Politik

Lange gegen Goliath Diese Frau kann Andrea Nahles wehtun

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"Ich möchte gewinnen", das sagt Simone Lange, die sich um den SPD-Vorsitz bewirbt.

(Foto: picture alliance / Peter Steffen)

Andrea Nahles will sich beim Parteitag zur SPD-Chefin wählen lassen. Ihr droht ein schlechtes Ergebnis. In der Partei ist der Unmut nach den vergangenen Monaten groß. Und Nahles hat eine Nebenbuhlerin, die es ernst meint.

"Die Andrea" hat abgesagt, "voller Terminkalender", sagt der Kreisvorsitzende der Pankower SPD und guckt, als hätte er nichts anderes erwartet. Allein ist er trotzdem nicht. Simone Lange sitzt neben ihm auf der Bühne im Rathaus von Berlin-Pankow. Die eine von zwei Kandidatinnen um den Parteivorsitz hat so freies Spiel. Warum sie gegen SPD-Fraktionschefin Nahles antritt? Nach den Turbulenzen in der Partei im Februar habe sie drei Tage überlegt, ob sie austreten solle. "Dann habe ich mir gesagt: Ich muss etwas tun. Ich kandidiere", sagt Lange zu den gut 50 Zuhörern und wird mit jedem Wort lauter. Ihre beiden Töchter sitzen in der ersten Reihe, denn in Schleswig-Holstein sind Schulferien. In dem Saal mit den hohen Decken und den riesigen Kronleuchtern sind fast alle Plätze besetzt.

Lange sieht sich selbst nicht als Protestkandidatin. Die 41-Jährige wurde im thüringischen Rudolstadt geboren. Nach dem Abitur ging sie nach Schleswig-Holstein, machte eine Ausbildung zur Polizistin, arbeitete als Kriminalbeamtin und saß vier Jahre als Abgeordnete im Landtag. Seit Januar 2017 ist Lange Oberbürgermeisterin in Flensburg. Und nun darf es gern etwas mehr sein. Beim SPD-Parteitag am 22. April in Wiesbaden ist sie die einzige Gegenkandidatin von Nahles. Lange ist absolute Außenseiterin. Ihre Chancen: schlecht. Das Duell hat etwas von David gegen Goliath. Wenn es aus Langes Sicht überhaupt einen Vorteil gibt, dann diesen: Sie kann gewissermaßen nur gewinnen.

So manchen würde eine solche Aussichtslosigkeit abschrecken, für Lange und ihr Team hat sie einen besonderen Reiz. 15 ehrenamtliche Helfer unterstützen ihre Kampagne und Langes Tour durch die Republik. Damit OB-Amt und Kandidatur sich nicht in die Quere kommen, hat sie sich Urlaub genommen. Auf dem Plan des Mini-Wahlkampfes stehen Diskussionsveranstaltungen in allen Bundesländern, ein Spaziergang durch die thüringische Stadt Saalfeld, nahe ihrem Geburtsort, Skype- und Facebook-Konferenzen. Etwa 20 Termine, zu denen meist 50 bis 100 Besucher kamen. Mehr als 80 SPD-Ortsvereine unterstützen ihre Kandidatur bisher. Das sind deutlich mehr als die drei, die sie formal vorweisen muss, in Anbetracht von deutschlandweit etwa 7700 SPD-Ortsvereinen aber nicht viel.

Projektionsfläche für Genossen-Frust

Was sie will, macht Lange auch in Berlin deutlich. Sie fordert ein neues Grundsatzprogramm für ihre Partei, eine nachhaltigere Umweltpolitik und ein Ende der Russland-Sanktionen. Ihr Kernthema ist jedoch ein anderes: Lange fordert eine Rückabwicklung von Hartz IV. Dies sei "der Schlüsselmoment, um wieder erfolgreich zu sein". Die SPD sei damals falsch abgebogen, sagt sie. Die Agenda-Reformen entsprächen nicht dem Menschenbild der SPD. "Ich will das gesamte System durch etwas anderes ersetzen." Als der kommissarische Parteichef Olaf Scholz sich kürzlich für den Erhalt von Hartz IV aussprach, kritisierte Lange ihn scharf. Es sei ein fataler Fehler, die Debatte so abzuwürgen.

In ihrem Mini-Wahlkampf versucht Lange, sich als Gegenentwurf zu profilieren. Sie beklagt eine Entfremdung zwischen Parteivorstand und Basis. Das Umkippen beim Thema Große Koalition, die Hinterzimmer-Küngelei und die Vor-Festlegung auf Nahles als Vorsitzende: Die vergangenen Monate haben bei vielen SPD-Mitgliedern großen Frust produziert. "Darüber habe ich mich geärgert. Das höchste Amt der Partei muss demokratisch gewählt werden", sagt Lange. Sie stellt sich nun an die Spitze der Enttäuschten, bietet Projektionsfläche für die Kritik an der Führung. Eine dankbare Nische mit viel Mobilisierungspotential.

Ihren Aufstand zelebriert Lange auch in anderer Hinsicht. Sie moniert einen unfairen Umgang im Zusammenhang mit ihrer Kandidatur. Eine frühzeitige Vorstellung im Vorstand und ein öffentliches Rededuell mit Nahles wurden abgelehnt. Die Anfrage, sich in der Bundestagsfraktion vorzustellen, wurde nicht einmal beantwortet. Im Gegensatz zu Nahles darf sie auch nicht beim Landesparteitag in Niedersachsen sprechen. Ein "offener, fairer Wettbewerb" wäre besser gewesen, sagt sie. Im Rathaus Pankow meldet sich eine Frau zu Wort. Sie wettert über den sozialdemokratischen Außenminister Heiko Maas und seine Entscheidung, russische Diplomaten auszuweisen - eine dankbare Vorlage für Lange. "Woraus begründen unsere Minister ihre Haltung?", beklagt sie. "Wir haben das Gefühl,nicht mehr beteiligt zu werden, wir erfahren Entscheidungen aus den Medien."

"Ich bin das Neue in Person"

"Wir" ist ein Lieblingswort von Simone Lange. Etwas später wird sie sagen: "Ich spreche immer im Wir. Politik ist eine Teamleistung." Über den Umgang in der Parteiführung in den vergangenen Monaten sagt sie, man müsse endlich wegkommen vom Boxsport und mehr zusammen spielen. Lange ist zwar nur sechs Jahre jünger als ihre Gegnerin, aber trotzdem in vielerlei Hinsicht das Gegenteil. Nahles mag im Gegensatz zu dem ehemaligen Parteichef Martin Schulz und Ex-Fraktionschef Thomas Oppermann als Vertreterin einer jüngeren Generation durchgehen. Als neues Gesicht und Zeichen der Erneuerung taugt sie, die die Partei seit Jahren in prominenter Stelle vertritt, dabei jedoch nicht. "Ich bin das Neue in Person", sagt die bundespolitisch unerfahrene Lange in Berlin.

Nahles will als Fraktions- und Parteivorsitzende ein klares Machtzentrum für die SPD, statt zwei miteinander konkurrierende. Lange hält das für falsch, sie will, dass die Partei eine eigenständigere Rolle spielt. "Vormittags Regierungsarbeit tragen und nachmittags die Partei erneuern wird nicht gelingen", sagt sie. Lange erhält nicht nur bei ihren Auftritten positive Resonanz. Grünen-Chef Robert Habeck, der sie aus Schleswig-Holstein kennt, bezeichnete sie als furchtlose und fröhliche Frau. "Furchtlosigkeit und Fröhlichkeit kann die SPD derzeit gut gebrauchen", sagt er. In der SPD hält sich die Zahl der prominenten Unterstützer in Grenzen. Aus ihrem Umfeld fallen ein paar Namen. Darunter der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig, der frühere SPD-Politiker Rudolf Dreßler, der Berliner Fraktionschef Raed Saleh und der Bundestagsabgeordnete Swen Schulz.

Simone Lange will in jedem Fall Oberbürgermeisterin von Flensburg bleiben. Ob es zu einem späteren Zeitpunkt einen Wechsel in die Bundespolitik geben könne? Das werde die Partei entscheiden, sagt sie im Rathausfoyer etwas geheimnisvoll. Ein langjähriger Bundestagsabgeordneter glaubt zwar nicht daran, dass Lange gewinnen kann, sagt aber: "Sie wird mehr Stimmen kriegen, als viele erwarten." Er hält bis zu 25 Prozent für möglich. Eine kritische Grenze. Sigmar Gabriel erhielt bei seiner Wiederwahl vor zweieinhalb Jahren schlappe 74 Prozent. Ein noch schlechteres Abschneiden wäre ein ziemlich mauer Auftakt für eine neue Parteivorsitzende. Ein allzu triumphales Ergebnis wäre nach den 100 Prozent für Martin Schulz vor einem Jahr und dem chaotischen Auftreten der Partei in den vergangenen Wochen für Nahles aber auch schwer zu verkaufen. Nicht zu schlecht, aber auch nicht zu gut: Der Korridor ist schmal. Simone Lange kann es da wesentlich entspannter angehen lassen. Sie hat vielleicht keine Chance, dennoch kann sie Nahles richtig wehtun.

Quelle: n-tv.de

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