Politik
Islamisten der Terrororganisation Abu Sayyaf in einem ihrer Propagandavideos. Der IS würde im Süden der Philippinen gerne ein "Wilayat", eine Art Kolonie, etablieren.
Islamisten der Terrororganisation Abu Sayyaf in einem ihrer Propagandavideos. Der IS würde im Süden der Philippinen gerne ein "Wilayat", eine Art Kolonie, etablieren.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 22. Januar 2017

Schwarzes Banner vor Palmen: Die vergessene Front des Islamischen Staats

Von Benjamin Konietzny

In Syrien, dem Irak, auf dem Sinai und in Libyen – überall wächst der Druck auf die Terrororganisation Islamischer Staat. Viele tausend Kilometer entfernt jedoch finden Dschihadisten idealen Nährboden.

In Deutschland ist Abu Sayyaf vor allem mit der Geiselnahme der Familie Wallert im Jahr 2000 verknüpft. Die philippinische Terrororganisation, die Anfang der 1990er-Jahre mit viel Geld von Al-Kaida etabliert wurde, war bereits auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Von mehr als 2000 Kämpfern im Süden des Landes waren nach Angaben des Militärs nur noch wenige Hundert übrig geblieben. Aufsehenerregende Attentate und Geiselnahmen wurden seltener, auch aufgrund des Drucks, den das philippinische Militär mit Hilfe der USA auf die Islamisten im Süden ausübte. Doch es gibt Hinweise darauf, dass Abu Sayyaf zurück ist, so mächtig wie lange nicht mehr – unter der Flagge einer Organisation, die eigentlich in einem anderen Teil der Erde Angst und Schrecken verbreitet: dem Islamischen Staat.

Jürgen Kantner muss die Situation bekannt vorkommen. Mit den schwer bewaffneten Geiselnehmern im Rücken muss er vor einer Kamera posieren und ein Schild ins Bild halten. Der deutsche Skipper, der nach eigenen Angaben mehr Zeit seines Lebens auf den Weltmeeren als an Land verbracht hat, wurde schon einmal als Geisel genommen. 2008 waren er und seine Frau vor Somalia von Piraten entführt worden und befanden sich 52 Tage in der Gewalt der Männer. Am Ende zahlte der deutsche Staat und Kantner und seine Frau Sabine M. kamen frei.

Jürgen Kantner in dem Video, das die Terroristen mit ihm gedreht haben.
Jürgen Kantner in dem Video, das die Terroristen mit ihm gedreht haben.

Doch nun sieht die Lage anders aus. Kantners Frau ist nicht mehr bei ihm, sie wurde bei dem Überfall auf Kantners Segeljacht "Rockall" im Süden der Philippinen erschossen. Und alles deutet darauf hin, dass die Geiselnehmer dieses Mal von einem anderen Schlag sind als die somalischen Piraten, die offensichtlich schnelles Geld verdienen wollten. Kantner trägt einen orangenen Overall und steht in dem Grab, dass sie bereits für ihn ausgehoben haben. Im Hintergrund wehen die schwarzen Banner, die man aus Bildern aus Syrien, dem Irak oder Libyen kennt. Auf dem schwarz-rot-gelben Schild, das Kantner hält, steht "Meine letzten Stunde". Die Geiselnehmer drohen, Kantner vor laufender Kamera zu enthaupten. Er ist Gefangener des IS auf den Philippinen.

Es ist nicht das erste Video von dem Inselarchipel am Pazifischen Ozean, dessen Aufbereitung an die blutrünstigen Machwerke der Islamisten im Nahen Osten erinnert: gestochen scharfe Bilder, wechselnde Perspektiven, Zeitlupenaufnahmen, computergenerierte Effekte. In den Videos ist von einem "Wilayat" auf den Philippinen die Rede, gewissermaßen einer Kolonie des IS. In einem der Filme fordert ein Dschihadist vor malerischer Tropenkulisse kampfbereite Islamisten aus aller Welt auf, den IS auch auf den Philippinen im Kampf gegen die Ungläubigen zu unterstützen. Ein begrenzter personeller Austausch zwischen dem Kerngebiet des IS und seiner Exklave in Fernost findet bereits statt: Philippinische Dschihadisten tauchten bereits mehrmals in Propagandavideos aus Syrien auf. Umgekehrt wurden auf den Philippinen mehrfach Kämpfer aus Nordafrika oder dem Nahen Osten getötet, zuletzt im April 2016 Abu Khattab, ein marokkanischer Sprengstoffexperte.

Dutertes blutiger Drogenkrieg destabilisiert das Land

Aufforderungen dieser Art lockten noch vor kurzem Hunderte radikale Islamisten etwa aus Europa in den Krieg nach Syrien. Zwar ist das unwahrscheinlich, doch Abu Sayyaf würde sich ähnliche Wanderungsbewegungen derzeit wohl in Richtung des Inselarchipels wünschen. Und während der IS in Syrien, dem Irak und Libyen derzeit massiv unter Druck geraten ist, sind die Wachstumsbedingungen für islamistischen Terror auf den Philippinen geradezu ideal geworden. "Die Verknüpfung mit dem IS hat Abu Sayyaf und ähnlichen Gruppen in Malaysia und Indonesien enorm viel Kraft verliehen", kommentiert etwa der Sicherheitsanalyst Richard Javad Heydarian aus Manila gegenüber dem "Wall Street Journal".

Zum einen stimmen die Grundvoraussetzungen, die das Erstarken islamistischer Gruppen auf den Philippinen derzeit begünstigen: die blutige Kolonialvergangenheit, die hohe Überbevölkerung, die gigantische Kluft zwischen Arm und Reich, Korruption und die geografischen Gegebenheiten – das Land besteht aus über 7000 Inseln. Doch auch der neue Präsident des Landes, Rodrigo Duterte, der eigentlich ein entschlossenes Vorgehen gegen die Gruppierung angekündigt hatte, entpuppt sich zunehmend als Faktor, der Abu Sayyaf in die Hände spielt.

Der von Präsident Duterte ausgerufene Kriege gegen Drogen hat bisher rund 6000 Menschen das Leben gekostet.
Der von Präsident Duterte ausgerufene Kriege gegen Drogen hat bisher rund 6000 Menschen das Leben gekostet.(Foto: REUTERS)

In einem Land mit einer ohnehin hohen Mordrate, hat sich unter seiner Ägide das Klima der Gewalt noch einmal deutlich verschärft. Fast 6000 Menschen wurden Schätzungen zufolge seit seinem Amtsantritt im Juni 2016 ermordet – entweder von Polizisten oder von privaten Bürgerwehren, in jedem Fall aber motiviert durch den von ihm deklarierten Krieg gegen Drogen. Im Staat Duterte scheint die Drogenpolitik, die in erster Linie aus außergerichtlichen Todesurteilen besteht, oberste Priorität zu haben. Der international scharf kritisierte blutige Feldzug gegen die Rauschmittel hat das Land nachweislich destabilisiert und bringt Manila zunehmend in die Isolation. Mahnende Worte, etwa vom engsten Verbündeten in Washington, schmettert Duterte ab und droht den USA, die seit Jahren mit tausenden Soldaten und Schiffen die philippinische Armee unterstützen, offen mit dem Rauswurf aus dem Land. Dabei setzt er den wichtigsten Partner bei der Bekämpfung des Terrorismus' aufs Spiel.

Darüber hinaus können die Dschihadisten finanziell zunehmend Erfolge verbuchen. Nachdem sich Abu Sayyaf in den 90-er Jahren als Terrororganisation etabliert und mit Geiselnahmen größere Summen einnehmen konnte (die deutsche Familie Wallert wurde vom damaligen libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi für 25 Millionen Dollar freigekauft), drohte das einträgliche Geschäft mit den Kidnappings zu versiegen. Unter dem steigenden Druck durch die philippinische und die US-Armee wurde die Situation für die Islamisten schwieriger. Auf den Philippinen erzählte man sich irgendwann, Abu Sayyaf sei eher eine Gruppe Krimineller mit dem Schwerpunktgeschäft Kidnapping. Wenn kein Geld fließe, dann würden neue Ultimaten gestellt – so lange bis zumindest irgendein Betrag gezahlt werde. Die philippinische Armee begann schon damit, nicht mehr von einer "Terrororganisation", sondern von einer "Kidnap-for-Ransom-Group" (Eine Gruppe, die für Lösegeld Entführungen durchführt) zu sprechen.

Zahl der Geiselnahmen nimmt wieder deutlich zu

Doch auch das hat sich geändert. Durch eine Reihe bestialischer Morde vor laufender Kamera haben die Terroristen ihren aktuellen Forderungen Nachdruck verliehen. Präsident Duterte sagte, für die Freilassung einer norwegischen Geisel seien im September umgerechnet rund 1,2 Millionen US-Dollar geflossen. In einem gemeinsamen Bericht der philippinischen Armee und Polizei heißt es, die Gruppe habe in der ersten Jahreshälfte 2016 mehr als sieben Millionen Euro Lösegelder erpresst. Das ist nicht vergleichbar mit den Unsummen, die der IS in seiner "besten Zeit" im Kerngebiet in Syrien und dem Irak eingenommen hat. Doch die Beträge dürften in einer der ärmsten Regionen der Philippinen beeindrucken. Zudem steigt die Zahl der Geiselnahmen: mehr als 20 im Jahr 2014, mehr als zwei Dutzend in 2015, mehrere Dutzend 2016, abschließende Zahlen liegen noch nicht vor. Und die steigenden Einnahmen eröffnen neue Möglichkeiten: Waffen, Fahrzeuge, der Schutz von korrupten Polizisten und Lokalpolitikern.

"Wenn Abu Sayyaf Millionenbeträge durch Kidnappings einnimmt, werden die Folgen schlimm sein. Zusätzlich zu neuen Mitgliedern und Unterstützern, die die Gruppe anheuern kann, wird Abu Sayyaf Waffen, Munition, Sprengstoffe und gleichzeitig Expertenwissen anhäufen und ihren Einfluss ausbauen. Jedes Mal, wenn Abu Sayyaf in der Vergangenheit erfolgreich Lösegeld erpresst hat, haben sie massiv aufgerüstet und erfolgreich neue Rekruten in der Jugend gefunden", fasst Rohan Gunaratna, Terrorismusexperte der Nanyang-Universität Singapur, die Lage gegenüber dem Portal "Conflict News" zusammen. "Ohne die Unterstützung des Militärs und der Geheimdienste der USA und Australiens werden die Philippinen im Kampf gegen den Terrorismus versagen und der IS wird sich erfolgreich auf Mindanao (die zweitgrößte Insel des Archipels im Süden, Anm. d Red.) ausbreiten", lautet seine Einschätzung.

Einer dieser Geiseln ist derzeit Johann Kantner. An seiner Person wird erneut ein schwieriges Dilemma ausgetragen werden müssen. Verhandelt die Bundesregierung mit Terroristen, zahlt Lösegeld und feuert ihr Geschäft an und ermutigt sie, weiterzumachen? Oder versucht die Politik, den Terroristen die Geschäftsgrundlage zu entziehen? Doch dann muss Jürgen Kantner sterben.

Quelle: n-tv.de