Politik

"Es ist ein Trauerspiel" Die FDP-Frauen und das böse Q-Wort

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Nur 3 von 18 Präsidiumsmitgliedern der FDP sind weiblich - hier Generalsekretärin Beer (l.) neben Parteichef Lindner (M.) und Vize Kubicki.

(Foto: imago/Emmanuele Contini)

Was ist da schiefgelaufen? Die FDP diskutiert auf ihrem Parteitag über das so ungeliebte Q-Wort - eine Quote für Frauen. Die Not ist groß. Und offenbar brodelt es.

Nun ist sie also auch in der FDP angekommen: Die Erkenntnis, dass Frauen wichtig sein können. "Ein sinkender Frauenanteil ist für die Marke der neuen FDP nicht förderlich", hieß es bereits im April in einer Beschlussvorlage für das Präsidium. Und Parteichef Christian Lindner erklärt nun in seiner Parteitagsrede in Berlin vor 662 Delegierten - von denen 155 weiblich sind: "Weil wir wachsen wollen, müssen wir bei Frauen stärker werden." Seit den 1970er-Jahren habe die Partei hier ein ungehobenes Potenzial.

Das ist beschönigend ausgedrückt. Tatsächlich hat die Partei ein echtes Frauenproblem. Auch wenn Lindner in seiner Rede die FDP als "die wirkliche Alternative für Frauen" preist, sehen diese das offenbar häufig anders. Gerade mal 3 von 18 Präsidiumsmitgliedern sind weiblich, nur eine Landesvorsitzende ist eine Frau und der Frauenanteil in der Partei liegt inzwischen bei 21,9 Prozent. Das ist der niedrigste Wert der vergangenen 30 Jahre. Richtig düster sieht es bei den Neumitgliedern aus: Da liegt die Quote bei 18,5 Prozent.

Um das zu ändern, hat der Vorstand im April eine Arbeitsgruppe "Diversity Management" eingesetzt. Sie soll Maßnahmen entwickeln, "um mehr weibliche Mitglieder und Wähler zu gewinnen". Außerdem führte die Partei Anfang Mai unter weiblichen Mitgliedern eine Umfrage durch, deren Ergebnisse sie in Berlin beim "Female Morning Meeting" vor dem offiziellen Beginn des Parteitags vorstellte. Man wollte wissen, woran es hakt, wenn sich Frauen in der Partei nicht richtig engagieren. Dabei stellte die Partei ihren weiblichen Mitgliedern viele Fragen, nur eine Frage stellte sie nicht: Soll es eine Quote geben für Frauen?

"Schlimmste Strafe in der Partei"

Das Thema ist heikel, geißeln doch viele in der Partei eine Quote in Wirtschaft und Politik als Zeichen von Bevormundung und Gängelung. Die Generalsekretärin Nicola Beer sagte im ZDF: "Eine Quote ist immer eine Krücke." Lindner selbst betont nun auf dem Parteitag, dass die einfachsten Instrumente "nicht immer die besten Instrumente" seien.

Quoten-kritisch ist auch Ria Schröder, die neue Vorsitzende der Jungen Liberalen. "Eine Quote ist ein Zeichen von Resignation", sagt sie im Gespräch mit n-tv.de. "Eine Symbolhandlung, die keine nachhaltige Veränderung bringt." Die Jungen Liberalen wollten nicht, dass Frauen auf ihr Geschlecht reduziert würden. Dabei ist der Vorstand der Julis inzwischen auch mehrheitlich weiblich, ganz ohne Quote.

Dass die Partei radikalere Maßnahmen durchführen muss, glaubt dagegen FDP-Urgestein Gerhart Baum. "Es geht nicht ohne eine Quote", sagt er n-tv.de. Er verfolge die Versuche, Frauen zu fördern, seit Jahrzehnten. "Alle waren erfolglos. Es ist ein Trauerspiel, was da läuft." Dass sich nun gerade Frauen in der Parteispitze nicht für eine Quote erwärmen, sieht er vor allem in einer Tatsache begründet: "Frauen, die etwas geworden sind, sagen, andere sollen es genauso schwer haben." Neben der Quote brauche es aber auch ein für Frauen akzeptables Klima. Außerdem müsse die Partei Themen behandeln, die Frauen interessierten, so Baum.

Dass das Klima für Frauen noch nicht optimal ist, zeigt sich beim "Female Morning Meeting". Da beklagt etwa eine Liberale aus Bayern, dass die Männer ständig vom Frauenstammtisch ferngehalten werden müssten, weil sie den "unliberal" fänden. Eine andere Teilnehmerin aus Berlin kritisiert: "Die schlimmste Strafe in der Partei ist, wenn sie frauenpolitische Sprecherin werden. Dann haben Sie irgendwas falsch gemacht." Jennifer Miksch aus dem Vorstand des Ortsvereins Berlin-Mitte, die sich in einer Mentorengruppe mit liberalen Frauen berät, sieht ebenfalls viele Schwierigkeiten. So hätten Frauen über Mobbing im Ortsverband und ganz viel Gegenwind berichtet, sagt sie. Und der Begriff Quote gelte immer noch als "Unwort des Jahrzehnts".

"Dabei brodelt es"

Manche Frauen, die sich lange keine Quote vorstellen konnten, haben dagegen inzwischen ihre Meinung geändert. "Ich war früher auch gegen eine Quote", sagt die Delegierte Mona Model-Faber aus Sachsen-Anhalt. "Aber jetzt glaube ich, dass wir ergebnisoffen darüber diskutieren müssen." Es dürfe kein politisches "No-Go-Thema" sein. Sie selbst habe als Frau zwar kein Problem, aber sie sehe die Zahlen. Und manche Frauen bräuchten einen Schubs. Allerdings müssten Frauen auch lernen, "dass Kungeln und der Wunsch nach Positionen kein Charakterfehler sind".

Einer der wenigen Männer, die zum "Female Morning Meeting" kommen, ist Julius Freytag-Loringhoven, Koordinator der Ortsgruppe Moskau und Leiter des dortigen Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung. Ihn erschrecke besonders das Gefühl in Teilen der Partei, dass es gar kein richtiges Problem gibt, sagt er. "Dabei brodelt es." Und er betont, dass er "in keiner Männerpartei" sein wolle.

In den nächsten Monaten beschäftigen sich nun verschiedene Gruppen in der FDP mit der Frauenförderung. Im November soll dem Präsidium ein Abschlussbericht vorgelegt werden, beim nächsten Parteitag wird dies dann ein Thema sein. Immerhin hat die Partei auf diesem Parteitag schon eine praktische Maßnahme eingeführt, die manche Frauen beruhigen dürfte: So wurden für das zweitägige Treffen in Berlin sechs Vertrauenspersonen - vier Frauen und zwei Männer - berufen. An diese können sich Delegierte wenden, wenn sie sich "verbal oder auch körperlich" belästigt fühlen.

Quelle: n-tv.de

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