Mit Schusswaffen zum ProtestDie Fälle Pretti und Rittenhouse: Die Doppelmoral des Kash Patel

FBI-Direktor Patel wird deutlich: Der in Minneapolis getötete Alex Pretti kann nicht friedlich gewesen sein, weil er eine Waffe zum Protest mitbrachte. Vor wenigen Jahren sieht er das noch ganz anders und verteidigt einen jungen Todesschützen. Der ist allerdings Trump-Anhänger.
Die US-Regierung ist vielstimmig darum bemüht, die Tötung von Alex Pretti durch ICE-Agenten als Notwehr darzustellen. Der erschossene 37-Jährige sei demnach eine Gefahr für die Agenten gewesen, wie Heimatschutzministerin Kristi Noem behauptete. Steven Miller, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus, bezeichnete ihn gar als "Attentäter". Der Leiter der Grenzpatrouille, Gregory Bovino, äußerte sich ähnlich und verwies darauf, dass Pretti eine Waffe trug. "Die Strafverfolgungsbehörden greifen niemanden an", behauptete er zudem.
Ganz klar liegt der Fall auch für FBI-Chef Kash Patel. Er sagte bei Fox News schlicht: "Niemand, der friedfertig sein will, kommt mit einer Schusswaffe mit zwei Magazinen zu einem Protest". Diese Aussage irritiert, weil Patel dies vor einigen Jahren in einer vergleichbaren Situation gänzlich anders sah: im Fall von Kyle Rittenhouse. Der damals 17-Jährige hatte im August 2020 mit einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr in Kenosha zwei Männer getötet und einen weiteren verwundet.
Konkret sagte Patel zur Tötung von Alex Pretti: "Du kannst keine Schusswaffe, geladen, mit mehreren Magazinen, zu jedweder Art von Protest mitbringen. Es ist ganz einfach. Du hast nicht das Recht, das Gesetz zu brechen". Welchen Rechtsbruch Patel meint, ist unklar. Fakt ist, dass Alex Pretti eine Erlaubnis zum Tragen der Waffe besaß. Das bestätigte der Polizeichef von Minneapolis, Brian O'Hara. Er hätte die Waffe sogar offen sichtbar tragen dürfen, was er nicht tat. Gegen welches Gesetz er also verstoßen haben soll, kann nur Patel erklären. Auch wenn Stephen Miller ihn darüber hinaus als "inländischen Terroristen" beschimpfte, ist wichtig festzuhalten, dass Pretti keinerlei Vorstrafen hatte. Zudem wohnte er unweit des Ortes, an dem er erschossen wurde, was im Vergleich mit dem Fall Rittenhouse nicht ganz unwesentlich ist.
Rittenhouse trug seine Waffe illegal
Wie stellte sich der Fall Kyle Rittenhouse 2020 dar? Der damals 17-Jährige aus Antioch, Illinois, fuhr nach Kenosha im Nachbarbundesstaat Wisconsin zu einem Freund. Die Strecke beträgt rund 30 Kilometer. Rittenhouse war also nicht in seiner Nachbarschaft unterwegs, wie Pretti nun. In Kenosha gab es seinerzeit wütende Proteste, nachdem ein Polizeibeamter den schwarzen US-Bürger Jacob Blake mit zahlreichen Schüssen verletzt hatte. Blake wurde wegen sexueller Nötigung gesucht und widersetzte sich bei seiner Festnahme den Polizisten. Dabei soll er auch mit einem Messer auf die Beamten losgegangen sein. Blake ist seit den Schüssen von der Hüfte abwärts gelähmt.
Rittenhouse und sein Bekannter, Dominick Black, begaben sich in die Nähe der Orte, an denen in den Nächten zuvor teils gewaltsame Ausschreitungen stattfanden. Beide waren bewaffnet, trugen ihre Waffen ganz offen. In Rittenhouses Fall, eine AR-15. Die durfte er als unter 18-Jähriger allerdings zwar besitzen, aber nicht erwerben - anders als Pretti seine Sig Sauer. Black soll ihm die Waffe gegeben haben. Rittenhouse und Black schlossen sich einer Gruppe von Personen an, die von sich behaupteten, sie wollten Geschäfte vor Plünderungen schützen. In der Folge kam es zu Auseinandersetzungen mit Demonstranten. Rittenhouse erschoss einen Mann, der eine Plastiktüte in seine Richtung warf, und einen weiteren, der versuchte, ihn zu entwaffnen, wie NBC Chicago seinerzeit berichtete. Im Anschluss daran verwundete er einen dritten Mann. Rittenhouse berief sich auf Notwehr, kam aber vor Gericht.
Patel unterstellt Kampagne gegen Rittenhouse
Im Falle von Kyle Rittenhouse sprach Patel, seinerzeit stellvertretender Direktor des Nationalen Geheimdienstes (ODNI), von einer Verleumdungskampagne gegen den 17-Jährigen. Viel mehr noch machte er deutlich, dass er Geld sammeln werde, um Rittenhouse in seinem Prozess zu unterstützen. Er wolle mit seinem Team dafür sorgen, dass Rittenhouse seinen Namen reinwaschen könne, sagte er damals in einem Interview. Patel soll zudem behauptet haben, Rittenhouse würde nur verfolgt, weil er ein Anhänger von US-Präsident Donald Trump ist.
Auch der US-Präsident selbst machte sich für den 17-Jährigen stark. Er empfing ihn und seine Mutter in seiner Residenz Mar-a-Lago. Er posierte für Fotos mit Rittenhouse und nannte ihn einen "netten, jungen Mann". Am Ende hatte Rittenhouse Erfolg. In einem umstrittenen Urteil sprach eine Jury ihn frei und folgte seiner Darstellung, er habe in Notwehr zwei Männer erschossen und einen weiteren verwundet.
Dabei tat Rittenhouse genau das, was Patel im Fall von Alex Pretti nun als gesetzeswidrig darstellt: Er kam zu einem Protest mit einer geladenen Waffe. Die trug er, anders als Pretti, für jeden sichtbar. Er behauptete zwar, Menschen schützen zu wollen, hatte aber zu den Geschäftsbesitzern überhaupt keine Beziehung. Einige erklärten laut "Kenosha News" gar, sie wollten keinen Schutz durch ihn und die bewaffneten Männer haben. Rittenhouse war 30 Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt. Er hatte sogar seinen Bundesstaat verlassen. Pretti hingegen wohnte nicht weit von dem Ort entfernt, an dem er erschossen wurde. Zudem trug Pretti seine Waffe ganz legal. Rittenhouse hingegen durfte als 17-Jähriger eine AR-15 zwar führen, aber nicht erwerben.
Pretti versuchte, zwei Frauen vor einem sie bedrängenden ICE-Agenten zu schützen. Er wurde zu keiner Zeit gegen die Agenten gewalttätig und rührte seine Waffe in der Auseinandersetzung nicht einmal an. Er verletzte niemanden. Rittenhouse dagegen feuerte mehrere Schüsse auf drei Männer ab und tötete zwei von ihnen. Laut Patel darf aber nur einer von beiden nicht bewaffnet zu einem Protest kommen, der anderen hingegen muss genau für diesen Umstand sogar unterstützt werden.