen Mann. "Es ändert sich einiges. Sogar die 'Süddeutsche' hat eine positive Rezension geschrieben", sagt er, während er sein Autogramm in das Buch setzt. Ob ihn das nun wirklich freut oder nicht, ist ihm nicht anzusehen.

Quelle: n-tv.de

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