Winter des Horrors erwartetIn Kiew lautet die Frage der Stunde: Gehen oder bleiben?

Vor dem anstehenden Winter intensiviert Russland seine Angriffe auf Kiew mehr denn je. Millionen Ukrainer stehen vor der Frage: Packen sie noch einen Winter unter Beschuss, ohne Strom und Wärme? Die Menschen kommen zu ganz unterschiedlichen Schlüssen.
Kastanien zieren die Wege in Kiew, die Bäume tauchen die Truchaniw-Insel in ein buntes Gewand und noch wärmt die Oktobersonne einseitig die Straßenzüge. Doch längst rattern dort die Generatoren, es riecht nach Benzin. Fast den ganzen Donnerstag lang gab es in weiten Teilen der Hauptstadt keinen Strom, der Nahverkehr kam zum Erliegen, am Abend versank die Millionenstadt in Dunkelheit. Es war die erste großflächige Notabschaltung durch das Energieunternehmen Dtek in diesem Herbst. Das Gesprächsthema Nummer Eins in den Cafés, Wohnzimmern und Büros: Der anstehende Winter.
Der Altweibersommer tröstet nicht darüber hinweg, dass die Energieangriffe Russlands zehn Tage früher begannen als im Vorjahr. Der letzte Horrorwinter steckt vielen hier noch in den Knochen: Die Temperaturen sanken auf Minus zwanzig Grad, während Russland gezielt die Energieversorgung der Hauptstadt angriff und es vielerorts zu Ausfällen von Strom und Heizungen kam. "Die Stromausfälle waren nicht das Problem, damit komme ich klar. Aber die Kälte - das ist schwer auszuhalten", sagt Kristina Musychenko. "Wir hatten Eis an den Fenstern, so kalt war es."
Die 21-jährige studiert Philosophie an der Kiew-Mohyla Akademie und schauspielert nebenbei. Mit ihrem Freund Maksym Kozakevych richtete sie im vergangenen Winter ein Zimmer ihrer Wohnung im Zentrum so ein, dass es sich auf 19 Grad heizen ließ. "Das hört sich nicht so kalt an. Aber die Feuchtigkeit hat es schlimmer gemacht." Der Rest der Wohnung kühlte auf unter drei Grad ab. "Wir scherzten, dass das Essen im Kühlschrank es wärmer hatte, als wir", sagt der 26-jährige Produktmanager.
Drei elektrische Heizungen ließen die Stromrechnung auf das Vierfache steigen. Wasserleitungen platzten, das Café im Erdgeschoss wurde überflutet, in der Wohnung breitete sich Schimmel aus. Kristina, die sich kurz vor Wintereinbruch ein Bein gebrochen hatte, ging kaum noch vor die Tür. "Mental war das schwer auszuhalten." Dieses Jahr wollen die beiden vorsorgen: Sie planen, vorübergehend nach Lwiw im Westen des Landes zu ziehen. "Nur für den Winter. Wir kommen auf jeden Fall zurück", sagt Kristina. Wann sie umziehen, hängt auch davon ab, wann ihre Universität auf Online-Lehre umstellt.
Wie Maksym und Kristina geht es vielen Menschen im Land: Rund 40 Prozent der Ukrainer erwägen, diesen Winter umzusiedeln, sollte sich die Lage im Land deutlich verschlechtern. Dies ergab eine Umfrage des Forschungsinstituts Gradus von Mitte September, das 1000 Ukrainern im Alter von 18 bis 60 Jahren befragte, die in Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern leben - besetzte und umkämpfte Orte ausgeschlossen.
"Ich habe Angst vor einem zweiten Mariupol"
Die Befürchtungen sind nicht unbegründet. Nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes plant Russland, die Strom- und Wärmeversorgung ukrainischer Großstädte um bis zu 90 Prozent zu reduzieren. Zu den priorisierten Zielen zählen demnach Stromerzeugung und -versorgung, Wasser, Abwasser und Heizung. Energieminister Denys Schmyhal stellte die Informationen am 17. September bei einem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe in Paris vor. Nach Recherchen des Projekts "Schemy" von Radio Liberty umfasst Russlands geplante Winterkampagne insgesamt 60 Ziele. Dazu gehören demnach wichtige Knotenpunkte nahe der Westgrenze der Ukraine, darunter auch Kernkraftwerke.
Doch nicht nur die Energieangriffe bereiten den Kiewern sorgen. Seit August nimmt Russland verstärkt zivile Ziele ins Visier: Wohnhäuser, Entbindungsstationen, Kindergärten, Kultureinrichtungen und zuletzt die Nationale Akademie der Wissenschaften. Statt nur nachts, gibt es nun auch tagsüber Luftalarm. Wegen der ständigen Sirenen und Explosionen im Alltag erinnere das Leben in Kiew zunehmend an eine Frontstadt, schreiben die Menschen in den sozialen Netzwerken. Im September feuerte Russland mehr als 6700 Drohnen auf die Ukraine ab. Insgesamt verbrachten die Einwohner Kiews 242 Stunden und 40 Minuten unter Luftalarm - rund ein Drittel des Monats.
"Vor den anhaltenden Drohnenangriffen im August und September dachten wir noch, wir würden in Kiew bleiben", sagt Kristina. Sie und ihr Freund erwogen, Trinkwasserfässer zu kaufen, eine weitere elektrische Heizung anzuschaffen und Lebensmittel zu bevorraten. Doch dann änderte sich die Einschätzung. "Wir merkten, es macht keinen Sinn mehr."
Ausschlaggebend war für Kristina das Gespräch mit einer Freundin, die 2022 die russische Besatzung Mariupols erlebt hatte. "Sie sagte mir, sie hätte Angst vor einem zweiten Mariupol - das öffnete mir die Augen. Und neuerdings greifen sie die Brücken an. Das ist ein weiterer Weckruf."
"Es geht darum, psychischen Druck aufzubauen. Sie verstehen, dass sie an der Front nicht gewinnen können. Also versuchen sie, das Hinterland anzugreifen, damit die Leute in Kiew, Lwiw und anderen Städten fordern, dass der Krieg um jeden Preis beendet wird", glaubt Maksym.
"Es ist einfach schwer, hier zu leben"
"Aber wir Ukrainer verstehen, welchen Preis wir für so eine Art von 'Frieden' zahlen müssten: Menschen würden weiter getötet, denn die Russen sind Tyrannen." Kristina zieht es eigentlich ins Ausland. "Das wäre auf jeden Fall meine erste Wahl." Doch ihrem Freund zuliebe bleibt sie in der Ukraine. Die Belastung ist groß. "Ich muss zum Psychiater, weil ich Antidepressiva nehme. Ohne sie komme ich mit der Situation hier nicht zurecht", sagt sie. "Es ist einfach schwer, hier zu leben."
Auch im Freundeskreis der beiden wird intensiv über Weggehen und Bleiben diskutiert. Etwa zehn Prozent hätten sich bereits für einen Umzug entschieden, schätzt Maksym. Viele andere versuchten herauszufinden, ob sie den Winter in Kiew bewältigen könnten. Für manche sind Studium und Arbeit entscheidend. Andere suchen nach Alternativen im Umland. Bekannte hätten alte Häuser in Dörfern gekauft, erzählt Maksym. Dort gebe es Brunnen und die Möglichkeit, mit Feuer zu heizen. Doch nicht jeder könne sich einen solchen Rückzugsort leisten. Auch die Wohnkosten im Westen des Landes seien stark gestiegen.
Konserven, Internet und Freunde
Der 23-jährige Josef (Name geändert) ist Soldat und kürzlich zum Dienst in seine Heimatstadt Kiew zurückgekehrt. Für den Winter ist er mit seiner Freundin in eine neue Wohnung gezogen, die über eine autonome Stromversorgung verfügt. Weitere Vorbereitungen sind noch offen.
Weil er mögliche Angriffe auf das Internet befürchtet, denkt er über die Anschaffung eines Starlink-Terminals nach. Freunde hätten unabhängige Heizquellen installiert. Er selbst erwägt, Konserven und Nudeln einzulagern. Dass Lebensmittel vollständig knapp werden könnten, glaubt er nicht. Wichtiger sei die mentale Vorbereitung. "Man muss mental vorbereitet sein und gute Menschen um sich versammeln, damit man sich in einem harten Winter nicht einsam fühlt", sagt Josef.
"Ich bin das Sicherheitspersonal meines Kindes"
Oksana Halushka, 33, will vorerst in Kiew bleiben. Sie arbeitet beim Museum für Kindheit im Krieg. Die Sammlung muss an einen sicheren Ort gebracht werden, zugleich braucht das zehnköpfige Team einen geschützten, warmen Arbeitsplatz für den Winter.
Auch zu Hause plant Oksana vorausschauend. Ihre Wohnung soll bei Stromausfällen möglichst funktionsfähig bleiben. "Es geht zunächst um grundlegende Dinge, dass die Wohnung ausreichend Licht hat, einen Weihnachtsbaum vielleicht, dass alles repariert und instandgesetzt ist und am besten automatisiert funktioniert. Zum Beispiel schaltet der Wi-Fi-Router sofort auf den Batteriebetrieb um. Und ich weiß jetzt, dass ich meine Waschmaschine über die Eco-Flow-Batterie im Kaltbetrieb starten kann. Das ist super hilfreich."
Besonders wichtig sind Vorräte und Medikamente. Bei Strom- und Internetausfällen können auch Zahlungssysteme ausfallen. Als alleinerziehende Mutter eines zwölfjährigen Sohnes will sie zudem unabhängig vom öffentlichen Nahverkehr bleiben. Sie nutzt ihr Auto, um den Alltag möglichst auf die rechte Dnipro-Seite zu konzentrieren, wo sie wohnt. "Es geht darum, sicherzustellen, dass man keine zusätzlichen Belastungen und Logistikaufwand hat, weil der Winter hart - quasi eine Liste an Unannehmlichkeiten - sein wird und man nur über begrenzte Ressourcen verfügt."
"Letzten Winter kam ich zum Schluss, dass man sein ganzes Leben auf einem so kleinen Radius halten sollte wie möglich", sagt sie. Schule, Apotheke, Krankenhaus und Lebensmittelgeschäfte sollten möglichst nah beieinanderliegen. Auch die Angriffe auf Brücken machen kurze Wege für sie wichtiger.
Bleiben, solange es geht
Angesichts der andauernden Drohnenangriffe, darf ihr zwölfjähriger Sohn nur noch selten raus, schläft jede Nacht im Flur. "Das ist wie ein Abenteuer für ihn, zum Glück. Er weiß, dass er bei Luftalarm zu Hause bleiben muss." Für Oksana ist die ständige Gefahr dennoch eine enorme Belastung. "Der Kopf will die permanente Gefahr ausblenden. Man muss trotzdem bei jedem Alarm prüfen, wie die Lage ist. Ich bin das Sicherheitspersonal meines Kindes." Um mit dem Druck umzugehen, hat sie eine Therapie begonnen. "Das ist essenziell für alle, die das hier durchmachen. Denn wenn mein Sohn mental zusammenbricht, hat er mich. Wenn ich zusammenbreche, hat er niemanden sonst."
Trotzdem will Oksana bleiben. Ein Leben komplett zu verlagern, sei nicht einfach. Freundschaften und gewachsene Strukturen seien gerade in Kriegszeiten wichtig. Ein Umzug mit Kindern könne zudem die Eltern an ihre Grenzen bringen: "Wenn du mit Kindern umziehst, bist du alles für sie. Und es erschöpft dich auch, denn du kannst nicht Freund, Elternteil und ständiger Begleiter in einem sein." Für den Notfall hat sie vorgesorgt. Ihre Eltern leben im Westen des Landes, ihr Sohn ist dort jederzeit willkommen. Auch Freunde im Ausland haben angeboten, sie notfalls aufzunehmen.
Dass viele Ukrainer trotz der verschärften Angriffe durchhalten wollen, zeigt eine Anfang Oktober veröffentlichte Studie des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS): 62 Prozent wollen so lange wie nötig Widerstand leisten. 79 Prozent glauben weiterhin an einen Sieg der Ukraine. Oksana sagt: "Das hier ist unser Zuhause. Deshalb bleiben wir, solange es geht."

