Politik

Es wird eng Die lange, lange Brexit-Nacht

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Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt.

(Foto: REUTERS)

Es ist ein Wahlkrimi mit völlig ungewissem Ausgang. Beim Brexit-Referendum in Großbritannien gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Lange haben die Brexit-Anhänger die Nase vorn, dann holen die Brexit-Gegner auf. Doch wer gerade führt, schwankt von Minute zu Minute. Der Sender ITV wagt allerdings schon eine Vorhersage.

Noch am Tag vor der Wahl hatten die Umfragen einen Sieg der EU-Befürworter vorausgesagt. Doch der ist alles andere als gewiss. Nach Auszählungen in 176 von 382 Wahlkreisen liegen die Brexit-Befürworter vorn, wenn auch nur minimal. 51,12 Prozent der Briten sind demnach für einen Austritt aus der EU, 48,88 Prozent dagegen. In einer Analyse des Senders ITV nach mehr als 10 Millionen ausgezählten Stimmen wird die Wahrscheinlichkeit für einen EU-Ausstieg auf 75 Prozent beziffert.

Auszählung des EU-Referendums

Ausgezählt: 382 von 382 Wahlkreisen

 "Remain"

"Leave"

48,11

51,89

Das Brexit-Lager kommt insgesamt auf deutlich mehr Stimmen, als erwartet worden war. In weiten Teilen Englands liegen die Befürworter eines EU-Austritts klar vorn. Anders sieht es in London aus. Wie erwartet stimmt hier ein Großteil für "Remain". Ähnlich ist es in Schottland. Ein besonders klares Ergebnis für "Remain" gibt es in Gibraltar: In dem britischen Überseegebiet im Süden Spaniens votierten 96 Prozent für einen EU-Verbleib. Mit dem offiziellen Endergebnis wird zur Frühstückszeit gerechnet.

Eine erste Befragung des Institutes YouGov hatte noch unmittelbar nach Schließung der Wahllokale eine Mehrheit für einen Verbleib in der Europäischen Union gesehen. Demnach sprachen sich 52 Prozent der britischen Wähler dafür aus, in der EU zu bleiben, und 48 Prozent dagegen.

Die Ergebnisse schickten das Pfund und den Euro auf Talfahrt. Die britische Währung, die zwischenzeitlich ein Jahreshoch erreicht hatte, fiel von 1,50 Dollar und brach dramatisch ein. Auch der Euro stürzte ab.

US-Dollar / Britisches Pfund
US-Dollar / Britisches Pfund ,79

Der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei UKIP-Vorsitzende, Nigel Farage, der seit Jahren für einen Brexit kämpft, zeigte sich zunächst pessimistisch. Bei einer Wahlparty des Brexit-Lagers sagte er, er gehe nach privaten Umfragen, die von Finanzfirmen in Auftrag gegeben worden seien, von einem Votum gegen den von ihm gewünschten Brexit aus. "Ich hoffe und bete, dass mich heute Nacht mein Gefühl trügt." Zugleich kündigte er an, weiterzukämpfen: "Selbst wenn wir diese Schlacht verlieren, werden wir den Krieg gewinnen." Die Europäische Union sei zum Scheitern verurteilt, "der euroskeptische Geist ist aus der Flasche".

Das populärste Gesicht der Brexit-Kampagne, der ehemalig Londoner Bürgermeister Boris Johnson, gab sich zurückhaltender. Er dankte den Wählern, bezeichnete die Abstimmung als einen Dienst an der Demokratie und erklärte, auf "das Urteil der Menschen" zu warten.

Hohe Wahlbeteiligung

Premierminister David Cameron dürfte bei einem Brexit-Votum unter massiven Druck seiner konservativen Partei geraten. Selbst im Falle eines EU-Verbleibs könnte es für ihn eng werden, da die Tories in der Frage der EU-Mitgliedschaft tief gespalten sind und ihrem Vorsitzenden eine Mitschuld für diesen parteiinternen Zwist geben. Einer der Gründe dafür ist, dass Cameron lange selbst als euroskeptisch galt und vor dem Referendum den Pro-EU-Kurs eingeschlagen hat. Nach einem Bericht des "Telegraph" forderten jedoch 80 konservative Abgeordnete - darunter alle Minister - von Cameron, unabhängig von dem Wahlausgang im Amt zu bleiben.

Die Wahlbeteiligung liegt der Nachrichtenagentur Press Association (PA) zufolge bei 71,7 Prozent. PA beruft sich auf Zahlen aus 104 von insgesamt 382 Wahlkreisen. Auch Britische Journalisten meldeten zuvor unter Berufung auf Wahlhelfer in mehreren Bezirken eine sehr hohe Wahlbeteiligung. Der Sender BBC schätzt sie auf 70-80 Prozent. Auch die Briefwahlbeteiligung sei außergewöhnlich hoch und könnte eine Rekordmarke erreichen, berichtet der "Telegraph".

Orban verlangt "tiefgreifenden Wandel"

Ungarns Regierungschef Viktor Orban verlangte indes von der EU und ihren Gremien einen "tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis". Unabhängig davon, wie das Referendum in Großbritannien ausgehe, müsse Europa "seine Lehren ziehen aus der Kritik von Millionen Bürgern, die von vielen Mitgliedstaaten geteilt wird", sagt Orban der "Bild"-Zeitung.

EU-Kommissar Günther Oettinger erklärte, die EU könne nur erfolgreich sein, wenn notwendige Schritte in der Außen- und Sicherheitspolitik "zwischen London, Brüssel und Berlin" abgestimmt werden. "Wenn wir hier mit 28 Stimmen sprechen, haben wir kein Gewicht", sagt er im ZDF.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa/AFP/rts