Reisners Blick auf die Front"Die Ukrainer drängen die Russen aus Kupjansk hinaus"

Putin will die Ukrainer mit Luftangriffen und Kälte brechen. Weil er an der Front zu wenig erreicht, sagt Oberst Reisner ntv.de. Putins Truppen werden in Kupjansk sogar zurückgedrängt.
ntv.de: Am Wochenende gab es erstmals Gespräche zwischen den USA, der Ukraine und Russland. Ergebnisse wurden nicht bekannt. Trotzdem ein guter Schritt?
Markus Reisner: Aus den USA kam zu diesem Treffen die Aussage, man sei mit Blick auf ein Ende des Krieges weitergekommen. Zudem hat Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj verkündet , mit Blick auf Sicherheitsgarantien gebe es konkrete Ergebnisse. Sie seien zwischen Washington und Kiew ausgearbeitet und unterschriftsreif. Positive Signale also von allen Beteiligten. Für diese Woche ist schon eine nächste Verhandlungsrunde angekündigt. Jetzt kommt das Aber: Noch immer bestehen große Herausforderungen. Das dreht sich im Kern um eine Frage, nämlich die des Territoriums.
Die zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche, oder?
Ja, die Ukraine ist bereit, den Konflikt entlang der jetzigen Frontlinie einzufrieren, möchte aber nicht noch mehr Territorium an die Russen abgeben müssen. Das bezieht sich konkret auf den Donbass. Der Kreml wiederum besteht darauf, den Donbass komplett zu bekommen. Zu diesem Konflikt gibt es offenbar ein Papier, dass vorschlägt, die Donbass-Gebiete, die bislang nicht von den Russen erobert wurden, von einer internationalen Truppe überwachen zu lassen. Das wäre also eine Art Pufferzone, in der keine der beiden Kriegsparteien präsent wäre. Dieser Ansatz wird diskutiert. Die Russen wenden allerdings noch eine andere Taktik an. Sie berufen sich auf etwas, das im August in Alaska besprochen worden sein soll.
Beim ersten persönlichen Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Russlands Diktator Wladimir Putin? Da gab es ja anschließend keine konkreten Ergebnisse.
Genau. Aber jetzt, und das ist eine typische russische Taktik, behauptet der Kreml, es habe dort eine Formel gegeben, irgendeine Zusage von Trump an Putin. Das kommt für alle überraschend und man fragt sich, woher diese Zusage stammen soll und was sie beinhaltet. Und warum sie zuvor kein Thema war. Allerdings hat Trump noch vor wenigen Tagen die Sichtweise bekräftigt, das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden sei nicht Putin, sondern Selenskyj. Zugleich muss man sehen, wie Putin gerade jetzt enormen Druck auf die Ukraine ausübt. Er hat erkannt, dass seine Armee auf der operativen Ebene, also entlang der Front, nicht genug Druck machen kann. Nicht in dem Maß, das man sich vorgenommen hatte.
Sie hatten vergangene Woche schon darauf hingewiesen, dass die Ukrainer den russischen Vormarsch recht erfolgreich verzögern.
Es gelingt den Russen kein spektakulärer Durchbruch, kein großer Erfolg. Im Gegenteil können die Ukrainer die Angreifer in einigen Regionen sogar mit Gegenangriffen recht effektiv zurückdrängen. In den Luftangriffen gegen die ukrainische Bevölkerung sehen wir nun die leider logische Eskalation der Russen, die durch das Abschneiden der Menschen von Wärme und Strom den Druck auf die Regierung in Kiew ausüben wollen, den sie an der Front nicht erzeugen können. Gerade in den vergangenen 14 Tagen waren die Luftangriffe gegen zivile Infrastruktur so massiv, dass sie deutlich zeigen: Putin will Selenskyj dazu zwingen, dem Angebot zuzustimmen, das auf dem Tisch liegt. Zugleich will er Trump glauben machen, dass die Ukraine kurz vor dem Fall sei. Dass es nichts mehr bringe, sie weiter zu unterstützen.
Wie gelingt es den Ukrainern, in der schwierigen Situation auch noch Gegenangriffe zu starten und Gebiete wie die Stadt Kupjansk mindestens teilweise zurückzuerobern?
Die meisten Menschen haben eine falsche Vorstellung von diesem Krieg. Man glaubt, es stünden sich Angreifer und Verteidiger in Schützengräben gegenüber, in durchgehenden Stellungen. Das ist nicht der Fall. Stattdessen sehen wir eine sehr große Grauzone, in der Stellungen ganz diffus verlaufen, in der kleine ukrainische Trupps versuchen, Gelände zu halten, während kleine russische Trupps diese Stützpunkte zu umgehen versuchen und in die Tiefe vorzustoßen.
Ist das die Situation in Kupjansk?
Genau. Hier ist eine überschaubare Zahl russischer Soldaten in der Stadt präsent. Wenn die Ukrainer aber gezielt, überlegt und mit Unterstützung von Drohnen vorgehen können, schaffen sie es, diese Trupps aus der Stadt herauszudrängen und relativ schnell Gebiete wieder in Besitz zu nehmen. Im Fall von Kupjansk gelingt das, wenn wir aber auf Pokrowsk schauen, sieht es anders aus.
Dort können die Ukrainer das Ruder nicht herumreißen?
Seit dem 18. Januar zeigen auch die ukrainischen Karten erstmals die gesamte Stadt unter Kontrolle der Russen. Die haben ihre kleinen Trupps hier so weit verstärkt, dass man in der Lage ist, das Stadtgebiet zu halten. Ähnlich sehen wir es auch bei Konstaninowka. Insgesamt bleibt die Situation aber diffus. Vergleichen wir etwa pro-russische Karten mit pro-ukrainischen, dann sehen wir im Mittelabschnitt der Front eine Differenz von bis zu 500 Quadratkilometern zwischen den Gebieten, die beide für sich beanspruchen. Das ist die graue Zone - von beiden umkämpft, und eigentlich weiß niemand so recht: Wer hat denn momentan die Oberhand? Vermutlich wissen das in einigen Abschnitten nicht einmal die Ukrainer oder Russen selbst.
Wie generiert man überhaupt ein Lagebild?
Beide Seiten stellen Videos von Drohneneinsätzen in die sozialen Netzwerke. Wenn wir diese georeferenzieren, wissen wir ungefähr, wo die Soldaten gerade stehen. Sehe ich angreifende ukrainische Truppen mitten in Kupjansk, dann bedeutet das, die Ukrainer sind momentan zumindest mit Teilen ihrer Sturmtrupps in der Stadt präsent. Sehe ich fast nur mehr ukrainische Angriffe auf die Russen am Nordostrand von Kupjansk, dann schließe ich daraus, dass die vordersten Stellungen russischen Truppen sich vermutlich nicht mehr in der Stadt befinden. Täglich kommt etwa ein Dutzend solcher Videos in sozialen Netzwerken an.
Mit Blick auf die zugleich immens hohe Zahl an rekrutierten Soldaten auf der russischen Seite - mehr als 400.000 nach russischen und ukrainischen Angaben - ist es erstaunlich, dass sie nicht deutlichere Erfolge verbuchen.
Es kämpfen natürlich nicht alle 400.000 an der Front. ein großer Teil ist für Logistik zuständig. Beide Seiten stimmen in dieser Analyse überein: Derzeit bestimmt nicht so sehr der Kampf in der Grauzone den Kriegsverlauf, sondern der Kampf um die Logistik. Sie müssen ihre Stützpunkte und Angriffstrupps permanent versorgen. Beide Seiten versuchen, sich gegenseitig diese Versorgungslinien zu durchtrennen. Auf russischer Seite ist das die bekannte Drohneneinheit Rubikon, auf ukrainischer Seite übernimmt das der Drohnenverband Magyar-Birds. Noch ein Punkt: Wenn Sie sich das Ausmaß der Frontlinie vergegenwärtigen - 1200 Kilometer- sind 400.000 Soldaten nicht mehr so viele. Laut dem ukrainischen General Syrskyj haben die Russen im Schnitt 35.000 bis 40.000 Mann Zulauf pro Monat. Entsprechend haben die Ukrainer das Ziel ausgegeben, monatlich 50.000 russische Soldaten zu töten, damit dieser Zulauf unterbrochen wird, damit die Russen ihre Verluste nicht mehr ausgleichen können. Methoden typisch für einen kräftezentrierten Abnützungskrieg.
Unser Ukraine-Ticker meldete jüngst, in russischen Geran-Drohnen seien Infineon-Chips gefunden worden, also Bauteile westlicher Herstellung. Wie kann das passieren?
Das überrascht mich nicht. Es zeigt, wie begrenzt die Effektivität von Sanktionen ist, wenn es darum geht, den Russen ganz gezielt gewisse Bauteile vorzuenthalten. Gerade dann, wenn diese Teile theoretisch auch für nicht-militärische Zwecke verwendbar sind, als klassische Dual-Use-Güter. Da muss man sich leider eingestehen: In unserer vernetzten Welt lassen sich solche Bauteile über unterschiedlichste Kanäle beschaffen. Denken Sie an Länder, die Russland umgeben – Kasachstan und Usbekistan etwa. Diese Länder beziehen die gewünschten Produkte aus dem Westen und verkaufen sie anschließend an die Russen. Damit kann man die Sanktionen problemlos umgehen. Erinnern Sie sich noch an die Operation Spiderweb?
Der großangelegte Drohnenangriff der Ukrainer gegen russische Luftwaffenbasen und Kampfjets aus dem vergangenen Sommer?
Genau. Damals haben die Ukrainer Drohnen auf russisches Gebiet geschmuggelt, aber nicht im Stück, sondern in verschiedenen Bauteilen, die erst auf russischem Gebiet zusammengebaut wurden. Die Einzelteile wurden unter anderem über die Nachbarländer nach Russland geschmuggelt. Exakt über solche Länder, die den Russen als Zwischenhändler Produkte verkaufen und daran gut verdienen. Genau diese Kanäle hat der ukrainische Geheimdienst genutzt, um die Bauteile heimlich nach Russland hineinzubringen. In diesem Fall wurden den Russen also ihre eigenen Schmuggelpfade zum Verhängnis. Das ist typisch für den Krieg im 21. Jahrhundert. Er verläuft vor allem in einer diffusen Grauzone. Von der taktischen bis zur strategischen Ebene.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer