Politik

Emotionen am Wahlabend Die Tränen der Angela Merkel

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Alle klatschen begeistert, als Laschet die scheidende Kanzlerin für "16 gute Jahre für Deutschland" lobt.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Armin Laschet versucht, seine krasse Niederlage in einen Sieg umzumünzen - und wird dafür gefeiert. Seine Anhänger im Adenauer-Haus zeigen, dass nicht nur die Kanzlerin entrückt ist.

Da stehen sie, die Verlierer, und benehmen sich allesamt wie Gewinner. Armin Laschet trägt einen Armin-Laschet-Anzug mit Armin-Laschet-Krawatte, Angela Merkel ein Angela-Merkel-Kostüm in Angela-Merkel-Himmelblau. Zwischen ihnen steht eine Frau in einem Kleid, das man vom Stil her eher bei einer Party der Grünen vermuten würde. Es passt zu der Frisur seiner Trägerin: blonder Sturzel-Kamm, an den Seiten ausrasiert, wie man es von Frauen im ZDF-"Fernsehgarten" kennt, die in der Provinz wohnen und Mainz für eine Großstadt halten.

Vorschriftsmäßig tragen die Christdemokraten auf der Bühne des Konrad-Adenauer-Hauses Masken. Auch die Frau mit der - gemessen an CDU-Verhältnissen - wilden Frisur. Allerdings würde auch ohne Mundschutz kaum jemand sie erkennen. Es ist Silvia Breher, die vermutlich unbekannteste stellvertretende CDU-Vorsitzende seit Gründung der Partei. Sie gehört zu Laschets vor gut drei Wochen präsentiertem "Zukunftsteam", dessen Zukunft bereits abgelaufen ist.

Laschet indes versucht, seine politische Zukunft zu retten. Zuerst schaut er aber in die Vergangenheit. Er zeigt sein schönstes Armin-Laschet-Lächeln. Man fragt sich, worüber er sich freut. Er und seine Union sind der absolute Wahlverlierer. Auf Laschets Konto geht ein Stimmenverlust von neun Prozentpunkten. Jeder im Saal an diesem Abend weiß genau, dass der Kanzlerkandidat die Hauptverantwortung dafür trägt. Trotzdem klatschen alle begeistert, erst recht, als Laschet die scheidende Kanzlerin für "16 gute Jahre für Deutschland" lobt.

"Ohne Amtsbonus ein harter Wahlkampf"

Hinter Laschet steht ein Christdemokrat, der beweist, dass auch Männer die Merkel-Raute beherrschen. Vielleicht ist es eine Merkel-Gedächtnis-Raute. Er löst sie, um Laschet und der Kanzlerin Beifall zu spenden. Auch sie freut sich. Hinter der Maske kann man ihr schönstes Angela-Merkel-Lächeln erahnen. Sie bedankt sich mit einem kurzen Angela-Merkel-Winken. Die Kanzlerin ist gerührt, in ihren Augen stehen Tränen. Es ist genug, dass man es sehen kann, wenn die Kamera nah genug an ihr dran ist. Wie immer hat sich die Frau im Griff. Kein Tropfen rinnt ihre Wange runter. Eine wie Merkel weint nicht, jedenfalls nicht öffentlich.

Auch Laschet flennt nicht. "Aber", sagt der CDU-Chef und wird vom anhaltenden Applaus gestoppt, weshalb er noch einmal lächelnd mit dem Kopf nach links auf Merkel deutet, wie man es von Familien-Shows im TV kennt, wenn der Moderator noch einmal pflichtschuldig auf das Objekt des Beifalls verweist, aber mit dem Kopf schon bei der nächsten Ansage ist. "Aber", setzt Laschet neu an, das Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem SPD-Kontrahenten Olaf Scholz zu erklären: "Uns war klar, ohne Amtsbonus wird das ein offener, harter, ein enger Wahlkampf. Und so ist es auch gekommen."

Danach beginnt Laschet mit der Mission, seine glasklare Niederlage in einen "klaren Auftrag" umzudeuten, "eine linksgeführte Regierung" zu verhindern - und zwar durch eine von ihm als Kanzler geführte "Zukunftskoalition, die unser Land modernisiert", also exakt das Land, das die soeben hochgelobte Kanzlerin nach 16 Jahren hinterlassen hat. Breher und die anderen Mitglieder aus Laschets zukunftslosem "Zukunftsteam" klatschen abermals begeistert. Nicht nur die Noch-Kanzlerin ist entrückt, das gesamte Adenauer-Haus ist es.

Das muss man erst einmal hinkriegen

"Wir müssen Gegensätze überwinden und Deutschland zusammenhalten", erklärt der Wahlverlierer. Er wirbt "für mehr Nachhaltigkeit in jeder Hinsicht: beim Klimaschutz und bei den Finanzen." Ein Leckerli (Nachhaltigkeit) für die Grünen, eins (Finanzen) für die FDP. "Wir brauchen eine Koalition, die" - noch ein Leckerli für die Grünen - "für Weltoffenheit steht und" - noch ein Leckerli für die FDP - "für marktwirtschaftliche Lösungen".

Im Wahlkampf malte Laschet erst das Bild von einem Deutschland, das dank seiner Fähigkeiten die Polarisierung überwinden kann. Dann pinselte er den rot-grünen Teufel an die Wand, der die Republik zur Vorhölle gefrieren oder, wenn sogar noch die Linke mitmischen darf, zum Reich ewiger Finsternis verkommen lässt. Nun, nur wenige Stunden nach der Wahl, umwirbt und umgarnt Laschet einen Bestandteil dieser Ausgeburt des Bösen: die Grünen.

Später in der Elefantenrunde von ARD und ZDF verkündet Laschet: "Was Frau Baerbock gerade beschrieben hat, das finde ich sehr hilfreich, dass man einfach mal sagt: Was wollen wir jetzt eigentlich erreichen." Annalena Baerbock hat im Wahlkampf ständig gesagt, was ihr "jetzt eigentlich" so vorschwebt. Da verdächtigte die Union sie noch, den Sozialismus einführen zu wollen. Nun soll sie ihre Partei dazu anhalten, Laschet zum Kanzler zu küren.

"Ich bin immer ein Mensch, der ans Gelingen denkt und der will, dass jetzt was Gutes für Deutschland entsteht", sagt der Wahlverlierer. Nach 16 Jahren Merkel, meint Laschet, sei die Zeit für einen "echten Neuanfang" gekommen, ein Bündnis, das "vielleicht diesem Land einen neuen Schub geben kann". Der Mann, der seine Partei an den Rand des Abgrunds geführt hat, stellt sich als Garant eines "echten Neuanfangs" dar - das muss man erst einmal hinkriegen.

Quelle: ntv.de

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