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SPD nervös Die große Steinbrück-Schulz-Honecker-Show

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Peer Steinbrück gibt Martin Schulz ein paar Tipps für den Wahlkampf.

(Foto: imago/photothek)

Die SPD und ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz hadern mit schlechten Umfragen. Ausgerechnet jetzt lästert Peer Steinbrück über seine "verbiesterte" Partei. Statt ihn zu ignorieren, fetzen sich die Genossen. Sogar ein Altkanzler mischt mit.

Eigentlich gehörte das Wochenende dem Fußball. Dennoch gelang es zwei Personen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da ist die deutsche Schlagersängerin Helene Fischer, die unfreiwillig in den Mittelpunkt rückte, weil sie in der Halbzeitpause des Fußball-Pokalfinalspiels am Samstag ausgepfiffen wurde. Und da ist der frühere Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der gegen die eigene Partei stichelte. "Steinbrück & Helene Fischer - ihr habt ja alle Probleme. Geht mal raus und genießt den Sommer!", twitterte der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil am Sonntag. Nur war es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät.

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Was vielen Genossen die Stimmung verdorben hat, war ein Interview Steinbrücks in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Darin erklärte der 70-Jährige zunächst, seiner Partei keine Ratschläge geben zu wollen, mochte sich dann aber ein paar Seitenhiebe nicht verkneifen. Die Konzentration auf das Thema Gerechtigkeit sei zu einseitig, die SPD "manchmal manisch depressiv" und viele Genossen "häufig zu verbiestert". Die 100 Prozent für Schulz bei der Wahl zum SPD-Vorsitzenden nannte er "vergiftet". "Die Partei saß plötzlich auf Wolke sieben, es hat sich ein Realitätsverlust eingestellt und das Publikum hat sich gewundert: Steht da jetzt Erich Schulz-Honecker?"

Steinbrück geht im Juli gemeinsam mit dem Kabarettisten Florian Schröder auf Bühnentour. Das Interview ist PR für die Satireshow. Entsprechend flapsig ist der Gesprächston. "2025 wollte ich doch nochmal ran", sagt Steinbrück einmal, etwas später heißt es: "Was glauben Sie, welche Show ich erst morgens allein im Badezimmer abziehe?"

"Das ist mies"

Ausgerechnet Steinbrück. Den früheren Politiker und seine Partei verbindet seit jeher ein spezielles Verhältnis. Teile der SPD halten ihn für abgehoben und überheblich. Steinbrück bereitet es Vergnügen, in unregelmäßigen Abständen seinen Finger in die Wunde beziehungsweise die Genossen-Seele zu legen. Sein neuer Zwischenruf ist vielleicht nicht besonders hilfreich, aber wenig überraschend. Vieles hat man so oder so ähnlich von ihm schon gehört. Einiges hätte daher dafür gesprochen, das Gesagte einfach zu ignorieren. Umso erstaunlicher ist, wie allergisch viele Sozialdemokraten reagierten. Parteivize Ralf Stegner ätzte bei Twitter: "Andere, selbst an ihrer Hybris gescheitert, geben via Kommentaren der Partei, der sie (noch) angehören, unerbetenen schlechten Rat. Kurios." Auch Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, reagierte ungewohnt scharf: "Das ist mies. Charakterlich. Inhaltlich. Strategisch. Taktisch."

Sogar SPD-Altkanzler Gerhard Schröder schaltete sich ein. Steinbrück sei ein "Spießbürger, der versucht, sich einen intellektuellen Anstrich zu geben. Und das mögen wir nicht", das sagte Schröder laut "Bild"-Zeitung am Rande des Pokalfinals zu Vertrauten. Auch Schröder hat sich in seiner aktiven Zeit häufig mit der eigenen Partei angelegt. Allerdings hat keiner so provoziert wie Steinbrück. Unvergessen ist, wie der sich vor vier Jahren kurz vor der Wahl in Mittelfinger-Pose fotografieren ließ. Schulz hat als Parteichef wesentlich mehr Beinfreiheit als Steinbrück seinerzeit hatte. Er tritt als Kandidat anders auf, agiert vorsichtig und vermeidet vergleichbare Fettnäpfchen. Der Start der beiden verlief unterschiedlich. Steinbrück konnte damals nur träumen von einem Hype, wie Schulz ihn im Januar auslöste. Dennoch gibt es Parallelen. Damals wie heute hat der SPD-Kandidat mit den organisatorischen Schwächen des Wahlkampfes zu kämpfen.

Will die SPD?

Steinbrücks Einlassungen treffen die SPD zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Partei hat eigentlich genug Probleme, vor allem mit sich selbst. Die Schulz-Euphorie ist futsch. In den meisten Umfragen ist die SPD wieder auf 25 Prozent abgerutscht. Vor zwei Wochen verlor die Partei die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - die dritte Wahlniederlage in Folge. Anschließend misslang die Präsentation des Wahlprogramms. Die zwei wichtigsten Themen, Rente und Steuern, fehlten darin und sollen zu einem späteren Zeitpunkt nachgeliefert werden.

Vier Monate vor der Bundestagswahl wirken Schulz und die Partei nervös und überfordert. Will die SPD wieder den Kanzler stellen, kann sie überhaupt? Noch zu Jahresbeginn wirkte die Partei geschlossen, aber nun bröckelt die Disziplin. Eine öffentliche Selbstzerfleischung hat da gerade noch gefehlt. Bis zuletzt lästerten Sozialdemokraten über den Streit zwischen den Unionsparteien, nun dürften CDU und CSU sich genüsslich zurücklehnen. Für die unterhaltsame Steinbrück-Schulz-Honecker-Show.

Viel hätte deshalb wirklich dafür gesprochen, Steinbrück zu ignorieren und am Wochenende das schöne Wetter zu genießen. Stattdessen wird die Partei an ihr schmerzhaftes Scheitern vor vier Jahren erinnert. Und daran, dass Schulz & Co. im September 2017 mit jenen 25,7 Prozent, die Steinbrück damals geholt hat, vielleicht sogar zufrieden sein müssen.

Quelle: n-tv.de

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